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| 18:10 Uhr

Dritte Betreuungsstufe
Kita-Streit: Der Druck steigt

In Kitas geht es nicht nur darum, Kinder zu beaufsichtigen. Auch der pädagogische Auftrag soll erfüllt werden. Oft ist das aber nicht möglich.
In Kitas geht es nicht nur darum, Kinder zu beaufsichtigen. Auch der pädagogische Auftrag soll erfüllt werden. Oft ist das aber nicht möglich. FOTO: fotolia / finecki
Cottbus. Ein Ex-Erzieher berichtet bei einer Diskussion des Solidaritätsnetzwerkes Cottbus von seinem Berufsalltag. Teils 25 Kinder musste er beaufsichtigen. Beim Land Druck zu machen, findet er richtig. Von Daniel Schauff

Martin war Erzieher. „Der Vorname reicht“, sagt er. Schon früh hatte er entschieden, Erzieher zu werden. Es kamen ein Praktikum zu Schulzeiten, eine Ausbildung, Berufsstart – und dann das „blanke Entsetzen“, wie er es nennt. Teilweise sei er für 25 Kinder verantwortlich gewesen. Eine Farce sei er, der Betreuungsschlüssel. 11,5 Kinder zwischen drei und sechs Jahre betreut ein Erzieher demzufolge. Martin hat Tage erlebt, in denen er die Verantwortung für mehr als doppelt so viele Kinder hatte. Die Folge: Die Qualität der Betreuung in der Kita sinkt, das merken die Kinder, das merken die Erzieher. Das Verletzungsrisiko für die Kinder steigt. Ein Erzieher kann seine Augen nicht auf allen 25 Kindern haben.

Irgendwann sei es so weit gewesen, dass er nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machen konnte, sagt Martin. Bei welchem Träger er angestellt war, verrät er nicht. Spielt aber auch keine große Rolle, schätzt er ein. Die Verhältnisse seien bei nahezu allen Trägern ähnlich.

Das Problem: Es fehlt die festgeschriebene dritte Betreuungsstufe im Landeskitagesetz. Die würde die Gegenfinanzierung der Personalkosten in Kitas mit Kindern, die mehr als nur siebeneinhalb Stunden pro Tag betreut werden, regeln. In Cottbus sind rund die Hälfte aller Kita-Kinder bis zu zehn Stunden in den Einrichtungen, abhängig davon, wie das Berufsleben der Eltern aussieht. Kita-Träger Fröbel hat sich vor nicht allzu langer Zeit beim Bildungsministerium angezeigt – der vorgeschriebene Betreuungsschlüssel könne in den Einrichtungen nicht eingehalten werden.

Für die Einführung der dritten Betreuungsstufe protestierten erst kürzlich nahezu alle Kitas in Cottbus, zogen nach Potsdam vor den Landtag, als dort die Novellierung des Kita-Gesetzes ohne Einführung der dritten Betreuungsstufe beschlossen wurde.

Der Protest, sagt Martin, sei ein richtiger Schritt. Martin ist geladen als Gast einer Podiumsdiskussion des „Solidaritätsnetzwerkes Cottbus“, einem bunten Zusammenschluss von Cottbusern, die sich selbst gegen soziale Ungerechtigkeiten wehren wollen. Die Position der Erzieher sei eine starke, schätzt Ex-Erzieher Martin. Bundesweit fehlen Tausende Erzieher, besonders attraktiv ist der Beruf allein aufgrund schlechter Bezahlung nicht. Zum Erzieher-Beruf gehört eine Menge Idealismus. Mit dem war auch Martin ins Berufsleben gestartet, bevor er die Realität in den Kitas kennenlernen musste.

Eine Reihe von Kita-Trägern hatte angekündigt, künftig nur noch Verträge bis zu acht Stunden Betreuungszeit abzuschließen. Die Betreuung bis zu zehn Stunden aber, sagt die Stadtverwaltung, muss gewährleistet bleiben. Das entspreche der geltenden Gesetzeslage. Nun wollen Stadt, Elternbeirat und Kita-Träger gemeinsam Druck beim Land machen, um die dritte Betreuungsstufe im Kitagesetz durchzusetzen. Sonst werde der Streit um die Betreuungszeiten auf dem Rücken der Eltern ausgetragen, heißt es vonseiten der Stadt. Die bittet Eltern, die bei einem Vertragsabschluss für eine Betreuung über acht Stunden in einer Cottbuser Kita haben, sich direkt ans Jugendamt zu wenden (jugendamt@cottbus.de).

Die Ankündigung der Stadt dürfte auch Ex-Erzieher Martin gefallen – Druck machen, auch vonseiten der Erzieher, das ist für ihn ein Weg, die Situationen in den Kitas zu verbessern. „Das Geld ist da“, sagt er, zumindest im Bundeshaushalt. Nur an der richtigen Verteilung an Länder und Kommunen hapere es.