| 02:33 Uhr

"Demokratie ist schwierig genug"

Wolf Biermann macht mit seinem Programm #seiwaehlerisch auch in Cottbus Station.
Wolf Biermann macht mit seinem Programm #seiwaehlerisch auch in Cottbus Station. FOTO: dpa
Am 28. August tritt Wolf Biermann mit ostdeutschen Jazz-Größen im Menschenrechtszentrum Cottbus auf. Er will, dass Menschen ihr Wahlrecht nutzen.

Unter dem Titel "#seiwählerisch" veranstalten Wolf Biermann, Pamela Biermann und bekannte Jazz-Musiker wie Ulrich Gumpert, Günter Baby Sommer vom ZentralQuartett eine Reihe von Konzerten in Deutschland, um für eine hohe Beteiligung bei der Bundestagswahl zu werben. In Cottbus gibt es zusätzlich ein Benefizkonzert. Die RUNDSCHAU sprach mit Wolf Biermann über das Projekt.

Herr Biermann, wie kam es zu der Idee, der #seiwählerisch-Tour?
Biermann. Das war eine Idee meiner Frau Pamela nach einem interessanten Gespräch, das wir mit dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert führten. Er erzählte, dass in Großbritannien dieselben jungen Leute gegen den Brexit demonstrieren, die beim Referendum darüber leider zu Hause geblieben sind.

Wo sehen Sie da die Parallele zur Bundestagswahl?
Biermann: Demokratie ist schon schwierig genug, aber wenn die Leute nicht wählen, wird es noch schwieriger. Deshalb wünsche ich mir, dass gerade auch möglichst viele junge Leute zur Wahl gehen und keiner antidemokratischen Partei ihre Stimme geben. Davon gibt es im Angebot zwei.

Welche Parteien meinen Sie damit?
Biermann: Nach meiner Meinung ist das die AfD und die umbenannte SED, also die Linke.

Kommt das nicht bevormundend und belehrend daher und könnte deshalb gerade kontraproduktiv sein, wenn es um eine hohe Wahlbeteiligung geht?
Biermann: Nein, ich erkläre den Leuten ja nicht, was sie wählen sollen. Ich sage lediglich, was ich nicht wähle. Dann können sie vergleichen und sagen, ich sehe das auch so, oder nein, so sehe ich das nicht.

Warum ist Ihrer Meinung nach das Interesse an Wahlen nicht größer?
Biermann: Das ist ein uraltes Problem, darüber hat schon Plato vor 2400 Jahren in der Sklavenhalterdemokratie im alten Rom nachgedacht. Wenn die Leute der Demokratie müde werden, weil sie sie für selbstverständlich halten, dann schlittern sie leicht in die nächste Diktatur.

Wie läuft denn bisher der Vorverkauf für Ihre #seiwählerisch-Konzerte? In Cottbus ist das Interesse noch nicht sehr hoch.
Biermann: Ja? Wer kommt, ist willkommen und wer nicht kommt, hat dafür seine guten oder schlechten Gründe. In Cottbus ist es ein Benefizkonzert. In allen anderen Städten haben wir jeweils bis zu Hundert junge Leute eingeladen und führen mit ihnen zusätzlich ein Gespräch #seiwahlerisch! und berichten über unsere Diktaturerfahrungen. Das Interesse ist hoch, viele Schulen haben sich angemeldet.

Was wird denn konkret in Cottbus geboten, Jazz, Biermann zur Gitarre, oder eine Mischung von beidem?
Biermann: Baby Sommer, Ulrich Gumpert sind Free-Jazzer und Freunde von mir aus DDR-Tagen. Damals durften wir nie zusammen spielen. Wir haben uns ein paar Lieder von mir vorgenommen, die die Jazzer auf ihre Weise interpretieren, gesungen von mir und meiner Frau Pamela, die die weibliche Gegenstimme ist zu dieser Männergang. Ich singe auch ein, zwei Lieder zur Gitarre. Der Abend ist bunt, das Jazzen bringt eine neue Klangfarbe in die Lieder, manchmal wild, aber auch sehr vergnügt. Wir spielen ja für unsere bunte Demokratie.

Das Konzert in Cottbus ist eine Benefizveranstaltung zugunsten des Menschenrechtszentrums. Sind Sie diesem Zentrum besonders verbunden?
Biermann: Mein alter Freund Siegmar Faust (*) ist dort in der Einzelzelle gequält worden. Auch mein Freund Matthias Storck, der Pastor. Und wenn Siegmar Faust, mit dessen politischen Ansichten ich wenig übereinstimme, mich bittet, dort aufzutreten, dann komme ich da hin. Wir bringen auch Liao Yiwu mit, den chinesischen Schriftsteller und Dissidenten, er ist unser Ehrengast. Er saß selbst jahrelang in China im Gefängnis.

Aber politisch stimmen Sie mit Faust nicht überein?
Biermann: Nein. Wir sind beide gegen die Diktatur, aber in bestimmten Fragen sind wir immer verschiedener Meinung gewesen. Meinungsverschiedenheit ist aber das Wesen der Demokratie. Nur in Diktaturen sind alle Leute einer Meinung.

Anmerkung der Redaktion: Siegmar Faust ist Vorstandsmitglied im Menschenrechtszentrum. Karten für das Konzert können bestellt werden unter Tel.: 0355 29013311.

Mit Wolf Biermann sprach

Simone Wendler