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Interview mit Berndt Weiße
„Ich denke, ich hab’ mein Ding gemacht“

Oberbürgermeister Holger Kelch (li.) und Stadtverordnetenvorsitzender Reinhard Drogla (re.) verabschiedeten den Bildungsdezernenten Bernd Weiße und beglückwünschten dessen Nachfolgerin Maren Diekmann.
Oberbürgermeister Holger Kelch (li.) und Stadtverordnetenvorsitzender Reinhard Drogla (re.) verabschiedeten den Bildungsdezernenten Bernd Weiße und beglückwünschten dessen Nachfolgerin Maren Diekmann. FOTO: Peggy Kompalla / Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus. Berndt Weiße, scheidender Geschäftsbereichsleiter Jugend, Kultur, Soziales in Cottbus, zieht eine Bilanz seiner Arbeit.

Über ein  viertel Jahrhundert hat Berndt Weiße in verantwortlicher Position die Kultur- und Bildungslandschaft der Stadt Cottbus geprägt. Jetzt verabschiedet er sich in den Ruhestand. Im RUNDSCHAU-Interview zieht der 65-Jährige Bilanz, benennt Erfolge und Probleme.

Herr Weiße, seit 2005 hatten Sie als Dezernent im Cottbuser Rathaus die Bereiche Jugend, Kultur und Soziales zu verantworten. Jetzt gehen Sie in Rente. Unter Ihren Mitarbeitern gelten Sie als jemand, der die Verwaltungsarbeit von der Pike auf kennengelernt hat.

Berndt Weiße Bis 1979 war ich Lehrer für Mathematik, Physik und Astronomie und habe anschließend in der Bezirksschulverwaltung gearbeitet. Seit dem 1. Juli 1991 bin ich im Rathaus. Damals war Vieles im Aufbau. Das war eine bewegende Zeit, wo auch viele Dinge nicht geregelt waren.

 Wo es viel Gestaltungsspielraum gab?

Berndt Weiße Damals bestand das Schulverwaltungsamt aus mehr als hundert Mitarbeitern. Anders als heute gehörten das Schulamt, die Berufsberatung und der Werterhaltungsbereich dazu. Ich bin als Schulplaner eingestiegen, habe 1993 den ersten Cottbuser Schulentwicklungsplan vorgelegt. Von Schulschließung war damals noch nicht die Rede. Und wir hatten Geld, konnten Schulen großzügig ausstatten und bauliche Probleme lösen. Bis zur BUGA war das  -im Vergleich zu heute - eine berauschende Zeit. Das haben wir später nie wieder erlebt.

Gibt es so etwas wie ein Husarenstück aus der Anfangszeit?

Weiße Wenn es dringenden Handlungsbedarf gab, hat man sich an einen Tisch gesetzt, sich in die Augen gesehen und ein Protokoll geschrieben. So sind manchmal bis zu 100.000 D-Mark ausgegeben worden.

Ein besonderes Projekt?

Berndt Weiße Es gab diese allgemeine Aufbauunruhe, dieses Gefühl, Tag für Tag bringen wir die Stadt voran. Gebäude, Straßen, Brücken wurden saniert. Wir haben damals die erste Schule in der Rudniki gebaut. Dafür wurde ein Drittel der Zeit gebraucht, die heute für ein solches Projekt benötigt wird.

 Worauf sind Sie besonders stolz?

Berndt Weiße Ich habe über all die Jahre dem Thema Bildung die Treue gehalten, habe immer versucht, guten Kontakt zu meinen Schulen zu halten. Und habe mich immer dafür eingesetzt, dass die Schulleiter als das wahrgenommen werden, was sie sind, nämlich als Vermittler von Politikmeinung und Sachmeinung. Deswegen war es immer wichtig, ehrlich mit ihnen umzugehen. Die Schulentwicklungsplanung begleite ich bis heute.

 Und wie sieht es mit der Kultur aus?

Berndt Weiße Das Gesicht von Cottbus wird maßgeblich von der Kulturlandschaft bestimmt. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass man an diesem Gesicht nicht herumdoktert. Dass man die Qualität der Kultur in Cottbus erhält. Wenn ich die Theater- und die Kunstszene sehe oder das Konservatorium und die vielfältigen Sportangebote, weiß ich: Darauf können wir stolz sein.

 In der Kita-Entwicklung ist nicht alles so gut gelaufen. Das zeigen auch die Konflikte der vergangenen Monate.

Berndt Weiße Wir haben in der Euphorie der 90er-Jahre gesagt: Alle Kitas abgeben. Das machen freie Träger viel besser. So gibt es nur vier Horte in städtischer Trägerschaft und keine einzige Kita. Wir hätten aber wenigstens zwei, drei Kitas behalten müssen, um uns unsere Steuerungsmöglichkeiten zu erhalten. Dann könnten wir sagen: Liebe Träger, wir zeigen euch, dass wir mit den gleichen finanziellen Zuwendungen eine Kita tragen können.

 Was ist noch schlecht gelaufen?

Berndt Weiße Wir haben in der Schulentwicklung Anfang dieses Jahrhunderts Entwicklungsdefizite zugelassen, weil wir uns einer Landespolitik anschließen mussten, die da hieß: Gymnasien und nichts weiter und Elternwille zuerst. Und das hat dazu geführt, dass wir noch heute eine Überkapazität an Gymnasien haben. Die Relationen zwischen Gymnasium, Oberschule und Gesamtschule sind nicht ausgewogen. Das spürt man z. B. daran, dass nach der 10. Klasse unverhältnismäßig viele Schüler die Gymnasien verlassen und an die Fontaneschule oder das Berufliche Gymnasium am OSZ gehen. Oder wir haben die Förderschulen mit einer unnötigen Eile abgeschafft, obwohl das „Handwerkszeug“ für die Regelschule nicht da war: mit Heilpädagogen und Sonderpädagogen. Das Ergebnis ist, dass wir heute die Lehrer mit pädagogischen Problemen belasten, für die sie nicht ausgebildet sind und für die nicht genügend Ressource vorhanden ist.

 Wie ist das Problem zu lösen?

Berndt Weiße Es fehlt eine klare schulpolitische Linie. Inklusion ist nicht in zwei Jahren zu schaffen. Das dauert zehn Jahre. Weil Schritt für Schritt der pädagogische Nachwuchs ausgebildet werden muss. Was wir heute notgedrungen mit den Quereinsteigern machen, führt ja wieder zu einem Qualitätsproblem. Das sind politische Schnellschüsse.

 Wie muss man sich den typischen Arbeitstag eines Geschäftsbereichsleiters vorstellen?

An mindestens 10 von 20 Arbeitstagen im Monat gibt es Abendtermine: Ausschüsse, Ausstellungseröffnungen und Veranstaltungen jeglicher Art. An den Wochenenden waren die Kultur- und Sporttermine vorherrschend. Trotzdem war ich jeden Morgen pünktlich im Rathaus, weil die Verwaltungsabläufe ebenso gesichert werden mussten. Das alles verlangt die Bereitschaft, mehr als 40 Wochenstunden unterwegs zu sein.

 Aber jetzt ist erst einmal Ruhe angesagt?

Berndt Weiße Ein halbes Jahr will ich mir erst einmal das Gefühl für das Rentendasein erarbeiten. Aber ich will in einigen Bereichen aktiv bleiben: wenn es um Kinder oder um Kulturfragen geht. Ich will weiterhin Sport treiben, endlich zum Bücher lesen kommen und mich natürlich mehr um die familiären Belange kümmern. Und ich habe noch ein paar Jobs aus meiner jetzigen Arbeit, die weiterlaufen. Zum Beispiel im Ausschuss der Brandenburgischen Kulturstiftung, der die Entwicklung des Landeskunstmuseums begleitet, oder in der Demografiekommission des Landes Brandenburg. Dort kann ich mein Erfahrungswissen einbringen.

 Und privat? Ist eine Weltreise geplant?

Berndt Weiße Nein, nein, meine Frau muss ja noch arbeiten. Aber ich habe jetzt keine Wochenendtermine mehr. Da können wir endlich mal die Wochenenden gemeinsam verbringen und auch Unternehmungen planen – wir haben da schon so einige Ideen. Darauf freue ich mich.

 Und für welche Hobbys haben Sie jetzt Zeit?

Berndt Weiße Ich bin davon überzeugt, dass ich mit Optimismus und positiver Lebenseinstellung ein gesundes Ende meiner beruflichen Laufbahn nur erreicht habe, weil ich die ganzen Jahre über sportlich aktiv war. Ich laufe seit vielen Jahre Langstrecke und war früher zum Beispiel ein aktiver Oktoberläufer. Diesen Ehrgeiz, an Wettbewerben teilzunehmen, habe ich heute nicht mehr. Aber ich laufe seit 1979 mindestens einmal in der Woche 10 bis 20 Kilometer. Außerdem mache ich seit 15 Jahren jeden Morgen 30 Minuten Frühsport.

 Wie viele Liegestütze schaffen Sie?

Berndt Weiße 80 Stück mach ich Ihnen vor. Es ist für mich ein Bedürfnis, mich mit Sport gesund zu erhalten. Wir fahren liebend gern ins Gebirge und machen Wanderungen in der Alpenregion. Das macht den Kopf frei. Ich kann jedem, der eine Schreibtischarbeit hat, diese oder ähnliche Aktivitäten nur empfehlen.

 Andere Hobbys?

Berndt Weiße Früher habe ich leidenschaftlich Schach gespielt. Vielleicht schließe ich mich einem Verein an, wo ich wieder organisiert Schach spielen kann. Ich habe auch Trompete gespielt. Und ich habe drei Enkel. Jetzt muss ich einfach nach und nach sehen: Was kann ich aus diesem Leben noch machen? Aber wenn mich ein Kollege anruft und bittet: Kannst Du mir helfen?, werde ich mich natürlich nicht verweigern. Man geht vom großen „Schiff“ Stadtverwaltung. Diesen Dampfer hat man mit gesteuert – mit viel Erfahrungswissen im Kopf. Das nehme ich nun mit in meine Rente. Da ist schon ein Stück Wehmut dabei. Aber es überwiegt die Freude. Ich gehe gerne in den Ruhestand, weil ich denke: Ich hab’ mein Ding gemacht.

Mit Berndt Weiße
sprach Ulrike Elsner