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| 15:37 Uhr

Cottbus
Keine Robe, kein Problem

Nach einer kurzen Pause betritt Jugendschöffe Jörg Hartfelder wieder das Landgericht. Momentan ist er an einer Hauptverhandlung beteiligt, in der es um Mord und Raub mit Todesfolge geht.
Nach einer kurzen Pause betritt Jugendschöffe Jörg Hartfelder wieder das Landgericht. Momentan ist er an einer Hauptverhandlung beteiligt, in der es um Mord und Raub mit Todesfolge geht. FOTO: Stephan Meyer / LR
Cottbus. Jörg Hartfelder blickt auf seine Tätigkeit als Jugendschöffe am Cottbuser Landgericht zurück. Die Amtszeit des Laienrichters endet 2018. Bundesweit werden momentan Bewerber für das Ehrenamt gesucht. Von Stephan Meyer

Momentan ist Jörg Hartfelder am Cottbuser Landgericht an einem Prozess beteiligt, in dem es um Mord und Raub mit Todesfolge geht. Der 52-Jährige sitzt weder hinter der Bank der Staatsanwaltschaft, noch ist er Angeklagter. Obwohl er keine Robe trägt, darf er die Verhandlungstage vom Richtertisch aus verfolgen. Hartfelder ist Jugendschöffe, ein ehrenamtlicher Richter in Jugendstrafsachen. Der Finsterwalder ist nun schon in seiner dritten Amtszeit und fast schon so etwas wie ein alter Hase unter den Jugendschöffen am Cottbuser Landgericht. Ob er sich für weitere fünf Jahre für das Amt bewirbt, weiß er noch nicht. Aktuell werden bundesweit für den Zeitraum 2019 bis 2023 wieder Schöffen und Jugendschöffen gesucht.

Es war ein Ausschreiben im Kreisanzeiger, das ihn vor knapp zwanzig Jahren auf die Idee brachte, Laienrichter zu werden. „Mich hatte schon immer interessiert, was ein Schöffe so macht“, erklärt er seine Motivation. Das Schöffendasein gehört aber auch zu seinem Demokratieverständnis. Heutzutage würden sich viele Bürger beschweren, sie hätten zu wenig Einfluss, so die Einschätzung Hartfelders. Er sieht das jedoch anders. Als Schöffe habe er die Möglichkeit Verantwortung zu übernehmen. Das sei auch ein Grund, warum er sich immer wieder für das Amt beworben hat.

Unvoreingenommenheit und Einfühlungsvermögen sind die wichtigsten Dinge für Hartfelder, die jemand mitbringen muss, der Schöffe werden will. „Man sollte aber auch manchmal den Mut haben, auf sein Bauchgefühl zu hören“, erklärt er. Vor seiner Schöffenlaufbahn habe er über kaum juristisches Hintergrundwissen verfügt. Vieles eignete er sich bei den Prozessen an. „Ich habe schon gestaunt, was alles in den Verfahren möglich ist, wie die Prozesse ablaufen und welche Anträge gestellt werden können“, gesteht er. Inzwischen ist das anders. Für Schöffen gibt es Weiterbildungsmöglichkeiten.

Obwohl die Stimme eines Schöffen mit der eines Richters gleichberechtigt ist, dürfen die Laienrichter keine Roben tragen. Hartfelder ist das jedoch nicht so wichtig: „Ich habe da ehrlich gesagt nie darüber nachgedacht“, sagt der Finsterwalder. Er ist sogar froh darüber, keine tragen zu müssen. Das mache es den Angeklagten leichter, zwischen Richter und Schöffe zu unterscheiden. „Und ich glaube so mancher Jurist würde lieber auf seine Robe verzichten, wenn er könnte.“ Akteneinsicht erhalten die Schöffen nicht.

Dass er sich mal über einen Angeklagten echauffiert oder über den Ausgang eines Prozesses geärgert habe, sei noch nie passiert. Freisprüche hätten Seltenheitscharakter. „Manchmal höre ich aber Dinge, die mir nahe gehen und die ich erst einmal verarbeiten muss.“ So sei es beispielsweise in vielen Prozessen, in denen er Schöffe war, um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen gegangen. Ein Ziel, dass durch die Beteiligung von Schöffen in Gerichtsverfahren erreicht werden soll, ist eine lebensnahe Rechtsprechung. Das findet Hartfelder sehr wichtig. Manchmal hätte sich bei Juristen eine Betriebsblindheit eingeschlichen. Schöffen könnten, gerade weil sie nicht im Gerichtssaal zu Hause sind, eine andere Perspektive auf die Sachverhalte in den Prozessen bringen. Hartfelder weiß, dass in Fachkreisen die Beteiligung von Schöffen kritisch diskutiert wird. Am Cottbuser Landgericht würden die Schöffen jedoch auf eine breite Akzeptanz bei den Berufsrichtern stoßen, so sein Eindruck.

Auch wenn Schöffen in den Verhandlungen manchmal Dinge hören, die nur schwer zu verarbeiten sind oder über Strafsachen verhandeln, die durch die Medien gingen, dürfen sie darüber mit niemanden außerhalb des Gerichts sprechen. So lange der oder die Angeklagte noch nicht verurteilt sind, gilt die Unschuldsvermutung. „Manchmal muss man sich schon auf die Zunge beißen“, gibt Hartfelder zu. Das träfe auch auf die eigenen vier Wände zu. „Aber meine Frau befragt mich inzwischen nicht mehr zu meiner Schöffentätigkeit.“

Das Schöffendasein sei aber nicht immer rosarot, gesteht der Finsterwalder. Ein gutes Stehvermögen sollten angehende Schöffen seiner Ansicht nach ebenfalls mitbringen. Mitunter können sich Gerichtsverhandlungen in die Länge ziehen. Währenddessen muss ein Schöffe stets aufmerksam bleiben. „Einige Arbeitskollegen denken, ich säße hier nur entspannt rum“, weiß Hartfelder. Doch dem sei nicht so. „Ein Tag im Büro kann da entspannter sein, als ein Tag im Gericht.“ Hartfelder arbeitet in der Verwaltung des Landkreises Elbe-Elster. Schöffen-Tätigkeit und Job unter einen Hut zu kriegen sei für ihn über die Jahre immer schwerer geworden. Zwar müssen Schöffen von ihren Arbeitgebern für den Zeitraum einer Verhandlung freigestellt werden, aber jeder solle überlegen, ob der das auch auf Dauer mitmacht, rät Hartfelder. Die Sitzungstage werden jährlich im Voraus bestimmt und den Schöffen zugelost. Durchschnittlich sind es zwölf pro Jahr. Es können aber Termine hinzukommen. Etwa wenn eine Hauptverhandlung nicht in der vorgesehenen Zeit beendet werden kann. Termine werden aber auch abgesetzt. Zum Beispiele wenn der Angeklagte oder ein wichtiger Zeuge erkrankt ist. Doch trotz jener Unannehmlichkeiten, die das Schöffendasein mit sich bringt, führt Hartfelder sein Ehrenamt gerne aus.