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| 19:15 Uhr

Medizinserie
Im Wettlauf mit der Zeit – denn „Zeit ist Hirn“

Dr. Stefan Kliesch (r.) zeigt im Gespräch mit (v.l.) Prof. Dr. Alexander Dressel und Dr. Antje Herwig, der Patientin Christine Knöffel, wie die Gefäße nach dem Eingriff wieder durchblutet werden.    
Dr. Stefan Kliesch (r.) zeigt im Gespräch mit (v.l.) Prof. Dr. Alexander Dressel und Dr. Antje Herwig, der Patientin Christine Knöffel, wie die Gefäße nach dem Eingriff wieder durchblutet werden.    FOTO: Susann Winter
Cottbus . In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 32. besondere Fall kommt aus dem Carl-Thiem-Klinikum Cottbus. Von Ida Kretzschmar

Christine Knöffel ist nicht anzumerken, dass sie gerade erst einen Schlaganfall überstanden hat. Jeden Tag gönnt sich die 67-jährige Cottbuserin einen ausgiebigen Spaziergang im Grünen. Und sie freut sich, dass sie wieder ein Auto steuern kann als sei gar nichts gewesen.

Sie muss auch nicht nach Worten suchen, während sie ihre Geschichte erzählt. Dabei mochte sie anfangs gar nicht gern über jenen 4. Februar reden, der so unternehmungslustig begann und so dramatisch endete. Es war ein kalter sonniger Sonntag, „Schlaganfallwetter“ wie einer ihrer Lebensretter, Dr. Stefan Kliesch, später sagen wird.

An diesem 4. Februar unternimmt die 67-Jährige mit ihrem Lebensgefährten Hans-Joachim eine Spritztour nach Berlin. Auf dem Rückweg wollten sie in einem Gasthof zum Essen einkehren. Daraus aber wird dann nichts mehr. Von dem Moment an, als ihr Lebensgefährte plötzlich in Vetschau die Autobahnabfahrt nimmt, später durch Kolkwitz rast, bis zur Ankunft in der Notaufnahme des Carl-Thiem-Klinikums sind der gelernten Schneiderin nur Erinnerungssplitter geblieben: „Die Brille saß auf halb acht. Ich muss wohl komisch geguckt haben. Ob ich wirr geredet habe, weiß ich nicht mehr. Auf alle Fälle hat Hans-Joachim sofort reagiert und keine Zeit verloren“, ist sie ihrem Lebensgefährten dankbar, die Signale richtig gedeutet zu haben.

Der Gedanke an Schlaganfall sei ihr selbst nicht gekommen. Ihr fällt das Bild wieder ein, wie sie sich gesträubt hatte, aus dem Auto zu steigen, und sich immer wieder anschnallen wollte. „Wenn das Gehirn nach einem Schlaganfall nicht richtig durchblutet wird, können Betroffene oft die Gefahr nicht richtig realisieren, in der sie schweben. Deshalb ist es so wichtig, dass jemand in der Nähe ist, der sofort reagieren kann“, sagt der Chefarzt der Klinik für Neurologie, Prof. Dr. med. Alexander Dressel.

„Zeit ist Hirn“, wissen die Fachleute. In Fortbildungen erprobt, kommt es nun darauf an, dass die Rettungskette funktioniert. „Durch das beherzte Handeln ihres Lebensgefährten und der engmaschig geknüpften Rettungskette im Klinikum vergingen nur zwei Stunden von den ersten Symptomen bis zur Wiedereröffnung des verstopften Blutgefäßes. Das ist eine gute Zeit, denn jede Minute zählt, um so viele Hirnzellen wie möglich zu erhalten“, freut sich Dr. med. Antje Herwig. Die Leitende Oberärztin Neurologie führt auf der Stroke Unit das Regime. Seit im Jahre 2006 die Neurologie diese erweiterte Schlaganfallstation am Carl-Thiem-Klinikum aufgebaut hat, inzwischen mehrfach zertifiziert, haben sich Überlebenschancen und Behandlungserfolge deutlich verbessert.

Oft aber kommen die Patienten viel zu spät, weil sie die Beschwerden nicht ernst nehmen. „Schlaganfall verursacht keine Schmerzen. Aber es sterben in jeder unbehandelten Minute mehr als eine Million Gehirnzellen ab“, weiß sie. Schafft man es innerhalb von 90 Minuten, das Blutgerinnsel aufzulösen, könne man in ein von zwei Fällen von einer kompletten Heilung ausgehen.

Setzt die Behandlung dagegen erst drei Stunden nach Auftreten des Schlaganfalls ein, bleibt nur einer von sieben Patienten beschwerdefrei. Nach viereinhalb Stunden sind Lähmungen, Sprachstörungen und andere Beeinträchtigungen häufig nicht mehr zu vermeiden.

Christine Knöffel kam mit einer hochgradigen Lähmung der rechten Seite ins Klinikum, erinnert sich Prof. Dressel. Sie konnte noch die Lippen bewegen, das Sprachzentrum aber war gestört. Unruhig und verängstigt konnte sie kaum verstehen, was man ihr sagte.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Nach der Computertomografie wird klar: Der Hauptstamm der mittleren Hirnarterie ist verstopft. Noch sind keine zwei Stunden vergangen. Ein weiterer glücklicher Umstand kommt hinzu. Das ist ein Fall für eine Thrombektomie. Das mechanische Entfernen von Blutgerinnseln im Gehirn mit einem Katheter ist eine bahnbrechende neue Methode, die schwere Behinderungen nach einem schweren Schlaganfall vermeiden kann, indem sie eine verstopfte Hirnarterie von einem Blutgerinnsel (Thrombus) befreit.

Dieses moderne Verfahren hat Dr. Stefan Kliesch, Leiter der Sektion Neuroradiologie, 2013 in der Charité erlernt und nach Cottbus mitgebracht. Nur: Es ist ein schöner Sonntag, und Dr. Kliesch ist irgendwo draußen in der Natur. Als er einen Anruf bekommt, zögert er aber nicht lange. Klarer Fall: Er ist aktuell der Einzige, der in Cottbus diesen minimal-invasiven Eingriff übernehmen kann. Von der Leistenarterie über die Hauptschlagader führt er einen hoch-flexiblen Katheter zum verschlossenen Gehirngefäß vor und setzt einen sogenannten Stent­retriever über den Thrombus frei. „Durch die feinen Maschen dieses kleinen Draht- oder Fangkörbchens ließ sich der etwa vier Millimeter kleine Thrombus herausziehen“, erläutert er: „Schon beim ersten Versuch hat es geklappt, das Blutgefäß wieder vollständig durchgängig zu machen“, freut sich der 40-Jährige. Kaum zwei Stunden nach den ersten Schlaganfallsymp­tomen waren vergangen.

Gleich danach kommt die Patientin auf die Stroke Unit. Es stellt sich heraus: Ein Vorhofflimmern des Herzens war schuld an diesem beängstigenden Blitz aus heiterem Himmel. Sofort bekommt sie Medikamente, eine zielgerichtete Therapie. Schlaganfälle sind, so betont Dr. Herwig, in Deutschland die häufigste Ursache für Behinderungen und die zweithäufigste Todesursache. Christine Knöffel aber hat großes Glück gehabt. Nach gut vier Wochen erscheint ihr alles nur noch wie ein böser Traum. „Ich fühle mich komplett wiederhergestellt.“ Dr. Herwig verrät: „Wir hätten am liebsten an ihrem Bett getanzt.“ Kein Wunder: Denn wieder hatte das Team den Wettlauf mit der Zeit gewonnen.

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Dr. Stefan Kliesch
Dr. Stefan Kliesch FOTO: Susann Winter
Prof. Dr. Roland Reinehr nutzt mit seinem Team am Krankenhaus Herzberg modernste Methoden der diagnostischen und therapeutischen Endoskopie.
Prof. Dr. Roland Reinehr nutzt mit seinem Team am Krankenhaus Herzberg modernste Methoden der diagnostischen und therapeutischen Endoskopie. FOTO: J¸rgen Vetter