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Der leise Tod von Erhard Müller

Erhard Müller vor seinem Porträt im früheren Stadthaus.
Erhard Müller vor seinem Porträt im früheren Stadthaus. FOTO: Michael Helbig/Mih1
Cottbus. Sein Leben spiegelt ein Stück Stadtgeschichte wider, in all ihrer Vielfalt und mit all ihren Brüchen: 15 Jahre lang leitete Erhard Müller (SED) als Oberbürgermeister die Geschicke von Cottbus. Er hatte zahlreiche Anhänger, viele Gegner und wird bis heute ebenso gelobt wie gescholten. Andrea Hilscher

Im März ist Erhard Müller im Alter von 90 Jahren verstorben - von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt.

Auf der Internetseite der Stadt Cottbus wird sein Tod bis heute nicht vermerkt. Kerstin Jebas, Mitarbeiterin im Rathaus: "Das wird in Kürze geändert." Der Oberbürgermeister habe der Familie bereits kurz nach dem Tod Müllers kondoliert, auch in der letzten Stadtverordnetenversammlung wurde des letzten SED-Oberbürgermeisters der Stadt gedacht. "Aber die Familie hatte um Zurückhaltung gebeten, daher gab es keinen offiziellen Nachruf", so Kerstin Jebas.

Müller wurde als Sohn eines Kochs in Plauen geboren, lernte Maschinenschlosser, wurde zur Wehrmacht eingezogen und kehrte erst 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Er studierte verschiedene Aspekte des Verwaltungswesens sowie Pädagogik und war zwischen 1967 und 1973 Vorsitzender des Rates des Kreises Senftenberg.

Ein Jahr später wurde er in Cottbus zum Oberbürgermeister gewählt - in einer Zeit, die für rasantes Wachstum und städtebauliche Modernisierung steht. Stadthalleneröffnung und Umgestaltung der Sprem, Gestaltung der Stadtpromenade und Bahnhofsneubau - all das fiel in die Amtszeit Müllers. Cottbus wurde zur Großstadt, allein in Sachsendorf lebten zeitweise 40 000 Menschen.

Dennoch bleibt Müllers Name vor allem mit einem Wort untrennbar verbunden: Wahlfälschung. Müller ist verantwortlich für den Wahlbetrug im Mai 1989. Der Berliner Historiker Peter Ulrich Weiß (Humboldt-Universität) hat jahrelang recherchiert. Demnach wurden am Abend des 7. Mai nach der Schließung der Wahllokale die Stimmen ausgezählt - mit dem Ergebnis, dass über 1500 Cottbuser sich gegen die Einheitsliste der Nationalen Front ausgesprochen hatten. Damit war für Müller klar, dass es zum Konflikt kommen musste - mit der ersten Sekretärin der SED-Kreisleitung. Nach deren Vorgaben nämlich durfte es maximal 0,6 Prozent Nein-Stimmen geben. Müller aber hatte 1,8 Prozent zu verantworten. Die SED-Führung ließ die Wahlzettel fälschen, zählte nur 560 Gegenstimmen und schlug die übrigen Nein-Stimmen der SED zu. Mitglieder der Cottbuser Umweltgruppe deckten diese Fälschungen schließlich auf - sie hatten die Abstimmungen beobachtet und machten ihre Beobachtungen öffentlich. In der Folge wurde erstmals eine Wahlprüfungskommission eingesetzt.

Am 13. Dezember 1989 trat Erhard Müller nach zahlreichen Demonstrationen und Protesten, unter anderem wegen Wohnraumknappheit, zurück - offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Nachfolger wurde der bisherige Finanzstadtrat Waldemar Kleinschmidt.

In den Folgejahren wurde es still um Müller. Ein Wegbegleiter sagt über ihn: "Er war ein strammer Parteisoldat. Fachlich solide, vom Wesen her ausgeglichen und umgänglich. Er hätte nie etwas getan, was der SED geschadet hätte."

Am 21. März ist Erhard Müller gestorben, zwei Tage vor seinem 91. Geburtstag.