Von Beate Möschl

Während in der Kohlekommission noch um den vermeintlich saubersten Mix bei der Energieerzeugung und die Bedingungen für den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung gerungen wird, zeichnen sich im Geschäft mit dem Endverbraucher ganz andere Verwerfungen ab. Zunehmend tummeln sich Anbieter im Markt, die mit Energieversorgung klassisch nichts zu tun haben. Ihr Sprungbrett ist die Digitalisierung.

„Die Digitalisierung stellt traditionelle Branchengrenzen auf den Kopf. Daten können von jedem Unternehmen gesammelt, ausgewertet und genutzt werden, um daraus Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Dies gilt selbstverständlich auch für die Energiewirtschaft. Immer mehr branchenfremde Konzerne und Start-ups drängen mit neuen digitalen Angeboten in den Energiemarkt“, schildert Dr. Andreas Auerbauch, enviaM-Vorstand Vertrieb, und nennt prominente Beispiele wie Apple, Google und Telekom mit ihren Smart-Home-Angeboten oder Start-up-Unternehmen wie tado und Kiwigrid. Tado entwickelt Lösungen für eine neue Heizungssteuerung. Kiwigrid arbeitet an Softwarelösungen für intelligentes Energiemanagement.

Die Herausforderung für die Energiebranche in Deutschland ist, sich auf diese Entwicklung einzustellen. Ostdeutschlands größter Energiedienstleister, die envia Mitteldeutsche Energie AG (enviaM) mit Sitz in Chemnitz hat in Leipzig einen Einblick gegeben, wie das funktionieren kann. Leipzig wird aus Sicht des Unternehmens zur Drehscheibe für die Digitalisierung der Energiewende in Deutschland.

In der sächsischen Metropole hat sich das bundesweit einmalige Zentrum für die Digitalisierung der Energieversorgung, das Smart Infrastructure Hub angesiedelt. In dem „Turbolabor“ auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei arbeiten Unternehmen wie die enviaM-Gruppe und junge Gründer zusammen, um gemeinsam neue digitale Produkte und Dienstleistungen für die Energiewelt der Zukunft zu entwickeln. Die enviaM-Gruppe gehört zu den Förderern des Zentrums gemeinsam mit anderen Partnern wie die Leipziger Strombörse EEX, die Verbundnetzgas-Gruppe (VNG) oder die AOK.

Das private Kapital ist es denn auch, was dem Spinlab hilft, auch das Smart Infrastructure Hub zum Turbolabor zu machen. „Ein Großteil unserer Mittel kommt von privater Seite. Das ist der Grund, warum wir schneller sind als viele staatliche Initiativen“, schildert Dr. Eric Weber. Er spricht von einer doppelten Rendite: Zum einen in Form von Wirtschaftsförderung – vom Gründerklima profitiere der Wirtschaftsstandort Mitteldeutschland. Die Allgemeinheit wiederum profitiere von den intelligenten Lösungen und Produkten, die in den Start-ups mit Unterstützung aus Forschung und Wirtschaft angestoßen werden. Weber ist Geschäftsführer des Spinlab Leipzig und steuert mit seinem Team auch die Arbeit des Smart Infrastructur Hub, unterstützt von der Wirtschaftsfördergesellschaft Leipzig .

„Ostdeutschland ist Vorreiter bei der Energiewende. Mit dem Zentrum für Digitalisierung der Energieversorgung baut die Region ihre Führungsposition weiter aus. Wir wollen Leipzig zur ersten Adresse in Deutschland für die Digitalisierung der Energiewende machen“, unterstreicht Andreas Auerbach das Engagement. Die enviaM-Gruppe sieht in der Digitalisierung große Chancen für den Ausbau der Marktführerschaft in Ostdeutschland. „Wir haben eine klare Vision. Unser Ziel ist es, zusammen mit Partnern aus der Region das Internet der Energie zu gestalten. Vom Smart Infrastructure Hub in Leipzig versprechen wir uns dafür wertvolle Impulse. Wir bekommen hier Zugang zu digitalen Talenten, mit denen wir marktfähige digitale Geschäftsmodelle auf den Weg bringen.“

Spinlab-Geschäftsführer Eric Weber sieht das Zentrum auf einem guten Weg. „Das Interesse von hochqualifizierten Start-ups aus dem In- und Ausland bei uns zu arbeiten, ist riesig. Wir haben über 500 Bewerbungen.“

In dem Zentrum halten sich laufend zwei Start-ups aus dem Bereich Energie auf. Sie sind hier jeweils sechs Monate tätig und werden im Anschluss durch neue Start-ups ersetzt. Zu ihnen gehört auch „The SQLNet Company GmbH“, deren Geschäftsidee auf Anhieb überzeugte. Das Start-up hat eine Software entwickelt, die dabei hilft, die sehr zeitintensive Aufbereitung von Daten zu automatisieren, um genauere Prognosemodelle schneller zu erstellen. In der Energiewirtschaft lassen sich so beispielsweise Ausfälle von Kraftwerken oder der Energiebedarf von Haushalten sehr viel einfacher und besser vorhersagen. „Darin sehe ich eine große Chance“, sagt Holger Heinze, Leiter Unternehmensentwicklung bei enviaM.

„Von der Zusammenarbeit mit dem Smart Infrastructure Hub erhoffen wir uns, neue Kunden zu gewinnen und unser Produkt noch zielgerichteter auf ihre Bedürfnisse anzupassen. Anliegen ist, unseren Geschäftspartnern einen langfristigen Mehrwert zu bieten“, betont SQLNet-Geschäftsführer Alexander Uhlig. Zu den Kunden des im Juli 2017 in Leipzig gegründeten Start-ups, gehören bereits Unternehmen wie VW und Zeiss. Auch die enviaM-Gruppe ist interessiert.