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Aus der Geschichte
Der blitzschnelle Staatsfeind

DDR-Radsportler Wolfgang Lötzsch.
DDR-Radsportler Wolfgang Lötzsch. FOTO: W.L. privat
Cottbus. Die Geschichte des Ex-Radsportlers Wolfgang Lötzsch wird in Zuchthaus-Gedenkstätte erzählt.

Seit Mitte Februar gastiert im Cottbuser Menschenrechtszentrum die Ausstellung „Das Kaßberg-Gefängnis und seine Geschichte“. Gezeigt werden noch bis zum 20. März historische Dokumente und Biographien von Menschen die im Karl-Marx-Stadter Zuchthaus eingesessen haben. Auch der DDR-Radsportler Wolfgang Lötzsch ist im größten Stasi-Untersuchungsgefängnis der DDR für zehn Monate wegen angeblicher Staatsverleumdung inhaftiert gewesen.

Lötzsch galt als eines der hoffnungsvollsten Talente des DDR-Straßenradsports. Sein Traum war es, unbedingt für die Mannschaft der Internationalen Friedensfahrt nominiert zu werden. Tatsächlich wurde der vierfache DDR-Juniorenmeister im November 1971 in den Kader der 72er-Friedensfahrt und der Olympischen Spiele in München berufen. Doch ein Jahr später wurde er wegen seines Kontaktes zu einem in den Westen geflohenen Cousin als „politisch bedenklich“ aus dem SC Karl-Marx-Stadt entlassen. Fortan durfte der BSG-Sportler bei keinen internationalen Rennen für die DDR mehr starten. Dennoch galt er in den Folgejahren als bester Straßenfahrer des Landes. 

Auf der 1. Etappe der Oderrundfahrt 1975 wäre er beinahe zu Tode gekommen, als ihm die Vorderradfelge brach und er mit dem Gesicht in einer größeren Pfütze landete. Kein begleitendes Fahrzeug hielt an, kein Sportler half, lediglich ein Begleiter aus dem Team des SC Karl-Marx-Stadt eilte zu Hilfe. Ein dreitägiger Todeskampf schloss sich an. Unterkriegen ließ sich der 23-jährige jedoch nicht. Der einstige Spitzensportler des Radsports bezwang als Hobbysportler, der inzwischen bei der BSG Wismut Karl-Marx-Stadt seine sportliche Heimat gefunden hatte, die DDR-Spitzen dieser Sportart bei der Qualifikation für Olympia 1976 in Montreal.

Dieses Jahr 1976 bedeutete allerdings einen anderen weitaus tieferen Einschnitt in sein Sportlerleben. Nach einer privaten Feier machte er an einer Haltestelle seinem Unmut Luft, als er sich offen zur ihm widerfahrenden Ungerechtigkeit äußerte. Schon zwei Tag danach fand er sich wegen „Staatsverleumdung“ in einer Minizelle in der Untersuchungshaftanstalt des Kaßberg-Gefängnisses von Karl-Marx-Stadt wieder. Doch spulte er in der Zelle von acht Quadratmetern täglich sein ganz individuelles Trainingsprogramm herunter. Dies beinhaltete beispielsweise täglich bis 5000 Kniebeuge, hochgerechnet kamen während der zehn Haft-Monate fast eine Million dieser Leibesübungen zustande. Ungezählte Liegestütze komplettierten sein Fitnessprogramm.

Obwohl Wolfgang Lötzsch Drangsalierungen erlitt und seine sportliche Karriere erheblich behindert wurde, wollte er nicht aus der DDR flüchten. Als einziger Ausweg erschien ihm nach seiner Freilassung der Eintritt in die SED. „Nur so wurde mir die ein oder andere Freistellung für meine Wettkämpfe gewährt. Deshalb musste ich diesen Weg gegen meinen Willen gehen“, erklärt er. Radsportlich war er weiterhin sehr gut dabei, so gewann er 1985 den Klassiker Berlin–Cottbus–Berlin und auch ein Jahr später das damals weltlängste Amateurradrennen Prag – Karlsbad – Prag über 250 Kilometer. Noch 1986 holte er hinter Olaf Ludwig und Uwe Ampler Bronze bei der DDR-Straßenmeisterschaft.

Nach der Wende, nun schon im Alter von 37 Jahren gewann er als Mitglied des Teams Hannover unter Trainer Rudi Altig den Deutschen Meistertitel im Mannschaftszeitfahren und die Bundesligawertung. Die besonderen Klassiker bestritt er nun nicht mehr als Bolzer, sondern als Mechaniker. Sein letztes Rennen bestritt Lötzsch 42-jährig 1995 in Chemnitz, bei dem er den 550. Sieg seiner Karriere herausfuhr.

Als er nach der Wende die 2000 Seiten seiner Stasi-Akte studierte, erfuhr er, dass er stets im Visier von bis zu 50 Stasi-Mitarbeitern war, die ihn auf Schritt und Tritt beobachteten. Was ihn nicht daran hinderte, weitere beachtliche Erfolge einzufahren.

Nach der Deutschen Wiedervereinigung widmete sich Wolfgang Lötzsch seiner umfassenden Stasi-Akte. Für seinen ungebrochenen Kampfgeist erhielt er am 3. Oktober 1995 aus den Händen von Bundespräsident Roman Herzog das Bundesverdienstkreuz. Im Mai 2012 nahm die Jury der Stiftung Deutsche Sporthilfe ihn in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ auf, in der er als ein wesentlicher Stellvertreter des Bereiches „Besondere Biografie durch die Teilung Deutschlands“ steht.

Wolfgang Lötzsch
Wolfgang Lötzsch FOTO: W.L. privat
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