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| 17:11 Uhr

Heimatgeschichte
Der Schneckenreiter von Sandow

Das Schneckenreiterchen an der Franz-Mehring-Straße.
Das Schneckenreiterchen an der Franz-Mehring-Straße. FOTO: Dora Liersch
Cottbus. Dora Liersch erzählt die Geschichte des Schneckenreiterchens anhand einer Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause. Von Dora Liersch

Auffallend in Cottbus ist, dass es immer wieder Zeitabschnitte in der jüngeren Stadtgeschichte gibt, in denen es gehäuft zur Aufstellung von künstlerischen Objekten im Stadtgebiet kommt. Dazu zählen auch die Jahre 1938/1939. Schon länger geplant war ein Tuchmacherbrunnen, und dem Cottbuser Postkutscher sollte ebenfalls ein Brunnen gewidmet werden. Zur gleichen Zeit war auch geplant, durch eine Plastik einen Brückenpfeiler zu verzieren.

Die Putte wurde vom Bildhauer Paul Fender entworfen
Die Putte wurde vom Bildhauer Paul Fender entworfen FOTO: Sammlung Krause

Im Cottbuser Anzeiger vom 15./16. April 1939, einem Wochenende, wird unter anderem berichtet: „In einigen Wochen wird es auch soweit sein, daß auf einem Pfeiler der Sandower Brücke, die bei früheren Gelegenheiten schon erwähnte Putte, ein Schneckenreiterchen, angebracht werden kann. Es handelt sich um eine lustige Figur, die auf einer Schnecke reitet und eine Zierde der Brücke sein wird. Die Putte wurde von dem Cottbuser Bildhauer Paul Fender entworfen. Er befindet sich zur Zeit an der Kunstakademie in Berlin und ist bekannt geworden durch die Modellierung des hervorragend gestalteten Ströbitzer Ehrenmals nach einer ihm vorgelegten Zeichnung.“ Dieses Ehrenmal war bereits im Oktober 1934 enthüllt worden.

Anfang Juli 1939 waren Arbeiter damit beschäftigt, den Tuchmacherbrunnen aufzustellen. Gleichzeitig waren auch die Teile für das Schneckenreiterchen angeliefert worden. So hatte mancher Cottbuser Schwierigkeiten, die Teile richtig einzuordnen, sodass auch diesmal ein passender Bericht in der Zeitung für Klarheit sorgen musste. Das Schneckenreiterchen kam noch 1939 auf einem Mauerpodest neben dem Brückenpfeiler auf der Sandower Seite der Spree und den Kahnfährstellen zur Aufstellung.

Bis heute hält sich die Geschichte, dass das Schneckenreiterchen an ein Kind erinnern soll, das in der Spree ertrunken sei. Aber die Zeitung berichtet von einer fröhlichen Figur. Wie passt dies zusammen? Bisher gibt es keine Klarheit zu der Geschichte.

Das Schneckenreiterchen blieb unzerstört, als die Sandower Brücke im April 1945 gesprengt wurde. Es schaute auch zu, als eine hölzerne Ersatzbrücke gebaut wurde. Wahrscheinlich erst, als man die Sandower Brücke wieder richtig aufbaute, wurde das Schneckenreiterchen umgesetzt. Es kam auf ein extra gemauertes Podest zur wieder aufgebauten Pücklerbrücke (Franz-Mehring-Brücke). Dort, genau in der Franz-Mehring-Straße 12, noch in den alten Gebäuden der Druckerei Zach, befand sich auch in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre die Abteilung Grünwesen des Rates der Stadt Cottbus. So war das Schneckenreiterchen ein wenig unter Aufsicht. Dennoch geschah und geschieht es immer wieder, dass die Fühler der Schnecke als Kletterhilfe benutzt werden und dabei abbrechen. Einmal waren als Ersatzfühler relativ große Teile aufgesetzt worden, die den Proportionen zur Schnecke einfach nicht entsprachen, aber auch sie gingen entzwei.

Während des Neubaus der Wohnhäuser an dieser Stelle der Franz-Mehring-Straße und des Neubaus der Spreebrücke war das Schneckenreiterchen zeitweise anderweitig untergebracht, es hat seinen Platz an der Franz-Mehring-Straße aber wieder bezogen. Im Laufe der Jahre ist die Sandsteinfigur stark eingedunkelt.

Die Fühler der Schnecke aber fehlen auch noch – oder sie fehlen schon wieder.