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| 19:05 Uhr

Fußball und Rechtsextremismus in Cottbus
Hinter dem Einheitsbanner

 Der Stein des Anstoßes – auch am vergangenen Samstag war im Heimspiel des FC Energie Cottbus gegen 1860 München das Banner nicht zu übersehen.
Der Stein des Anstoßes – auch am vergangenen Samstag war im Heimspiel des FC Energie Cottbus gegen 1860 München das Banner nicht zu übersehen. FOTO: Matthias Koch
Cottbus. Wie sehr beeinflussen Rechtsextreme die Cottbuser Fußball-Fanszene? Setzt der FC Energie diesem Milieu genug entgegen? Diesen Fragen geht die RUNDSCHAU seit Jahren nach. Jüngste Entwicklungen zeigen: Die Lage bleibt schwierig. Von Andrea Hilscher und Simone Wendler

Anfang des Jahres bekam der FC Energie Cottbus Post. Das zum Jugendhilfe Cottbus e.V. gehörige Fanprojekt bat in einem Brief, das noch bis Mai 2021 gültige Stadionverbot gegen einen 28-Jährigen gegen Auflagen auszusetzen. Überraschend dabei war nicht das Anliegen an sich, sondern die Person, für die sich das Fan-Projekt einsetzt. Der Forster gilt seit Jahren als wichtiges Bindeglied zwischen Fußballszene und Neonazimilieu in der Region.

Er gehörte der Hooligan-Gruppe „Inferno“, die sich 2017 selbst aufgelöst hat, ebenso an, wie dem 2012 verbotenen „Widerstand Südbrandenburg“. „Inferno“ wurde vom Brandenburger Verfassungsschutz als klar rechtsextremistisch mit besten Verbindungen in die Neonaziszene bezeichnet. Als geläutert kann der Mann offenbar bis heute nicht gelten: Im vorigen Jahr trat der Forster bei Kampfsportturnieren der Neonaziszene für das Team „Black Legion“ als Kämpfer und Betreuer auf. Das Team gehört mit einer gleichnamigen Kleidungsmarke und einem Musiklabel zum Geschäftsfeld eines Cottbusers mit langer rechtsextremistischer Vergangenheit.

Erst vorigen Sommer hatte der extremistische Kampfsportler seine Zivilklage gegen das im Mai 2017 vom FC Energie gegen ihn verhängte bundesweite Stadionverbot zurückgezogen. Der Verein hatte als Begründung vor allem seine Rädelsführerschaft bei schweren Zwischenfällen in Zusammenhang mit Spielen gegen Potsdam Babelsberg 03 angeführt. Für eine Aufrechterhaltung des Verbotes hatte der Verein vor Gericht hart gekämpft.

Warum setzt sich das Fan-Projekt nun für eine Beendigung des Stadionverbotes nach knapp der Hälfte der Laufzeit ein? Eine Antwort darauf gibt Jörn Meyer, der Geschäftsführer der Jugendhilfe Cottbus, nicht. Meyer verweist auf den Sozialdatenschutz, verteidigt jedoch diesen Schritt grundsätzlich: „Es handelt sich um ein übliches Verfahren, wir haben kein schlechtes Gewissen“.

Auch der FCE gibt keine Auskunft, ob er den rechtsradikalen Forster bald wieder ins Stadion lassen will. Wer mit Stadion- und Hausverbot belegt sei, könne sich immer über das Fanprojekt an den Verein wenden, so Vereinssprecher Stefan Scharfenberg-Hecht: „Jeder Einzelfall wird dann geprüft.“

Doch eine positive Entscheidung ist äußerst unwahrscheinlich angesichts der aktuellen Situation. Denn auf der Nordwand des Energiestadions scheinen Akteure aus dem „Inferno“-Milieu hinter den Kulissen noch immer maßgeblichen Einfluss zu haben. Darauf deuten nicht nur ein seit Oktober 2018 vor dem Block angebrachtes Einheitsbanner und das Verschwinden anderer Fan-Flaggen hin. Der rbb hatte Anfang Februar zuerst darüber berichtet.

Mit seiner Selbstauflösung 2017 kam „Inferno“ einem drohenden Verbot zuvor. Doch schon kurz danach gab es Hinweise, dass die rechtsextremen Akteure keinesfalls ab-, sondern hinter einer neuen Einheitsfront der Fanszene untertauchen wollten. Auch die RUNDSCHAU berichtete schon 2017 über mutmaßliche Bedrohungen gegen Energie-Fans, die sich dem entgegenstellten.

Das nun seit einem halben Jahr im Stadion hängende Banner mit der unverfänglichen Aufschrift „Betriebssportgemeinschaft Energie Cottbus seit 1966“ zeigt, dass die „Inferno“-Strategie offenbar aufgegangen ist. Entscheidend, so Insider der Szene, sei dabei die Annäherung von „Inferno“ und der zweiten wichtigen Cottbuser Ultragruppierung „Colletivo Bianco Rosso“ (CBR) gewesen. Seit März 2018 werden von CBR auf Facebook auch Beiträge des zu diesem Zeitpunkt neu erschienenen Accounts mit dem Namen „Fanszene Energie Cottbus“ verbreitet. Die Seite bezeichnet sich selbst als „zentrale, gruppenübergreifende Plattform“.

Ihre ideologische Rechtslastigkeit zeigt die neue Fan-Seite deutlich durch Videos des Cottbuser Rappers „Bloody 32“, die dort verbreitet werden. In Clips mit Titeln wie „Europa fällt“, „Widerstand“ oder „Staatsfeind“ werden Aufnahmen von Aktionen der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ sowie Bilder der flüchtlings- und islamfeindlichen „Zukunft Heimat“-Demos in Cottbus verwendet. Die Texte verbreiten demokratiefeindliches Gedankengut. „Bloody 32“ wird von Sicherheitskreisen dem „Inferno“-Umfeld zugeordnet. Anfang März will er in Cottbus mit einem anderen Rapper auftreten, dem eine Vergangenheit im Neonazi- und Burschenschaftler-Milieu nachgesagt wird.

Wer in der realen Welt nach Informationen über rechtsradikale Akteure in der FCE-Fanszene sucht, stößt auf viel Schulterzucken. Fansprecherin „Urmel“ kennt keine Fälle von Bedrohung oder Einschüchterung von Fans durch „Inferno“-Anhänger. „Was jemand außerhalb des Stadions macht ist egal, wenn er sich an die Gesetze hält“, grenzt sie das Fan-Leben ab. Wenn sich jemand rassistisch äußere, suche sie das Gespräch, um ein Umdenken zu erreichen: „Wir wollen niemand belehren.“ Die Einheitsfahne sei ein Wunsch der Fangruppen gewesen, versichert sie. Für andere Gruppenfahnen werde noch ein Seil am oberen Ende der Nordwand installiert.

Auch beim Fan-Projekt und beim FCE hatte sich in den vergangenen Monaten niemand gemeldet, um Hilfe gegen Einschüchterung und Bedrohung von rechtsradikalen Hooligans zu suchen. Das bestätigen Jugendhilfe-Geschäftsführer Jörn Meyer und FCE-Sprecher Stefan Scharfenberg-Hecht. Für das neue Großbanner gab es keinen inhaltlichen Grund, den für das Anbringen erforderlichen Fahnenpass zu verweigern, so der Energie-Sprecher. Die Anmelder hätten außerdem versichert, dass im Vorfeld mit allen relevanten Fan-Gruppen gesprochen worden sei.

Also alles nur Gerüchte über rechtsradikale Drahtzieher auf der Nordwand? Für den Brandenburger Verfassungsschutz keinesfalls. „Seit der offiziellen Auflösung agieren die „Inferno“-Anhänger vorsichtig, nahezu geheim und stärken ihre Binnenstrukturen“, so Heiko Homburg, Referatsleiter Öffentlichkeitsarbeit. Dieses Verhalten betreffe Fußballfans ebenso wie Kampfsportler und Türsteher.

Schon lange weisen Sicherheitsbehörden auf diese besondere Mischszene in der Region in und um Cottbus und ihre Gefährlichkeit hin. Rund 400 rechtsextrem agierende Personen kennt der Verfassungsschutz laut Homburg in Südbrandenburg, die gut vernetzt seien. Nicht wenige davon seien zunehmend unternehmerisch aktiv. Das reiche von eigenen Musik- und Textilmarken bis zu Wachschutzfirmen, Tattoostudios und Handelsunternehmen. „Die Szene tritt nach außen vorsichtiger auf, statt offener Provokation erfolgt der Ideologietransfer subtiler.“

Gegen den Teil dieser Szene, der sich unter die Cottbuser Fußballfans mischt, hat der FC Energie Cottbus erstmals 2017 öffentlich deutlich Position bezogen und einen Maßnahmenplan vorgelegt. Der Verein hat Kontakte zu Behörden und Netzwerkpartnern wie dem Landessportbund, der Koordinationsstelle „Tolerantes Brandenburg“ und dem Bündnis „Cottbus ist bunt“ gesucht. Beim Karnevalsumzug Anfang März wird der FCE mit einem Wagen zu diesem Thema dabei sein.

Nach langem Bemühen soll nun auch eine Stelle für einen Beauftragten für Vielfalt und Toleranz besetzt werden. Bisher habe schlicht das Geld dafür gefehlt, so Scharfenberg-Hecht. Jetzt sei durch eine Fördermittelzusage der Weg frei.

Dass sich der FC Energie inzwischen bemüht, rechtsextreme Einflüsse in seiner Fanszene zurückzudrängen, bestätigen viele der neuen Partner. Zusammen mit dem Verfassungsschutz, der Polizei, dem Fanprojekt treffen sie sich am 6. März zum zweiten Mal zu einem Runden Tisch beim FCE. Das erste derartige Zusammentreffen liegt jedoch auch schon gut ein Jahr zurück.

Robert Claus, der sich wissenschaftlich mit der Hooliganszene in Deutschland befasst, hält ein langfristiges enges Zusammenwirken solcher Akteure für notwendig, um Wirkung zu erzielen: „Eine so etablierte Neonaziszene wie in Cottbus wird man nicht so schnell wieder los.“ In der Vergangenheit habe der Verein dieser Entwicklung viel zu lange zugesehen. Das könne nicht in ein, zwei Jahren aufgeholt werden.

An dem 2017 vorgelegten Maßnahmenkatalog des Vereins fehlt Claus ein stärkeres Augenmerk auf Prävention. Ziel müsse es sein, der Szene den Nachwuchs abzuschneiden. Dazu gehöre auch eine aktive Fan-Arbeit mit Bildungsangeboten.

Wie sehr das Thema die Region gerade beschäftigt, zeigt ein Pressegespräch heute Abend im Cottbuser Rathaus. Vertreter der Landesregierung, des Verfassungsschutzes, des FC Energie, der Polizei und der Stadt wollen sich dort zu rechtsextremen Strukturen in der Region äußern.