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| 02:37 Uhr

Deutschkurse sind das A und O

Morsal mit ihren Eltern Gulmakay und Bashir Ahmad Fazel. Die wilden afghanischen Reiter hat der Familienvater gemalt.
Morsal mit ihren Eltern Gulmakay und Bashir Ahmad Fazel. Die wilden afghanischen Reiter hat der Familienvater gemalt. FOTO: Elsner
Cottbus. Wie gelingt das Zusammenleben von Flüchtlingen und Einheimischen? Bashir Ahmad Fazel aus Afghanistan, der mit seiner Familie eine neue Heimat in Cottbus gefunden hat, weiß das aus eigener Erfahrung. "Ohne sofortigen intensiven Deutschunterricht geht es nicht", lautet der eindringliche Appell des 68-Jährigen. Ulrike Elsner

Die Fazels haben sich eine kleine Plattenbauwohnung in Sachsendorf hübsch eingerichtet. Das Modell einer Kabuler Moschee schmückt die gemütliche Sitzecke. Der Hausherr hat sie detailgetreu nachgebaut. Gemälde schmücken die Wände. Ein Reiterbild symbolisiert das wilde, schöne, traditionelle Afghanistan. Bashir Ahmad Fazel hat es gemalt. Der Afghane, der mit seiner Frau Gulmakay und den drei damals noch sehr kleinen Kindern 1992 vor dem Bürgerkrieg nach Pakistan und später nach Europa geflohen ist, hat sich auf diese Weise ein Stück alte Heimat nach Cottbus geholt.

"Meine Eltern wollten vor allem uns Kinder schützen", erläutert Tochter Morsal die Fluchtgründe. Die Familie habe ihren Aufenthaltsort immer wieder ändern müssen und sich schließlich auf den Weg nach Europa gemacht. Die 24-Jährige sagt heute: "Meine Heimat ist Deutschland. Doch in Kabul liegen meine Wurzeln. Die werden auch weiter in mir sein, aber ich schätze den Fortschritt, an dem ich in Deutschland teilhabe."

Bei näherer Betrachtung profitiert wohl die selbstbewusste junge Frau am meisten von der neuen Heimat. In Afghanistan hätte die Studentin für eine akademische Laufbahn große Hürden zu überwinden gehabt. "Die Strukturen hätten es nicht zugelassen", sagt Morsal Fazel. "Frauen können sich nicht sicher fühlen. Wenn sie nach Bildung streben, können sie entführt und bedroht werden." Das sei nicht immer und überall der Fall, aber immer möglich.

Studium sichert Perspektive

Auch die älteren Brüder studieren. Ali absolviert gerade ein BWL-Masterstudium, Omar studiert Wirtschaftsinformatik und betreut daneben unbegleitete minderjährige Jugendliche. Morsal selbst studiert Soziale Arbeit im dritten Semester eines BTU-Masterstudiengangs und möchte nach ihrem Abschluss das fortsetzen, was sie schon seit Jahren teilweise ehrenamtlich leistet.

Deutschland stehe angesichts der Flüchtlingszahlen vor einer großen Herausforderung, sagt Morsal Fazel. Sie ist sich jedoch sicher: "Soziale Arbeit kann viel tun, um Flüchtlingen in Deutschland ihre Rechte und Pflichten klarzumachen und eine Integration zu erreichen."

Sie selbst ist mit der deutschen Sprache und Kultur schnell vertraut geworden. "In der Regenbogen-Grundschule hatte ich kaum Probleme, mich zu entwickeln", sagt sie. Dennoch hätte sich die Cottbuserin mehr spezielle Deutschkurse gewünscht. Heute wundert sie sich, dass sie mit den Hausaufgaben meist gut klargekommen ist. Flüchtlingskinder sollten damit nicht allein gelassen werden, weil die Eltern ihnen kaum helfen können.

Gulmakay (63) und Bashir Ahmad Fazel sind mit Recht stolz auf ihre Kinder. Alle drei studieren. Omar hat eine deutsche Freundin und eine Tochter, die ganz normal und mit allen Chancen aufwächst. Die Eltern selbst aber haben für das friedliche Aufwachsen und die gute Zukunft ihrer Kinder große Opfer gebracht.

Bashir Ahmad Fazel war Bankmanager bei der afghanischen Nationalbank in Kabul. An die Zeit im Flüchtlingsheim, wo er Flure geputzt hat, um überhaupt etwas Nützliches zu tun, denkt er nicht so gern zurück. "Ich war ein anderes Leben gewöhnt", sagt der 68-Jährige. Dass er heute immer noch auf die Dolmetscherdienste seiner Tochter zurückgreifen muss, hängt wohl damit zusammen, dass er im Alter von 49 Jahren nach Deutschland kam und dass der Familie erst 2013/14 klar wurde: "Wir können nicht zurück nach Afghanistan, weil wir für das Land in absehbarer Zukunft keinen Frieden sehen."

Sprachkurs wurde verwehrt

Auf jeden Fall aber liegt es daran, dass ihm und seiner Frau für die siebenjährige Dauer ihres Asylverfahrens ein Sprachkurs verwehrt geblieben ist. Alle Fazels plädieren dafür, dass Flüchtlinge, die heute nach Deutschland kommen, sofort und intensiv Deutsch lernen sollten. Nur so könne Integration gelingen.

Auch wenn es für sie selbst nicht optimal gelaufen ist, sind die Fazels sehr offen. Hobbymaler Bashir Ahmad Fazel hat im vorigen Jahr im Glad-House ausgestellt und sich auch an der Kunstauktion zugunsten der Flüchtlingshilfe im Piccolo-Theater beteiligt. So gibt der 68-Jährige dem Land, das ihn und seine Familie aufgenommen hat, etwas zurück. Denn, so Bashir Ahmad Fazel, "Deutschland ist das beste Land auf der ganzen Erde. Es bietet Sicherheit, Bildung, ein gutes Rechtssystem und Gleichberechtigung."