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| 19:11 Uhr

Cottbus
150 Schmetterlinge für das Leben

 Die Schindlers freuen sich über die Schmetterlingswand an der Bewegten Grundschule: Alexander, Joey, Jeffrey, Steven und Ariana Schindler (v.l.). Die Amerikaner fühlen sich wieder mit Cottbus verbunden.
Die Schindlers freuen sich über die Schmetterlingswand an der Bewegten Grundschule: Alexander, Joey, Jeffrey, Steven und Ariana Schindler (v.l.). Die Amerikaner fühlen sich wieder mit Cottbus verbunden. FOTO: ZB / Patrick Pleul
Cottbus. Die Bewegte Grundschule bringt als erste Einrichtung das Holocaust-Erinnerungsrojekt nach Deutschland. Von Peggy Kompalla

Mosche, Hannah, Hans-Jakob, Mario, Brigitte, Ursula, Ephraim, Lenka und Tamas – das sind Namen von Kindern, die im Holocaust ihr Leben verloren haben. Seit Freitag erinnern Schmetterlinge an der Hauswand der Bewegten Grundschule an ihre Schicksale. Jeder der 150 bunten Keramik-Falter steht für eine Biografie. Einige der Ermordeten stammten aus Cottbus. Ihre Namen werden am Freitag ausgesprochen – darunter auch der von Cäcilie Schindler.

Steven Schindler ist gerührt, die Stimme brüchig, als er sagt: „Dieser Schmetterling ist das erste, das an meine Tante erinnert.“ Der Sohn des Holocaust-Überlebenden Max Schindler hat gemeinsam mit vielen unermüdlichen Helfern diesseits und jenseits des Atlantiks das Butterfly-Projekt von San Diego in Kalifornien nach Cottbus gebracht. Die Bewegte Grundschule ist die erste Einrichtung in Deutschland, die auf diese Weise geschichtliche Bildung über den Holocaust mit künstlerischer Gestaltung verbindet. Die Kinder setzen sich dabei nicht nur mit den Gräueln der Vergangenheit auseinandersetzen, sondern lernen vor allem, aufeinander zu achten.

Bei Schulleiterin Anja Lehnigk brauchte es keine Überzeugungsarbeit. „Aus unserer Schule wurde im Jahr 1939 ein jüdisches Kind von der Gestapo aus dem Unterricht geholt“, erzählt sie. Das war Alfred Schindler – der Onkel von Steven Schindler. Der Junge war damals neun Jahre alt. Heute erinnert im Treppenhaus der Schule ein Foto an ihn. Alfred und sein Bruder Max haben als einzige der fünfköpfigen Familie aus Cottbus den Holocaust überlebt. Beide emigrierten später in die USA. Max wurde Vater und Großvater. Am Freitag sind fünf Schindlers an den einstigen Heimatort ihrer Vorfahren zurückgekehrt. Zwei Söhne und drei Enkel weihen gemeinsam mit den Schulkindern die Schmetterlings-Wand ein. Sie sprechen mit Rabbi Walter Rothschild einen Kaddisch für das Seelenheil der Toten. Die Kinder lauschen andächtig und reißen dann voller Freude das Tuch von der Installation. An diesem Tag wird das Leben gefeiert.

Das Butterfly-Projekt wurde von der Lehrerin Jan Landau und der Künstlerin Cheryl Rattner-Price in San Diego ins Leben gerufen und findet seither weltweit immer mehr Unterstützer. Dazu inspiriert wurden die Frauen von der Bauhaus-Lehrerin Friedl Dicker-Brandeis, die einen Koffer voller Malutensilien ins Konzentrationslager mitnahm. In Theresienstadt half sie Kindern, mit ihrer Verzweiflung mithilfe der Kunst umzugehen. Sie selbst überlebte das Lager nicht, aber viele der Zeichnungen, die sie versteckt hatte. Mit den Bildern haben sich die Cottbuser Kinder der fünften und sechsten Klasse auseinandergesetzt und eigene Gedanken dazu verfasst, wobei sie tief in die Gefühlswelt der jüdischen Kinder eindrangen.

Nicole Nocons Tochter besucht die Bewegte Grundschule. Die Mutter hat maßgeblich mitgeholfen, das Butterfly-Projekt nach Cottbus zu holen. Sie sagt: „Der Holocaust wird in der Schule erst in der neunten Klasse behandelt. Das ist viel zu spät. Man kann die Kinder damit auch viel früher konfrontieren. Sie sind offen und neugierig.“ Das beweist das Butterfly-Projekt. In Cottbus hat es bereits viele Herzen gerührt.

Die Bewegte Grundschule soll nur der Anfang sein. Ziel ist es, weitere Einrichtungen für das Projekt zu gewinnen und ein entsprechendes Bildungsprogramm aufzusetzen. Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) bemalte auch einen Schmetterling. Er sagt: „Wir Heutigen sind nicht verantwortlich für die Taten, aber wir haben eine gemeinsame Verantwortung daran zu erinnern.“ Die Schulleiterin deutet auf die Wand: „Wir haben noch viel Platz.“

Alfred und Max Schindler erleben das nicht mehr. Der eine starb 1991, der andere 2017. Aber die Kinder und Kindeskinder sind längst wieder mit Cottbus eng verbunden.