Von René Wappler

Ein Lastwagenfahrer strandet fernab der Heimat. Sein Fahrzeug bleibt an einer Cottbuser Seitenstraße im Sand stecken. Zwei Tage lang wartet der 58-jährige Ukrainer,  bis ihn Kollegen retten.

An einem Donnerstag kurz nach 10 Uhr biegt der Fahrer zu früh nach rechts ab. Er bemerkt, dass er sich in einer Sackgasse befindet. Also versucht er zu wenden. Er lenkt seinen Lastwagen nach links, auf eine Fläche voller Sand. Die Reifen fahren sich fest. Irgendwann schaltet der Mann den Motor ab. Zwar versuchen Mitarbeiter der benachbarten LR Medienverlag GmbH, ihm zu helfen. Doch sein Lastwagen wird 52 Stunden an diesem Ort gefangen bleiben.

In Weißwasser pflegt unterdessen ein 67-jähriger Mann sein Netzwerk aus früheren Kollegen. Bernd-Gunter Treffkorn betreibt im Ehrenamt eine Nothilfe für Fernfahrer. Sein Wohnzimmer im Erdgeschoss gleicht einem gemütlichen Büro. Alle paar Minuten klingelt das Telefon. Zu einem Anrufer sagt Bernd-Gunter Treffkorn: „Ist ja nur eine Kurzstrecke von 200 Kilometern.“ Einem anderen Gesprächspartner erklärt er: „Kannst die Fahrt einplanen, schickst mir den Antrag zu.“ So geht es weiter. Telefonat folgt auf Telefonat.

Auch von der RUNDSCHAU erhält er einen Anruf, als der ukrainische Fahrer bereits seit einem Tag in der Sackgasse festsitzt.

 Da der Mann kein Deutsch versteht, nimmt Bernd-Gunter Treffkorn Kontakt zu einer Kollegin aus Forst auf. Sie unterstützt die Fernfahrer-Nothilfe als Übersetzerin. Solche Fälle kennt Bernd-Gunter Treffkorn aus seinem früheren Alltag. 20 Jahre lang arbeitete er als Kraftfahrer. Nach eigenem Bekunden fühlt er sich auch heute noch mit seinem Beruf verwurzelt. Daher rührt seine Idee, die Nothilfe zu gründen.

Er erinnert sich an den spanischen Lastwagen, der bei Stuttgart liegenblieb. Der Fahrer verstand ebenfalls kein Deutsch. Wie Bernd-Gunter Treffkorn berichtet, engagierten er und seine Freunde einen Übersetzer. Dann brachten sie das Fahrzeug mit einem Abschleppdienst in eine Fachwerkstatt.

Oder der deutsche Fahrer, von dem der Gründer der Nothilfe erzählt. Wochenlang sei er unterwegs gewesen, bis ihm auf der A4 das Geld ausging. Also habe ihn das Team um den Mann aus Weißwasser zum Einkaufen nach Bautzen mitgenommen und ihm erst mal eine Unterkunft angeboten.

Der Druck in der Branche wächst: Davon zeigt sich Bernd-Gunter Treffkorn überzeugt. Ausländische Fahrer, die in Deutschland auf sich allein gestellt bleiben und keine Hilfe finden, bilden demnach schon lange keine Ausnahme mehr.

Wer sich für ein Leben als Berufskraftfahrer entscheidet, muss darüber hinaus mit bedenklichen Folgen für seine Gesundheit rechnen. Das geht aus der Marktbeobachtung hervor, die Fachleute vom Bundesamt für Güterverkehr jährlich veröffentlichen. In ihrer jüngsten Auswertung heißt es: „Die Fahrer sind häufig diversen physischen sowie psychischen Belastungen im Arbeitsalltag ausgesetzt.“ Dazu zählen drastische Wetterwechsel, Lärm, Schmutz und Staub, die zunehmende Verkehrsdichte auf den Straßen und Konflikte mit anderen Fahrern. Langes Sitzen wirkt sich laut der Studie auf den Bewegungsapparat aus, ebenso das Beladen des Fahrzeugs mit Waren. Der Körper reagiere mit Stress auf den Zeitdruck.

Bis zum Jahr 2030 erwartet der Güterverkehr ein Wachstum um 40 Prozent. Das sagt Jens Krause, der als Leiter dieses Geschäftsbereichs bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Cottbus arbeitet. Er nahm im April 2018 an einer Konferenz im Industriepark Schwarze Pumpe teil, die Lösungen für die Branche beleuchtete. Nach den Worten von Jens Krause dient der Verkehr auf Schienen als  Alternative zum Transport auf den Straßen, wenn ein angemessener Ausbau erfolgt.

Zugleich könnte die Unfallgefahr sinken. Schon im Jahr 2017 stellte Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke fest: „Allein 400 Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Lastkraftwagen mehr im Vergleich zum Vorjahr zeigen uns, dass wir dort einen Schwerpunkt setzen müssen.“ Laut Statistik verursachten zwei Drittel der Lastwagenfahrer die Unfälle selbst.

Alle diese Aspekte tragen dazu bei, dass der Alltag in der Branche an der Kraft zehrt. Der Fahrer aus der Ukraine, der zwei Tage lang in Cottbus festsitzt, plagt sich mit einem weiteren Problem. Wenn er nicht aus der Sackgasse kommt, verspätet sich seine Lieferzeit dramatisch. Zunächst lässt sich nicht feststellen, ob er bereits einen Abschleppdienst gerufen hat. Seine Speditionsfirma sitzt weit weg in Polen. Da er der deutschen Sprache nicht mächtig ist, kann er sich nur über ein Übersetzerprogramm auf seinem Mobiltelefon verständigen. Das funktioniert mehr schlecht als recht. Zum Aufwärmen besucht er den benachbarten Verlag der RUNDSCHAU. Dort erreicht ihn am Freitagabend schließlich der Anruf der Frau, die für die Fernfahrer-Nothilfe als Dolmetscherin arbeitet, vermittelt von der RUNDSCHAU. Seit 32 Stunden ist er zu diesem Zeitpunkt schon in Cottbus gestrandet.

Die Dolmetscherin fragt ihn auf Russisch: „Konnten Sie jetzt schon einen Abschleppdienst erreichen?“ Sonst werde ihn jetzt die Nothilfe aus dem Schlamassel ziehen, zu der neben Fernfahrern auch Feuerwehrleute zählen.

So viel steht in diesem Augenblick schon fest: Weder die Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr noch des Technischen Hilfswerks können dem Mann helfen. Denn nach ihren Angaben dürfen sie nur zum Einsatz kommen, wenn Gefahr im Verzug ist.

Der ukrainische Fahrer entgegnet der Dolmetscherin: Am nächsten Morgen werde ihn ein Sattelschlepper aus seiner Misere befreien. So lange werde er vor Ort ausharren.

Tatsächlich fährt noch am Abend um 23.30 Uhr ein weiterer Lastwagen in die Sackgasse, dieses Mal in voller Absicht. Doch erst am Sonnabend um 14 Uhr kann der Ukrainer seine Tour fortsetzen. Von seinem unfreiwilligen Aufenthalt in Cottbus zeugen später die Reifenspuren im Sand.