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| 19:09 Uhr

Lungenärzte bezweifeln Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide
Der Streit um die Luft

 Die Bahnhofstraße in Cottbus: Die aktuellen Grenzwerte werden hier nur noch selten überschritten.
Die Bahnhofstraße in Cottbus: Die aktuellen Grenzwerte werden hier nur noch selten überschritten. FOTO: Frank Hilbert
Cottbus. Lungenärzte zweifeln Grenzwerte an, auch in Cottbus. Anwohner sind verunsichert. War vielleicht auch der teure Umbau der Bahnhofstraße überzogen? Von Andrea Hilscher

Der Streit tobt seit Wochen: Wie sauber muss unsere Luft denn nun sein? Sind die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid überzogen? Ab wann drohen gesundheitliche Risiken und wie lassen sie sich vermeiden? Ausgelöst hatte den Wirbel ein Brief von Lungenärzten, den mittlerweile 135 Mediziner unterzeichnet haben – von deutschlandweit rund 3500 Lungenärzten.

Der Unterzeichner: Dr. Frank Käßner, Leiter der größten Praxis für Lungenheilkunde in Berlin-Brandenburg mit über 7000 Patienten im Quartal, gehört zu den Erstunterzeichnern des Briefes. Auch wenn ihn die Heftigkeit der kritischen Reaktionen überrascht hat – Käßner bleibt bei seiner Aussage: „Ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge ist völlig überzogen und unverhältnismäßig. Wir halten es für falsch, den Diesel für alle möglichen Krankheiten verantwortlich zu machen.“ Damit wollen er und seine Kollegen nicht einer ungebremsten Luftverschmutzung das Wort reden. „Natürlich wollen wir alle saubere Luft. Aber wir wollen, dass die aktuellen politisch motivierten Grenzwerte, auf Grundlage aktueller Studien überprüft werden, zudem müssen die Messverfahren standardisiert werden. Ansonsten schadet man einer gesundheitspolitisch sicher gut gemeinten Sache mehr, als man ihr nützt.“

In Cottbus hatte Käßner vor allem mit seiner Aussage für Kritik gesorgt, dass er in seiner langjährigen Praxis noch keinen einzigen Menschen behandelt habe, der an Feinstaub gestorben sei. Tatsächlich, so sagt er relativierend, sei es schwer, einen kausalen Zusammenhang zwischen Krebs oder anderen Lungenerkrankungen mit Belastungen wie Feinstaub zu definieren. „Aber mit den Jahren bekommt man einen Blick dafür.“ Er beruft sich auf evidenzbasierte Studien, nach denen die Luftschadstoffe erst auf Platz zehn der Risikofaktoren liegen. Rauchen, fehlende Bewegung, schlechte Ernährung und sozialer Status hätten einen weitaus größeren Einfluss auf die Gesundheit. Käßners Forderung: „Mit einem konsequenten Tabak-Werbeverbot könnte sehr viel mehr erreicht werden als mit überzogenen Grenzwerten. Denn dass es eine ganz klare Kausalität zwischen Zigarettenrauchen und den häufigen und oft tödlich verlaufenden Lungenkrankheiten chronisch obstruktive Bronchitis (COPD) und Lungenkrebs gibt, ist inzwischen unstrittig.“

Der Nicht-Unterzeichner:

Dr. Michael Prediger, Chefarzt der 3. Medizinischen Klinik am Carl-Thiem-Klinikum, hat in einem ersten Affekt mit dem Kopf geschüttelt, als er von der Initiative der grenzwertkritischen Lungen­ärzte gehört hat. „Dann habe ich mich in die Thematik vertieft, Studien und Fachliteratur nochmals durchgesehen.“ Unterschrieben hat er noch immer nicht. „Aber das heißt nicht, dass ich anderer Meinung bin als meine Fachkollegen.“ Es sei absolut indiskutabel zu versuchen, die Lungenärzte durch diesen fachlichen Streit auseinanderzudividieren.

Das Thema hat viel Staub aufgewirbelt, aber tatsächlich bezweifeln immer mehr Experten die geltenden Grenzwerte“, sagt Prediger.  Saubere Luft und gesunde Menschen seien das gemeinsame Ziel aller Fachärzte.  „Nichts gegen einen sachlichen Streit, aber die Hysterie der aktuellen Debatte ist überzogen. Die Bevölkerung wird durch diese Diskussion stark verunsichert.“ Chefarzt Michael Prediger hofft, dass alle Fachkollegen – Pneumologen, Umweltmediziner, Toxikologen und Epidemiologen –  die aktuelle Studienlage nochmals gemeinsam prüfen und sich auf vernünftige Grenzwerte einigen, die dann in die politische Debatte eingebracht werden können. „Wir brauchen klare Aussagen, wie schädlich Feinstaub und Stickoxide ab welchem Grenzwert wirklich sind.“

Er selbst kann – ebenso wenig wie sein Kollege Frank Käßner – eindeutig erklären, warum zwar die Luft in den letzten Jahrzehnten immer sauberer wird, die Zahl der Lungenerkrankungen jedoch annähernd gleich geblieben ist. „Die Berufsgruppe mit dem höchsten Risiko für Lungenkrebs, die wir in unserer Klinik sehen, sind die Berufskraftfahrer. Sie fahren zumeist Diesel, rauchen häufig und leiden oft unter Übergewicht.“ Krankheiten wie Krebs seien, so Prediger, immer auf mehrere Ursachen zurückzuführen. Cottbuser könnten jedenfalls guten Gewissens raten in der Bahnhof­straße spazieren gehen. „Dort zu joggen, ist nicht ratsam, weil durch die tiefen Atemzüge auch Schad­stoffe noch tiefer  in die Bronchien gelangen.“ Gleiches gelte für den Stadtring.