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Der Kickerstube droht das Aus

Trotz allem herrscht in der Kickerstube des Fanprojektes gute Laune.
Trotz allem herrscht in der Kickerstube des Fanprojektes gute Laune. FOTO: Helbig/mih1
Cottbus. In den vergangenen Monaten machte Cottbus mehrfach bundesweit negativ Schlagzeilen – wegen der extrem gewaltbereiten Fanszene rund um Energie Cottbus. Dazu zählt der Verfassungsschutz die knapp 100 Mitglieder der Energie-Fangruppe "Inferno" und seiner Nachwuchsabteilung "Unbequeme Jugend". Andrea Hilscher / hil

Sie wird vom Verfassungsschutz inzwischen offen als rechtsextrem bezeichnet.

Und gerade jetzt planen die Stadtverordneten, dem Fanprojekt, das sich seit Jahren um eine Befriedung der Fanszene bemüht, massiv die Gelder zu kürzen. Aus Sicht der Politiker kein großes Problem, schließlich können der Verein selbst und vor allem der Deutsche Fußballbund mehr in die Sozialarbeit rund ums Stadion investieren.

Eine Milchmädchenrechnung, zumindest in den Augen von Jörn Meyer, der als Jugendhilfe-Chef auch Träger des Fanprojektes ist. Er rechnet vor: "Derzeit bekommen wir von der Stadt 105 000 Euro, zusätzlich vom Land 40 000 Euro. Der DFB gibt für jeden Euro öffentlicher Förderung einen Euro dazu, von ihm kommen also nochmal 145 000 Euro." Von dem Geld werden vier Sozialarbeiterstellen, die Spielbegleitung und die Kickerstube in der Mauerstraße finanziert.

Jetzt will die Stadt ihren Zuschuss um 65 000 Euro kürzen. Das Land, so Meyer, würde als Konsequenz auch weniger Geld ausgeben wollen. Meyer rechnet hier mit rund 20 000 Euro an Förderung. Und da der DFB sein Engagement an dem der öffentlichen Hand bemisst, kürzt auch er die Zuschüsse. Unterm Strich hätte das Fanprojekt künftig statt 290 000 Euro nur noch rund 120 000 Euro zur Verfügung.

Jörn Meyer: "Heißt für uns: Wir machen die Kickerstube dicht, weil wir keine täglichen Öffnungszeiten mehr garantieren können. Die Zahl der Sozialarbeiter wird reduziert, zwei Leute à 40 Stunden müssen reichen. Meyer: "Die müssten sich dann auf die Begleitung der Spiele der ersten und zweiten Mannschaft sowie der jüngeren Kicker konzentrieren."

Er will den Stadtverordneten in den kommenden Tag einen Brief schreiben und sie über die möglichen Konsequenzen ihrer Sparmaßnahmen informieren. "Wenn wir unsere Arbeit einschränken, dann merkt man das nicht gleich beim nächsten oder übernächsten Spiel." Da sich die Sozialarbeiter darauf konzentrieren, vor allem sehr junge Fans an eine lebendige und vor allem legale Fankultur heranzuführen, würde man erst in zwei oder drei Jahren spüren, wenn Probleme möglicherweise aus dem Ruder laufen. "Bei uns in der Kickerstube treffen sich die Fans der unterschiedlichen Gruppierungen, reden über ihre Choreos, das Für und Wider von Pyros und anderen Aktionen." Und genau diese Gespräche sorgen bei dem ein oder anderen jungen Fan dafür, dass er gar nicht erst in die ultraharte Szene abrutscht.

"Sozialarbeit ist nicht messbar, lässt sich schwer abrechnen", erklärt Jörn Meyer. "Aber wenn sie fehlt, dann spürt man das in einer Stadt."

Zum Thema:
Seit 1999 gibt es das Cottbuser Fanprojekt, seit einigen Jahren gibt es in der Kickerstube für Kinder, Jugendlichen und Erwachsene regelmäßig die Möglichkeit, beim Kickern, bei Tischtennis oder Computerspielen mit Sozialarbeitern ins Gespräch zu kommen und Spaß an legaler Fankultur zu gewinnen.Trotzdem kommt es immer wieder zu Krawallen, etwa beim Regionalspiel SV Babelsberg gegen Energie Cottbus. Nach Erkenntnissen des Brandenburger Innenministeriums sind 155 Personen aus der Fanszene des FC Energie Cottbus "gewaltbereit". Weitere 60 Personen sind "gewaltsuchend", also zielgerichtet auf Randale aus. Ein Drittel dieser "Kategorie C"- Fans sind Mitglieder der rechtsextremen Gruppe "Inferno", die auch im jüngsten Verfassungsschutzbericht auftaucht. (hil)