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| 02:34 Uhr

"Den Kühen geht es so gut wie noch nie"

Bernd Adler mit seinem Lieblingsbullen "Eminem". Eminem ist ein Bulle der Rasse Deutsche Holstein und 14 Jahre alt.
Bernd Adler mit seinem Lieblingsbullen "Eminem". Eminem ist ein Bulle der Rasse Deutsche Holstein und 14 Jahre alt. FOTO: Wolfhard Schulze
Goßmar. Bernd Adler (65) aus Goßmar hat im November von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) den Bundesverdienstorden überreicht bekommen. Die RUNDSCHAU hat den Landwirt besucht und mit ihm über sein Lebenswerk gesprochen.

Herr Adler, wie haben Sie von Ihrer Auszeichnung erfahren?
Adler Einen Tag nach meinem 65. Geburtstag habe ich einen überraschenden Anruf aus der Staatskanzlei in Potsdam bekommen. Dort wurde mir gesagt, dass ich mit dem Orden ausgezeichnet werden soll, und man fragte mich, ob ich die Ehrung überhaupt annehmen wolle. Scheinbar lehnen das einige Kandidaten auch ab. Ich habe sie gern angenommen und bin sehr stolz darauf. Wie ich später erfahren habe, hat der ehrenamtliche Vorsitzende des Rinderzuchtverbandes Berlin-Brandenburg 2014 einen Antrag auf die Ehrung gestellt.

Sie haben fast Ihr Leben lang mit Tieren, insbesondere mit Rindern, gearbeitet. Wie sind Sie zum Rind gekommen?
Adler Die Leidenschaft habe ich von meinem Vater übernommen. Er war Rinderzüchter auf dem Volksgut von Görlsdorf, dem heutigen Milchgut. Da wir selbst auf dem Gut lebten, bin ich sehr früh mit den Tieren in Berührung gekommen. Neben dem Abitur in Luckau habe ich eine Lehre als Rinderzüchter absolviert und schließlich an der Humboldt-Universität Berlin ein Diplom als Agraringenieur für Tierproduktion erworben.

1990 haben Sie den Rinderzuchtverband Berlin-Brandenburg und später eine GmbH mitgegründet. Weshalb ist das nötig geworden?
Adler Die staatliche Tierzuchtorganisation der DDR musste privatisiert werden. Also gründeten Vertreter der Zuchtbetriebe aus den drei Bezirken im Frühjahr 1990 den Rinderzuchtverband Berlin-Brandenburg eG. Der einsetzende Wettbewerb bewog uns, wirtschaftlich starke Partner zu suchen. Nach dem Kauf zweier Rinderbesamungsstationen von der Treuhand waren die Bedingungen für die GmbH-Gründung mit Partnern aus dem niedersächsischen Verden gegeben. Die Kollegen dort hatten das nötige marktwirtschaftliche Know-how, Geld und Erfahrung und wollten ihren Einfluss in Ostdeutschland vergrößern.

Nach der Wende haben Sie sich auch für eine Rinderrasse, das schwarzbunte Niedrungsrind, eingesetzt, die vom Aussterben bedroht ist. Warum?
Adler Auch Rinderrassen stehen in einer Art Wettbewerb und werden nicht mehr gezüchtet, wenn sie nicht wirtschaftlich sind. Wirtschaftlich heißt, dass die Erlöse für die Produkte die Kosten für die Haltung und Produktion übersteigen. Hierzu sind leistungsstarke Tiere notwendig. Ein Zahlenbeispiel: 1989 lebten in Brandenburg 423 000 Milchkühe, heute sind es etwa 150 000. Die Milchleistung je Kuh stieg in diesem Zeitraum von 4000 Kilogramm auf 9500 Kilogramm im Jahr an.

Die Einkreuzung leistungsfähigerer Milchrinder aus Nordamerika ab 1965 verdrängte das klassische schwarzbunte Niederungsrind in Deutschland. Daraufhin haben wir ein Zuchtprogramm entwickelt und konnten die "Alten Schwarzbunten" als historisches Kulturgut nach 1990 mit viel Engagement der Züchter und staatlicher Förderung im Land erhalten.

Für die Zucht der Milchrinder haben Sie einen Fitnessindex entwickelt. Ist der Fitnesswahn denn jetzt schon im Kuhstall angekommen?

Adler Weil Kühe heute mehr Leistung als früher geben, stellen sie deutlich höhere Anforderungen an Haltung und Fütterung. Nicht überall kann dem optimal entsprochen werden, weshalb die Kühe nicht mehr so alt wie in den 50er-Jahren werden.

Deshalb habe ich angeregt, neben der gewöhnlichen Auswahl von Zuchtrindern, einen neuen Index zu schaffen. Er setzt weniger auf Leistung und deutlich mehr auf Merkmale wie Gesundheit und Fruchtbarkeit, sozusagen auf die Fitness des Tieres. Dadurch soll die Nutzungsdauer und Lebensleistung der Kühe wieder erhöht werden.

Viele Deutsche sind gegen Massentierhaltung, wollen aber gleichzeitig nicht auf Fleisch und Milch verzichten. Sehen Sie darin einen Widerspruch?
Adler Die Frage ist zunächst, was man unter Massentierhaltung versteht. Wir haben heutzutage so hohe Standards, dass die Qualitätsparameter bei der konventionellen Erzeugung in großen Betrieben ähnlich gut sind wie auf dem Bio-Bauernhof. In Brandenburg haben wir zudem eine sehr geringe Viehdichte pro Hektar. Früher waren Milchkühe den ganzen Tag angebunden und konnten sich nicht frei bewegen, das gibt es heute nahezu nicht mehr. Bedauerlicherweise gibt es immer einzelne schwarze Schafe unter den Landwirten, die sich nicht an die Regeln halten. Davon abgesehen, kann ich sagen: Heute geht es den Kühen so gut wie noch nie. Leider ist aber die Meinung vieler Bürger über Rinderlandwirte katastrophal umgekehrt.

Dennoch, die Vorwürfe, die etwa die Grundwasserverschmutzung durch Gülle angehen, sind durchaus berechtigt. Und seit einiger Zeit gelten Kühe ja auch als Klimakiller . . .
Adler Die Grundwasserbelastung durch Nitrat und Gülle ist regional tatsächlich ein Problem. Im Verhältnis zu früher hat sich hier aber auch schon viel getan. Ich denke hier an die computergesteuerte und pflanzenbedarfsgerechte Gülleausbringung.

Dass die Kuh als Wiederkäuer auch klimaschädliches Methan produziert, können wir nicht ändern. Das Gas entsteht im Vormagen (Pansen) bei dem Prozess, den ich gern als "Wunder der Natur" bezeichne: Kühe können nämlich das für den Menschen unverdauliche Gras zu hochwertigem Eiweiß in Form von Milch und Fleisch umwandeln. Wir versuchen momentan, durch Forschung und Züchtung einen geringeren Methanausstoß zu erreichen, zum Beispiel durch eine bessere Verwertung der aufgenommenen Futtermenge. Das heißt: weniger Futter, weniger Methan, aber gleiche Leistung.

Wie viel Futter benötigt denn eine Kuh?
Adler Um einen Liter Milch zu produzieren, braucht eine Hochleistungskuh rund 100 Kilo Futterstoffe und mehr als 100 Liter Wasser am Tag. Außerdem pumpt das Herz für einen Liter Milch rund 400 Liter Blut durch ihr Euter.

Wann ist eine Kuh eigentlich glücklich?
Adler Sicherlich kann man den Glückszustand eines Menschen nicht mit dem einer Kuh vergleichen. Aber ich würde sagen, einer Kuh geht es gut, wenn sie jeden Tag gleich gut untergebracht ist, wenn sie möglichst das ganze Jahr über das gleiche Futter bekommt, wenn sie in optimalen Luft-, Temperatur- und Lichtverhältnissen lebt, immer frisches Wasser und genügend Platz hat. Dann bleibt sie gesund, kann viel leisten und wird auch alt.

Für wie wichtig erachten Sie Projekte wie die kürzlich eröffnete Luckauer Milchtankstelle für die regionale Landwirtschaft?
Adler Das finde ich natürlich gut. Frische Milch aus der Region schmeckt besser und man verhindert lange Transportwege. Doch allein von dieser Milchtankstelle kann eine Agrargenossenschaft nicht leben. Ich sehe das mehr als eine Werbung, um auf das regionale Angebot aufmerksam zu machen und zu testen, was die Kunden bereit sind zu zahlen.

Welche Wünsche, die Landwirtschaft betreffend, haben Sie für 2017?
Adler Wir müssen mehr Menschen überzeugen, dass die regionale Landwirtschaft eine Zukunft braucht. Ich halte es da mit Friedrich dem Großen, der einst sagte: "Die Landwirtschaft ist die erste aller Künste." Gäbe es keine Bauern, so würde es so vieles andere nicht geben. Landwirten wird oft vorgeworfen, sie würden nicht nachhaltig wirtschaften. Dabei leben gerade wir von Nachhaltigkeit, sonst würde die Ernte der Zukunft ja ausbleiben! Und eines noch: Schauen wir uns mal die Milchpreise an. Die sind heute etwa ähnlich hoch wie vor 30 Jahren, die Produktionskosten aber sind um ein Vielfaches gestiegen. Viele Kollegen leben für ihren Hof, haben kaum Urlaub und können von einem Mindestlohn für ihre tatsächlich geleistete Arbeitszeit nur träumen. Für sie muss es eine berechen- und planbare Politik geben.

Mit Bernd Adler
sprach Daniel Friedrich

Alle Interviews können Sie
noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Die Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH (RBB) wurde im Jahr 1991 gegründet und beschäftigt rund 130 Mitarbeiter. Zu ihren Aufgaben zählen die Zucht, Vermarktung und Besamung von Rindern im Land Brandenburg. Im Jahr werden rund 40 Millionen Euro umgesetzt und 30 000 Tiere vermarktet, darunter 4000 Zuchtrinder in mehr als 20 Ländern. Ungefähr 700 000 Portionen Rindersamen werden jährlich im Land verkauft und in mehr als 30 Länder exportiert. Zwei Drittel der Milchrinder werden von RBB-Tierzuchttechnikern besamt.Der Zuchtverband und die RBB GmbH unterstützen den Jungzüchterverein, organisieren Öffentlichkeitsarbeit und Messen und betreiben am Standort in Groß Kreutz ein Rinderzuchtmuseum.Bernd Adler wurde 1951 im Lübbenauer Ortsteil Zerkwitz geboren. Ab 1974 arbeitete er beim VEB Cottbus Tierzucht und war bis 1990 für die Rinderzucht im damaligen Bezirk Cottbus zuständig. Nach der Wende war er im April 1990 Gründungsmitglied des Rinderzuchtverbandes Berlin-Brandenburg eG, aus dem die Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH (RBB) hervorging. Er führte die Geschäfte beider Unternehmen bis 2015. Seit zehn Jahren doziert er einmal jährlich an der HU Berlin vor angehenden Veterinären "Praktische Rinderzucht".Heute lebt Bernd Adler mit seiner Frau in Goßmar bei Luckau und ist bei der RBB noch beratend tätig.Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder per E-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.de