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| 17:04 Uhr

Aus dem Menschenrechtszentrum
Mutige Unterstützung pro Dubcek

Rüdiger Sielaff, Leiter der Außenstelle Frankfurt (Oder) des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen, sprach am Mittwoch im Menschenrechtszentrum über Menschen aus dem damaligen Bezirk Cottbus, die vor 50 Jahren den Mut hatten, die Dubcek-Reformen in der CSSR gutzuheißen.
Rüdiger Sielaff, Leiter der Außenstelle Frankfurt (Oder) des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen, sprach am Mittwoch im Menschenrechtszentrum über Menschen aus dem damaligen Bezirk Cottbus, die vor 50 Jahren den Mut hatten, die Dubcek-Reformen in der CSSR gutzuheißen. FOTO: Marion Hirche
Cottbus. Auch im Bezirk Cottbus gab es Widerstand gegen das gewaltsame Ende des „Prager Frühlings“ 1968 in der CSSR. Rüdiger Sielaff berichtete im Menschenrechtszentrum. Von Marion Hirche

Der Einmarsch der  sozialistischen Armeen in die ehemalige CSSR jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Am 21. August  rollten Panzer aus der UdSSR, Polen, Bulgarien und Ungarn auf den Prager Wenzelsplatz. Eine sehr nebulöse Aktenlage sagt aus, dass tschechische Mitglieder der Kommunistischen Partei an die Sowjetunion ein Hilfeersuchen im Zusammenhang mit den Ereignissen des Prager Frühlings gestartet haben. Beginnend mit dem Frühjahr 1968 war es in unserem Nachbarland zu Veränderungen bezüglich einer größerer Presse- und Informationsfreiheit gekommen, es gab Wirtschaftsreformen, es wurde neu an die Aufarbeitung der Stalin-Zeit herangegangen.

Schnell wurde klar, dass die Entwicklungen in der CSSR den Kommunisten ein Dorn im Auge waren. Während es in der gesamten DDR zahlreiche recht schnelle Reaktionen gab, die den Einmarsch und damit die Niederschlagung der „Konterrevolution“ in der CSSR befürworteten, regte sich auch Widerspruch – wie im Bezirk Cottbus.

In einer Veranstaltung im Cottbuser Menschenrechtszentrum berichtete der Leiter der Außenstelle Frankfurt (Oder) des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen, Rüdiger Sielaff, am Mittwoch über einige dieser von der Stasi genau dokumentierten Widersprüche gegen die von Parteiseite verordnete Verurteilung der Entwicklung in der CSSR. „Dank der Aufzeichnungen der Staatssicherheit wissen wir überhaupt, dass es standhafte Menschen gab, die sich trauten, die Dubcek-Politik gutzuheißen. Dabei waren LPG-Vorsitzende genauso vertreten wie Ärzte, Lehrer, Pfarrer“, zählte Sielaff in seinem Vortrag auf.

Neben Bilddokumenten, die Zustimmungen zu Dubcek nachweisen, berichtete er von mehreren Einzelaktionen: An der EOS in Calau wurden die Ereignisse im Zusammenhang mit dem Einmarsch in Prag offen diskutiert. Am Cottbuser Krankenhaus wurde offen über Kriegsangst gesprochen. In Senftenberg stand am sowjetischen Ehrenmal „Russians go home“. Im Kreis Calau gab es ein mutiges SED-Mitglied, das sein Parteibuch zurückgab, und an der Schaufensterscheibe des HO-Geschäftes „Sandalette“ in Senftenberg stand „Dubcek“. Es fuhren Autos mit tschechischen Flaggen, eine Lehrerin an der 3. Oberschule in Cottbus verweigerte ihre Zustimmung zur Verurteilung der Entwicklung in der CSSR. „Ich mache da nicht mit“, äußerte sie.

Bereits zur Begrüßung des Redners hatte Jennifer Rietz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Menschenrechtszentrums, darauf verwiesen, dass in der Ausstellung „Karierte Wolken“ im Haus auch  dargestellt ist, dass die kritische Haltung von Bernd Eisenfeld und Gabriel Berger zu den Ereignissen des Prager Frühlings mit zu deren Inhaftierung im Cottbuser Gefängnis beigetragen habe.

Nach dem Vortrag äußerten sich mehrere Zuhörer. Schriftsteller Siegmar Faust, selbst von 1974 bis 1976 Insasse in Cottbus, wusste von Häftlingen des Bautzener Zuchthauses, die in dieser Zeit Trauerflor trugen. Margot Rothert erzählte über das Frühjahr 1968: „Ich war damals schwanger, mein Verlobter bei der NVA. Drei Monate lang wusste ich nicht, wo er ist. Später war er so traumatisiert, dass er die Armee verlassen musste“.

Rüdiger Sielaff betonte, dass die damaligen Ereignisse aktuelle Brisanz haben: „Es lohnt sich, die Pressefreiheit als hohes Gut der Demokratie zu verteidigen. Und es ist immer möglich, mutig zu sein  und nicht zu den kraftlosen Ja-Sagern zu gehören“.

Anfang Oktober gibt es im Cottbuser Menschenrechtszentrum zwei interessante Veranstaltungen. Am Mittwoch, 3. Oktober, findet das historische Fahrzeugtreffen statt. Am Samstag, 6. Oktober, steht ein Kabarett-Abend mit Bernd Lutz Lange unter der Überschrift „Mauer, Jeans und Prager Frühling“ auf dem Programm.