ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:03 Uhr

Cottbus
Widerstand gegen Fabrik-Abriss

Bebauungsplan
Bebauungsplan FOTO: LR
Cottbus. Bei der Umgestaltung des Bahnhofsumfeldes soll die Segeltuchweberei einem Neubau zum Opfer fallen. Dagegen gibt es Kritik. Internationale Kulturerbe-Studenten beschäftigen sich mit dem Fall.

Die Cottbuser bekommen endlich einen durchgehenden Bahnhofstunnel. In dem Zuge soll nach Jahrzehnten des Dornröschenschlafes auch das nördliche Bahnhofsumfeld neu gestaltet werden (Grafik). Neue Wege sind geplant, mehrere Wohngebäude und ein Seniorenheim. Für Letzteres soll allerdings ein altehrwürdiges Gebäude Platz machen. Die Segeltuchfabrik an der Wilhelm-Külz-Straße (Foto). Anwohner fühlen sich von den Plänen überrumpelt und der Denkmalbeirat findet klare Worte. Der Fall beschäftigt sogar internationale Kulturerbe-Studenten an der Cottbuser Uni.

Den meisten Cottbusern dürfte das alte Fabrikgebäude bekannt sein, selbst wenn sie nicht wissen, dass es einst die Segeltuchweberei von Max Lehmann beherbergte. Es steht etwas zurückgesetzt von der Wilhelm-Külz-Straße, reckt allerdings seinen Schornstein wie eine Landmarke in die Höhe. Daran prangt der Name des heute auf dem Grundstück ansässigen Unternehmens Rotec. Der Denkmalbeirat schreibt in seiner Stellungnahme zur ehemaligen Tuchweberei: „Sie ist wertgebender Bestandteil des Denkmalbereichs Westliche Stadterweiterung und besteht aus einem dreigeschossigen Fabrikgebäude, den Fertigungshallen sowie dem Kesselhaus mit dem schön gestalteten Schornstein, einem der wenigen in Cottbus erhaltenen. Es ist der letzte Industriekomplex innerhalb des Denkmalbereiches, von dem alle Fertigungsgebäude bis heute erhalten sind.“ Die Denkmalfachleute sprechen sich aus diesem Grund klar gegen den Abriss des historischen Baus aus. Stattdessen sollte der Erhalt und eine Umnutzung der bestehenden Gebäude in Betracht gezogen werden.

Dies sei allerdings aus funktionalen und wirtschaftlichen Gründen für die Betreibung eines Seniorenheims nicht möglich. Das erklärt die Baubeigeordnete Marietta Tzschoppe (SPD) auf mehrere Einwohneranfragen am Mittwoch vor dem Stadtparlament. Sie betont, dass sich das Grundstück in Privatbesitz befindet. Mit dem Vorhaben werde das Ziel der Stärkung der innerstädtischen Wohn- und Dienstleistungsstruktur erreicht. Deshalb unterstützt die Verwaltung das Projekt.

Gegen das Vorhaben an sich will Miriam Hagen nichts einwenden. Allerdings bereiten ihr die Art und Weise große Sorgen. Das wird bei einem Gespräch von Anwohnern mit Studierenden in dieser Woche deutlich. Sie belegen an der BTU die internationalen Studiengänge World Heritage Studies (Weltkulturerbe) und Heritage Conversation and Site Management (Denkmalpflege und -Management). In dem Zuge beschäftigen sie sich in einer praktischen Übung auch mit einem lokalen Thema, wie Professor Britta Rudolff erklärt. 30 Studierende aus 16 Ländern interessieren sich für die geplante Neuordnung des Cottbuser Bahnumfeldes und den damit geplanten Abriss des historischen Baus.

Anwohnerin Miriam Hagen erklärt den Studierenden, was sie angesichts der Pläne empfindet. Regelrecht schockiert zeigt sie sich vom geplanten Abriss der Fabrik. „Tuchfabriken gehören zur Geschichte von Cottbus. Wie kann man solch ein Gebäude einfach abreißen?“, fragt sie und schiebt im nächsten Atemzug nach: „Mich stört, dass nicht einmal darüber diskutiert wird.“ Ihr Nachbar Thomas Gehre hegt ebenfalls die Befürchtung, dass die Cottbuser vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Dabei unterstützt der Architekt die Neuordnung des Areals. Ihm sagen verschiedene Aspekte des Plans sogar zu – dazu gehört die Blickachse vom neuen Tunnelausgang zum Spreewaldbahnhof, aber auch die Straßenbebauung an der Külzstraße. Allerdings stört er sich sehr an der dichten Bebauung des Bereichs. Der Abriss der Fabrik ist für ihn genauso wenig akzeptabel. „Das Gebäude ist identitätsstiftend. Der Schornstein ist eine Landmarke für das Quartier“, sagt er. Darüber hinaus sei das Gebäude allein von seiner Bauqualität erhaltenswert. Dagegen hegt er die Befürchtung, dass an seine Stelle „ein Gebäude aus der Schublade ohne jeglichen Bezug zur Geschichte des Ortes“ gestellt wird.

Der Cottbuser Matthias Schella betont, das in dem „Bahnhofsrevier“ auch öffentlicher Raum geschaffen werden müsse. Den Gedanken unterstützt Miriam Hagen. Sie wünscht sich, dass von den bestehenden Hinterhof-Gärten der Wernerstraße ausgehend ein luftiges und grünes Quartier entsteht. „Die Wohnqualität sollte doch für alle gesichert werden – sowohl in den neuen Häusern als auch in der Nachbarschaft“, erklärt sie. Nach den vorliegenden Plänen fürchtet sie eine starke Verschattung ihres Gartens. Architekt Thomas Gehre, der ebenfalls in der Wernerstraße wohnt, hat auf Grundlage der öffentlich zugänglichen Pläne Berechnungen angestellt. Demnach würden die Hinterhof-Gärten im Mai bereits ab 15.30 Uhr komplett im Schatten liegen.

Die Höhe und Bauart der Neubauten orientiere sich jedoch an den benachbarten Gebäuden aus der Gründerzeit, versichert Baubeigeordnete Tzschoppe. Mit der Aufstellung des Bebauungsplans und einem städtebaulichen Vertrag will die Stadt auf die Flächenentwicklung und Gestaltung des Areals Einfluss nehmen. Alle Unterlagen dazu können noch bis 3. Dezember im Foyer des Technischen Rathauses eingesehen und Stellungnahmen abgegeben werden.

Die einstige Segeltuchfabrik an der Külzstraße ist sehr gut erhalten. Trotzdem soll sie für den Neubau eines Seniorenheims abgerissen werden.
Die einstige Segeltuchfabrik an der Külzstraße ist sehr gut erhalten. Trotzdem soll sie für den Neubau eines Seniorenheims abgerissen werden. FOTO: LR / Peggy Kompalla