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Der Schatz drückt sie wie eine Pflicht

Staatssekretärin Ulrike Gutheil (Mitte) und Referatsleiter Clemens Neumann (2. v. r.) diskutierten mit Kommunalpolitikern in Neuhausen/Spree zur überraschenden Aufnahme ins sorbisch-wendische Siedlungsgebiet.
Staatssekretärin Ulrike Gutheil (Mitte) und Referatsleiter Clemens Neumann (2. v. r.) diskutierten mit Kommunalpolitikern in Neuhausen/Spree zur überraschenden Aufnahme ins sorbisch-wendische Siedlungsgebiet. FOTO: ani
Neuhausen/Spree. Jahrelang hat Neuhausen/Spree nach wendischen Wurzeln gesucht. Bürgermeister Dieter Perko (CDU) und die Ortsbeiräte legten in Gesprächen mit den ältesten Einwohnern nicht viel Wurzelwerk frei, vielmehr liegen inzwischen die Nerven blank. Annett Igel-Allzeit

Sie fühlen sich von der Landesregierung erneut überrumpelt - wie 2003, als drei ihrer Ortsteile Cottbus zugeschlagen wurden, obwohl die Gemeinde dagegen votiert hatte. Kulturstaatssekretärin Ulrike Gutheil, Beauftragte der Landesregierung für die Angelegenheiten der Sorben/Wenden, nahm sich zweieinhalb Stunden Zeit für den Unmut.

Im Jahr 2013 hatten es die Gemeindevertreter abgelehnt, die Zugehörigkeit der Gemeinde zum angestammten Siedlungsgebiet der Sorben und Wenden anzuerkennen. Mit der Novellierung des Sorben-/Wendengesetzes 2014 konnten Orte die Feststellung der Zugehörigkeit zum Siedlungsgebiet beantragen. Nachdem die Ortsbeiräte dazu mehrfach gehört worden waren, beschloss die Gemeindevertretung im März 2016 mehrheitlich, diese Prüfung für die Ortsteile Haasow und Groß Döbbern. Im November diskutierten sie, dass doch alle 15 Orte in die Feststellung einbezogen werden. Im Januar erfuhren sie aus der Zeitung, dass der Hauptausschuss des Brandenburgischen Landtages die Gemeinde Neuhausen ins angestammte Siedlungsgebiet aufnimmt - bevor die Gemeinde in das zwölfseitige Prüfungspapier schauen konnte.

Manches, was die Prüfer aufzählen, wirkt auf Bürgermeister Perko wie "an den Haaren herbeigezogen". Nein, sie haben nichts gegen die Sorben und Wenden, betonen Gemeindevertreter und Ortsbeiräte. Sie wissen sie als Zugezogene in ihre Mitte, ermutigen Kinder zum Sorbisch-Wendisch-Unterricht, leben Bräuche. Doch reicht das, um zum angestammten Siedlungsgebiet zu gehören?

Kornelia Schimmack, Ortsvorsteherin in Komptendorf, erklärt ihre Bedenken: "Wenn Gäste kommen und den niedersorbischen Namen auf dem Ortsschild finden, werden sie nach dem Sorbisch-Wendischen fragen. Aber wir haben nichts vorzuweisen. Jetzt diese Bräuche aufleben zu lassen, das schaffen wir gar nicht." Auch der Sorbisch-Wendisch-Unterricht in der Grundschule Laubsdorf sei nur ein Zufall. "Unsere Kinder können die niedersorbische Sprache zu Hause mit uns gar nicht anwenden. Wir Eltern ermutigen sie dazu, damit sie Chancen haben, am beliebten Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus anzukommen", so Anke Dabow, Ortsvorsteherin in Neuhausen. Der Sergener Ortsbeirat erklärt mit Blick auf die schwierige Haushaltslage: "Wir zampern, ohne uns bewusst zu machen, dass wir einen sorbisch-wendischen Brauch pflegen, sondern damit wir ein bisschen Geld in die Kasse bekommen." Vielmehr sollte die Staatssekretärin bewegen, dass die Auflagen fürs Osterfeuer inzwischen so hoch sind, dass der Brauch auszusterben droht.

Wie der Referatsleiter Clemens Neumann an der Seite von Ulrike Gutheil erläutert, beteiligten sich im Jahr 2015 an der Wahl des Rates für Angelegenheiten der Sorben/Wenden beim Landtag mindestens 20 Bürger aus Neuhausen/Spree. Auch würden sorbisch-wendische Medien hier abonniert. Kinder aus 14 der 15 Ortsteile lernen Niedersorbisch. Ulrike Gutheil erklärt, dass es weniger ums zweisprachige Ortsschild gehe, sondern um den Schutz einer Minderheit. Sie soll ein Recht haben auf den Sprachunterricht, auf niedersorbische Unterlagen in der Gemeindeverwaltung. Aber sie verstehe, dass es schwer ist, etwas als schützenswert zu begreifen, wenn es in einigen Orten gar nicht da ist. Ein Koppatzer half ihr beim Zusammenfegen der Sandkörnchen: Matthias Lehnig offenbarte sich als Sorbe/Wende. Er war mit seiner Familie aus der Drebkauer Region in die Großgemeinde gezogen, engagiert sich sehr, ist beliebt. "Ich bin froh über den Bescheid. Das ist ein Schatz, den wir haben."

Rückgängig könne der Bescheid nicht einfach gemacht werden. Ob die Gemeinde rechtlich dagegen vorgeht, soll im Hauptausschuss Ende Februar diskutiert werden. Ulrike Gutheil: "Diese Runde heute hätte vor dem Bescheid stattfinden müssen - da bin ich ganz bei Ihnen."