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| 16:08 Uhr

Fernweh
Mal eben leben ...

Au revoir Cottbus: Stefan und Martin Bremer zieht‘s in neue Gefilde.
Au revoir Cottbus: Stefan und Martin Bremer zieht‘s in neue Gefilde. FOTO: Daniel Schauff / LR
Cottbus/Bangkok/Guatemala-Stadt. Fernweh plagt die beiden Brüder Martin und Stefan Bremer. Die Richtungen, die sie einschlagen, könnten allerdings unterschiedlicher nicht sein. Von Daniel Schauff

„Malebenleben“ hat Martin Bremer seinen Blog genannt. Der Name sei gut angekommen, sagt er. Zweimal „leben“ im Titel, das bleibt im Gedächtnis hängen. Sogar Spenden hat er schon gesammelt, teils mehr als 50 Euro, teils auch nur zwei bis drei Euro. Was er sich davon kauft, beschreibt er im Blog. Einen Regenschutz für den Rucksack, ein Wörterbuch für Situationen, wenn ihm die Worte mal fehlen – beides wird mit auf seine Reise gehen. Und von 50 Euro, das schreibt der 28-jährige Cottbuser auch, kann er in Vietnam mehr als einen Monat leben.

Dorthin, aber nicht nur dorthin, zieht es Martin Bremer. Ihm reicht’s in Deutschland. Dabei geht es ihm nicht schlecht. Gerade erst hat er sein Referendariat abgeschlossen, arbeitet seit einiger Zeit als Lehrer an einer Cottbuser Schule. Eigentlich ist das der Job, den er immer machen wollte – dachte er zumindest, bis er schließlich Lehrer war. Jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen, jeden Tag mehr oder weniger das Gleiche tun, selbst das Stadtleben – das alles ist doch nicht seins, hat er festgestellt. Mit einem Fischer raus aufs Meer fahren und ihn unterstützen, einer Schildkröte beim Schlüpfen helfen, sich durchschlagen müssen – das erscheint dem 28-Jährigen spannender. In ein paar Tagen packt er seine Koffer und fliegt nach Bangkok. Erst zum Reisen, sagt er, später auch zum Arbeiten.

Die ersten Arbeitsangebote hat er bereits in der Tasche, die ersten Verabredungen getroffen. Es sei schon komisch, irgendwo hin zu fahren, wo keiner auf ihn warte, sagt er. Komisch sei es auch, nahezu den ganzen Besitz verkauft zu haben. Das Auto hat er zu Geld gemacht, viele andere Dinge auch. Fürs Startkapital, sagt er. Kurz nach der Ankunft in Südostasien wird er seinen aktuellen Plänen zufolge Geld zum Leben verdienen – und sich vielleicht ein paar seiner Träume in weiter Ferne erfüllen: mit Elefanten baden gehen, mit einem Heißluftballon fliegen, zu einem Schiffswrack tauchen ... Eine ganze Liste von Ländern hat Martin Bremer auf seiner Reiseliste: Thailand, Kambodscha, Vietnam, Laos, Malaysia, Indonesien, die Philippinen, Myanmar, Bangladesch, China, Indien und Nepal. Wie viel Zeit er braucht, um glücklich zu werden, vermag er nicht zu sagen. Es kann sein, dass er nach drei Monaten wieder nach Deutschland kommt, schreibt er in seinem Blog. Es kann aber auch sein, dass er nie wiederkommt, sagt er.

Martins jüngerer Bruder Stefan sitzt mit am Tisch, als der Lehrer über seine Pläne in Asien berichtet. Auch Stefan zieht es in die Ferne – nicht für immer, sagt er, erst einmal für zehn Tage. Guatemala ist sein erklärtes Ziel. Dort gibt es einen Bekannten, den Stefan Bremer noch aus Schulzeiten kennt. Stefan Bremer ist Filmemacher, hat bereits einige Musikvideos gedreht, dreht Imagefilme, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Und um zu sparen: In Guatemala will er eine Doku drehen, eine Art Reportage aus der Ich-Perspektive. Sein Freund soll ihm Land und Leute zeigen, er hält die Kamera drauf. In einem so genannten V-log (Video-Blog) will er über seine Eindrücke und Erlebnisse berichten, nach seiner Rückkehr den Film fertig machen. Vielleicht verkauft sich der Film, sagt er. Vielleicht aber auch nicht. Ums Finanzielle geht es Stefan Bremer bei dem Projekt nicht, vielmehr darum, als Filmemacher seine Idee zu verwirklichen. Wie lang der Film wird, welche Themen er darin ansprechen wird und ob das fertige Werk dann seine Fans findet, weiß der 26-Jährige noch nicht. Sein Flieger geht bereits in wenigen Tagen, zuerst nach New York, wo seine Freundin derzeit ein Au-Pair-Jahr absolviert, dann weiter in Richtung Süden.

Stefan Bremer hat viel über Guatemala gelesen, über die schönen Seiten ebenso wie über die dunklen. Korruption sei ein Thema dort, sagt er und hofft, die vielleicht sogar im Film einfangen zu können. In Guatemala-Stadt, sagt der Filmemacher, gebe es einen riesigen Müllberg, auf dem Kinder spielen und der mittlerweile ins Stadtbild gehöre. Dort will er einige Szenen in den Kasten kriegen. „Es geht mir auch darum zu sehen, ob die Menschen dort mit weniger vielleicht sogar glücklicher sind als wir“, sagt er, während er in einem Notizbuch blättert, in dem er Dutzende Ideen für den Dreh festgehalten hat. Nicht fehlen darf auch seine Analog-Fotokamera. Bremer ist auch Fotograf, will die Bilder aus Mittelamerika später vielleicht sogar verkaufen – als Kalender zum Beispiel, je nachdem, was ihm vor die Linse gerät. Eigentlich, erzählt Bruder Martin, hatten die beiden vor, gemeinsam auszuwandern. Stefan hatte dann aber irgendwann entschieden, doch in Cottbus zu bleiben. Für Martin war das kein Hindernis, seinen Traum durchzuziehen, sagt er. Je näher es allerdings auf den Abreisetag zugeht, desto komischer werde das Gefühl. Überwiegen tue aber die Vorfreunde, sagt er.