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| 09:53 Uhr

Strukturwandel in der Lausitz
Der Kohleausstieg ist in der Lausitz längst im Finale

Längst sind ausgekohlte Lausitzer Tagebaue zur Seenlandschaft geworden. Die Lebensqualität in der Region ist groß.
Längst sind ausgekohlte Lausitzer Tagebaue zur Seenlandschaft geworden. Die Lebensqualität in der Region ist groß. FOTO: foto-radke@gmx.de Fotograf
Cottbus. Die Angst vor der Zukunft der Lausitz nach der Kohle ist groß. Dabei sieht der Klimafolgenforscher und Soziologe Dr. Fritz A. Reusswig aus Potsdam den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung hier längst „in der Restabwicklung“. Das eigentliche Problem des finalen Strukturwandel-Prozesses sei, dass die Verlusterfahrungen der Menschen noch so gegenwärtig seien. Von Kathleen Weser

Die Lausitz Energie Aktiengesellschaft (Leag), die Braunkohlekraftwerke und Tagebaue betreibt, ist ein Vorbild. „Von der Leag lernen, heißt siegen lernen“, sagt der Klimafolgenforscher und Soziologe Dr. Fritz Reusswig. Der Wissenschaftler vom Potsdam-Institut zeigt Respekt vor dem Unternehmen, weil es „sich die deutsche Energiewende ins Zukunftskonzept schreibt, und nicht den Kampf dagegen“. Der Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung drückt beim Kohleausstieg aber aufs Tempo. Die Folgen der Erderwärmung, die durch Treibhausgase wie CO2 verusacht werde, werden auch in Deutschland mit Wetterextremen deutlich spürbar. So stünden Bauern im Algäu vor der Frage, ob die voralpine Milchwirtschaft noch haltbar sei. Hitzeperioden erforderten beispielsweise, die Weidekühe in gekühlten Ställen unterzubringen. Der Klimawandel sei schon allgegenwärtig.

Die Lausitzer warnen eindringlich vor übereilter Abkehr von der Braunkohle parallel zum noch nicht abgeschlossenen Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, über deren Territorium noch ein großer Teil russischen Gases nach Europa geleitet wird, ist erneut eskaliert. Die zweite Ostseepipeline, mit der Russland den Transit des Rohstoffes durch die Ukraine auch beenden könnte, mache Deutschland abhängig vom Kreml. Die Braunkohle sei kurzfristig nicht zu ersetzen. Um die gesicherte Energieversorgung nach der Kohle ist die Industrieregion Lausitz ebenso in Sorge wie um die Zukunft der Region. Denn die Leag ist der stärkste privatwirtschaftliche Arbeitgeber mit etwa 8000 direkt und weiteren 5000 Beschäftigten in Zulieferfirmen und bei Dienstleistern.

FOTO: privat

Fritz Reusswig behauptet: Ein erfolgreicher Strukturwandel ist möglich. „Das meiste ist ja schon passiert“, stellt er mit dem Blick auf die bereits stillgelegten Tagebaue und Braunkohleveredlungsanlagen der vergangenen 50 Jahre fest. „Die Lausitz befindet sich bereits in der Restabwicklung“, erklärt er.

Das eigentliche Problem dieser Region sei: Die Verlusterfahrung der Menschen aus den 90er-Jahren sei noch nah. Während der Wandel im Rheinischen Revier langsam und stetig erfolge, haben die Lausitz und Mitteldeutschland einen rasanten Braunkohleausstieg, „fast am Zusammenbruch“, erlebt. Doch der strukturschwache Raum mit Stärken stehe in der Energiewende weniger vor einer Bedrohung als vor lohnenden Herausforderungen, auf die sich die Lausitzer – gut moderiert und geführt – einlassen müssten.

Der Tagebau Jänschwalde in der Lausitz ist zum Auslaufmodell erklärt.
Der Tagebau Jänschwalde in der Lausitz ist zum Auslaufmodell erklärt. FOTO: dpa / Patrick Pleul

Der Wissenschaftler hat die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Lausitz lösungsorientiert analysiert und stellt fest: „Die Lausitz hat nur die Wahl, den Prozess des Kohleausstiegs zu erleiden oder aktiv zu gestalten.“

Faktor Mensch

Die Herausforderung: Das Gefühl, abgehängt zu werden, ist bei den Lausitzern stark. Das schätzt der Soziologe ein. Die Bevölkerung überaltert. Ausgeprägt ist bei den Menschen in der Region eine Mentalität der abwartenden Haltung. Hohe Erwartungen habe der wenig risikobereite Lausitzer an die Obrigkeit. Und mangelndes Vertrauen in die Politik sei ihm eigen.

Die Chance: Dagegen stehen die Bodenständigkeit und Rechtschaffenheit der Lausitzer - und die hohe Technikakteptanz bei den Menschen.

Wirtschaft

Die Herausforderung: Die unrealistische Erwartung, dass EIN Unternehmen als Ersatz für die Leag kommen müsse, ist in der Lausitz deutlich ausgeprägt. Und auch der Mangel an Innovationskapitial in den kleinen und mittelständischen Unternehmen, dem Rückgrat einer starken Wirtschaft, sei offensichtlich. Der Wissenstransfer von der Universität in die Firmen fehlt. Berlin als Gründerzentrum Europas und auch Potsdam stehen beim Ausgründungsgrad aus den Unis deutlich besser da. „Die BTU hat kein schlechteres Potenzial“, behauptet der Wissenschaftler. Aber leider viele Pendler zum Studium, die wenig Ehrgeiz entwickeln, in Cottbus und Senftenberg zu gründen.

Dazu kommt die oft bereits vergebliche Suche der heimischen Betriebe, Handwerker und Dienstleister nach Fachkräften – einst das große Kapital der nach wie vor bekennenden Industrieregion. Ungesicherte Unternehmensnachfolgen sind ein Problem.

Die Chance: „Die Alten müssen an die Unis. Die rüstige und kluge Senioren-Generation hat die Expertise. Die Alten sind am besten geeignet, um Zukunft fördern. Denn sie können erklären, wie Unternehmen geführt werden und Wirtschaft funktioniert“, sagt Frist Reusswig. Vor allem die Ostler hätten mit ihrer „Strukturwandel-Erfahrung  super Voraussetzungen“, jungen Leuten dieses Rüstzeug für Zukunft zu vermitteln, so Reusswig.

Die Lausitz ist eine Energielandschaft und will dies auch bleiben. Günstige Mieten zeichnen die Region aus. Gewerbe-Immobilien sind preiswert zu haben. Das Pluskonto sei beachtlich.

Umwelt

Die Herausforderung: Die Lausitzer betrachten ihre vom Kohleabbau geprägte Heimatregion als Opfer des Klimaschutzes. „Aber die Lausitz wird auch Opfer des Klimawandels“, sagt Reusswig. Der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und eine Trockenperiode bis November liegen hinter der Region. Und alle Prognosen sagten, das werde immer öfter der Fall sein.

Die Chance: Der Landschaftswandel, vor allem das Gestalten von Kulturlandschaft und Wildnisräumen, sowie die kulturelle Vielfalt der Lausitz sind Chancen. Die Region ist für Touristen und Urlauber bereits attraktiv. Das kann ausgebaut werden. Die Lausitz steht für eine hohe Lebensqualität und hat Potenziale für eine ausgeglichene Work-Life-Balance, mit der die umliegenden Ballungszentren Berlin, Dresden und Leipzig nicht mithalten können.

Politik

Die Herausforderung: Der Lausitz fehlt ein Leitbild. Wohin die Region entwickelt werden soll, ist offen. Die Bundesländer Brandenburg und Sachsen sind ungleich aufgestellt. „In Brandenburg ist der Lausitzbeauftragte beim Ministerpräsidenten angesiedelt, in Sachsen dem Wirtschaftsministerium unterstellt“, sagt Reusswig. Damit sei schon unklar, wer eigentlich mit wem konkret sprechen dürfe.Die Aktivitäten vor Ort sind nicht koordiniert.

Die Chance: Der Wandel an sich ist die große Chance. Ein starkes Netzwerk regionaler Akteure muss her. Verwaltungen sind keine treibende Kraft. „Denn die Kultur, sich bürokratisch absichern zu müssen, ist schlecht für Innovationen“, sagt Reusswig.

Bund und Land müssen und wollen Geld in die Region geben. „Es kann nur gut sein für die Region, den Preis für den Kohleausstieg nach oben zu treiben. Aber noch ist die Lausitz nicht gerüstet, das Geld auch sinnvoll ausgeben zu können“, schätzt der Soziologe ein.

Das schätzten auch kleine und mittelständische Unternehmen, die Dienstleister der Kohleindustrie seien, so ein. Reusswig stellt nach zahlreichen Gesprächen mit Lausitzer Firmeninhabern aber auch fest: „Die sind nicht hilflos. Die Unternehmen haben alle einen Plan B.“ Nur hinter der Hand werde deutlich die Befürchtung geäußert, dass das viele Steuergeld unkontrolliert verpuffen und der Region damit sogar schaden könne.

Der Soziologe sagt, die Lausitz braucht jenseits der Verwaltungen starke Strukturen, um staatliche Strukturmittel sinnvoll und nachhaltig umzusetzen. Die ausgeprägte Kultur der Angst vor nicht rechtssicheren Entscheidungen und der Drang zur Absicherung seien schlecht für Innovationen, die die Lausitz brauche. Reusswig empfiehlt, die interkommunale Zusammenarbeit über die Landesgrenzen in Brandenburg und Sachsen hinweg zu verstärken und die Lausitzrunde zu erweitern. Themenorientierte Forschung und Entwicklung „mit Zentren unter Beteiligung der Wirtschaft“ sei wichtig. Die Dekarbonisierung, also die Umstellung der Wirtschaft auf einen deutlich geringeren Einsatz kohlenstoffhaltiger Energieträger, sei überall erforderlich. Auch im Flugverkehr müsse der CO2-Ausstoß gesenkt werden.Reusswig kann sich vorstellen, dass künftig in der Lausitz künftig Algenkerosin hergestellt werden könnte.

Die Lausitz brauche ein stärkere Infrastruktur – verkehrstechnisch und digital, aber auch das Vertrauen der Menschen in einen Zukunftsplan. Dieses sei gegenüber der Politik derzeit höchst gering ausgeprägt, gleichzeitig aber hätten die Lausitzer  große Erwartungen an die Politik. „Diese Lücke gilt es auszufüllen“, sagt Fritz A. Reusswig. Denn: „Vertrauen ist das wichtigste Sozialkapital für eine erfolgreiche Strukturentwicklung nach der Kohle.“