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| 17:22 Uhr

Im RUNDSCHAU-Check
Der wahre Arbeitsmarkt der Lausitz

Wie viele Lausitzer sind wirklich ohne Arbeit?
Wie viele Lausitzer sind wirklich ohne Arbeit? FOTO: Patrick Pleul / dpa
Cottbus. In einem Kommentar hat RUNDSCHAU-Reporter Bodo Baumert vor drei Wochen eine „ehrliche“ Arbeitsmarktstatistik für Deutschland gefordert. Die Reaktion unserer Leser war überwältigend. Viele forderten uns auf, Zahlen folgen zu lassen. Hier sind sie: Von Bodo Baumert

Weniger als 2,4 Millionen Arbeitslose, so sieht die Statistik der Arbeitsagentur für Deutschland zum Ende Oktober aus. Es ist die offizielle Zahl, auf deren Grundlage Arbeitsmarktpolitik in Deutschland geplant wird. Seit Jahren ist diese Zahl rückläufig. Kritiker bemängeln allerdings, dass die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen wesentlich höher ist. „Die Zahlen älterer Arbeitsloser und Langzeitarbeitsloser werden systematisch kleingerechnet“, klagt etwa die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer. Die RUNDSCHAU macht den Faktencheck am Beispiel des Arbeitsagenturbezirkes Cottbus, also des Brandenburger Teils der Lausitz:

Der Lausitzer Arbeitsmarkt in der schematischen Übersicht: Von 600 000 Einwohnern gilt nach Angaben der Arbeitsagenturen rund die Hälfte als Erwerbspersonen. Offiziell arbeitslos sind 21 000 Menschen. 30 000 gelten als unterbeschäftigt, 62 000 arbeiten nur in Teilzeit.
Der Lausitzer Arbeitsmarkt in der schematischen Übersicht: Von 600 000 Einwohnern gilt nach Angaben der Arbeitsagenturen rund die Hälfte als Erwerbspersonen. Offiziell arbeitslos sind 21 000 Menschen. 30 000 gelten als unterbeschäftigt, 62 000 arbeiten nur in Teilzeit. FOTO: LR / Hellmann

Rund 600 000 Einwohner: So viele Menschen leben in den Landkreisen Dahme-Spreewald, Oberspreewald-Lausitz, Elbe-Elster, Spree-Neiße und der Stadt Cottbus zusammengenommen. (Stand 2016 mit verschiedenen Veröffentlichungen der einzelnen Kreise)

313 000 Erwerbspersonen: So viele Menschen legt die Arbeitsagentur ihrer Statistik für den Bezirk Cottbus als Berechnung zu Grunde. „Die Arbeitslosenquote wird in Bezug auf alle zivilen Erwerbspersonen (Wohnortbezug) berechnet“, erklärt der Statistikservice Ost der Arbeitsagentur auf Nachfrage. Zivile Erwerbspersonen sind: Sozialversicherungspflichtig und ausschließlich geringfügig Beschäftigte (ohne Arbeitslose), Beamte, Personen in Arbeitsgelegenheiten, Grenzpendler (auspendelnd) und Arbeitslose sowie Selbstständige und mithelfende Familienangehörige. (Stand Oktober 2017, Arbeitsmarktbericht)

21 000 Arbeitslose: So viele Personen weist der Arbeitsmarktbericht für Oktober 2017 als Bestand  aus. Die Arbeitslosenquote beträgt 6,7 Prozent, ein Jahr zuvor waren es noch 7,6 Prozent. Auf Basis dieser Zahlen informiert die Arbeitsagentur, auf dieser Basis berichten auch Medien über den Arbeitsmarkt. (Stand Oktober 2017)

30 000 Unterbeschäftigte: Dass der Kreis der Menschen, die tatsächlich keine Arbeit haben, größer ist, berichtet die Arbeitsagentur auch monatlich. Als eine von vielen Zahlen taucht im Arbeitsmarktbericht auch die Unterbeschäftigung auf. 29 783 Menschen fallen im Oktober unter den Bereich „Unterbeschäftigung im engeren Sinne“. „In der Unterbeschäftigung werden zusätzlich zu den registrierten Arbeitslosen auch die Personen erfasst, die nicht als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuches  gelten“, erläutert die Arbeitsagentur. Arbeitsmarkt-Experte Professor Stefan Sell kritisiert, dass so etwa mit kurzfristigen Beschäftigungsmaßnahmen, die Zahlen niedrig gehalten werden: „Wenn man zwei Wochen in einem Kurs ist, ‚Wie bewerbe ich mich richtig in den Zeiten des Internets‘, zählt man zu diesem Zeitpunkt nicht als Arbeitsloser, ist es aber natürlich weiterhin.“ Die Gründe dafür sind für Sell eindeutig: „Es geht ganz klar darum, die Zahlen zu drücken.“ (Stand Oktober 2017)

Wer gehört in der Lausitz konkret zu den Unterbeschäftigten?

2000 Menschen über 58 Jahren: „Erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die nach Vollendung des 58. Lebensjahres mindestens für die Dauer von zwölf Monaten Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen haben, ohne dass ihnen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten worden ist, gelten nach Ablauf dieses Zeitraums für die Dauer des jeweiligen Leistungsbezugs nicht als arbeitslos“, definiert das Sozialgesetzbuch. Ältere Arbeitslose fallen so für die Statistik unter den Tisch.

1500 Menschen in beruflicher Eingliederung: Darunter sind alle Personen erfasst, die von der Arbeitsagentur in eine Maßnahme vermittelt wurden. Diese soll ihnen helfen, sich für den Arbeitsmarkt oder eine Bewerbung zu qualifizieren.

1400 Menschen in Weiterbildung: Etwa ebensoviele stehen dem Arbeitsmarkt aufgrund einer aktuellen Weiterbildung nicht zur Verfügung. Auch diese werden aus der Arbeitslosenstatistik herausgerechnet.

1300 Menschen in Arbeitsgelegenheiten: Dahinter verbergen sich die sogenannten Ein-Euro-Jobber, offizieller Titel: „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung beim Arbeitslosengeld II“.

1800 Menschen in Fremdförderung: „Die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten erwerbsfähigen Personen, die eine Förderung erhalten oder in einer Maßnahme gefördert werden und deren Förderung nicht von der Bundesagentur für Arbeit gezahlt wird, werden unter den Personen mit Fremdförderung gezählt“, erklärt die Agentur auf Nachfrage. wer also beispielsweise über einen privaten Arbeitsvermittler Arbeit sucht, ist für die Statistik nicht arbeitslos.

111 Menschen in Sozialer Teilhabe am Arbeitsmarkt: das ist ein Förderprogramm für Langzeitarbeitslose, die Beschäftigung finden sollen in Bereichen, in denen sie keine Konkurrenz für den Arbeitsmarkt sind. Vor allem Vereine und gemeinnützige Einrichtungen profitieren vom Einsatz der Langzeitarbeitslosen.

800 Krankgeschriebene: Als „kurzfristig arbeitsunfähig“ tauchen diese Menschen in der Arbeitslosenstatistik für die Lausitz auf, oder eben nicht.

90 Gründer: Einen Gründungszuschuss oder ähnliches haben diese Personen erhalten, fallen deshalb ebenfalls aus der Statistik raus.

Tatsächlich gibt es neben den ausgewiesenen Unterbeschäftigten aber noch weitere Lausitzer ohne Arbeit. Das wird beispielsweise deutlich, wenn man sich nur einmal die Zahl der Leistungsempfänger anschaut.

5000 ALG-I-Empfänger: Wer in Deutschland arbeitslos wird, und aus seiner sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt  hat, erhält Arbeitslosengeld (ALG I) von der Agentur für Arbeit. Im Oktober waren das laut Statistik 5000 Menschen in der Lausitz. (Stand Oktober 2017)

51 000 Hartz IV-Empfänger: Weitaus größer ist der Teil der Leistungsempfänger, die die Agentur erfasst. nicht alle von ihnen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, folglich werden sie auch nicht alle als Arbeitslose erfasst. (Stand Oktober 2017)

62 000 Teilzeitbeschäftigte: Von den rund 212 000 Beschäftigen hat rund ein Viertel keine volle Stelle sondern arbeitet Teilzeit. Rund 620 000 sind es laut jüngster Erhebung der Agentur vom März 2017. Der Mikrozensus hat im vergangenen Jahr sogar noch einen höheren Wert ergeben: 69 000. Kritiker fordern, diese auch als arbeitslos zu zählen (siehe Interview), weil sie zum Teil länger arbeiten wollen, aber keine passende Anstellung finden. Laut Mikrozensus arbeitet rund die Hälfte der Teilzeitbeschäfitigten in der Lausitz zehn Stunden oder weniger pro Woche. (Stand März 2017/2016)

30 000 geringfügig Entlohnte: Als geringfügifg beschäftigt führt die Arbeitsagentur in ihren Statistiken für Südbrandenburg rund 30 000 Menschen, davon 8000 im Nebenjob. Gemeint sind die sogenannten Mini- oder 450-Euro-Jobber.  (Stand März 2017)

xxxx Sonstige: Als „Stille Reserve“ bezeichnen Arbeitsmarktexperten diejenigen, die für sich gar keine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt oder auf Hartz IV sehen und sich deshalb auch gar nicht bei der Agentur für Arbeit melden. Das trifft etwa bei Ehepaaren zu, bei denen der eine Partner gut verdient. Exakte zahlen gibt es dazu nicht. Deutschlandweit wird die Stille Reserve auf etwa eine Million Menschen geschätzt.