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| 18:28 Uhr

Kontroverse Diskussion um sexualisierte Gewalt und Männlichkeit in Cottbus
Die Täter sind männlich

 Sarah Fartuun Heinze (li.) hat die Psychologin Bilke Schnibbe nach Cottbus geholt, um zu diskutieren, wie sexualisierte Gewalt und Männlichkeitsvorstellungen zusammenhängen.
Sarah Fartuun Heinze (li.) hat die Psychologin Bilke Schnibbe nach Cottbus geholt, um zu diskutieren, wie sexualisierte Gewalt und Männlichkeitsvorstellungen zusammenhängen. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Cottbus. Sexualisierte Gewalt betrifft viele Frauen, die Täter sind fast immer Männer. Wie Männlichkeit und Gewalt zusammenhängen, wurde in der Galerie Fango kontrovers diskutiert. Von Liesa Hellmann

Es dauert etwa eine Viertelstunde, bis Bilke Schnibbe das erste Mal unterbrochen wird. Die Berliner Psychologin und Autorin berichtet am Mittwochabend in der Galerie Fango über ihre Forschung, wie sexualisierte Gewalt und Männlichkeitsvorstellungen zusammenhängen. Ein Thema, das offensichtlich polarisiert und emotional aufwühlt: Es bleibt nicht bei einer Unterbrechung, und auch die anschließende gut einstündige Diskussion muss Organisatorin Sarah Fartuun Heinze schließlich abbrechen, weil es so viele Wortbeiträge gibt.

Schnibbe ist starke, zum Teil auch wütende Reaktionen vor allem von Männern auf ihr Vortragsthema schon gewöhnt: „Ich formuliere natürlich auch provokant.“ Deshalb findet sich auch das Begriffspaar „toxische Männlichkeit“ im Titel ihres Vortrags.

Sexualisierte Gewalt: 99 Prozent der Täter sind Männer

Dabei stehen die Fakten auf Schnibbes Seite: Ein Viertel aller Frauen in Deutschland hat körperliche Gewalt durch Partner erlebt. Fast jede siebte Frau hat sexuelle Gewalt wie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung erfahren, und über die Hälfte der Befragten wurde sexuell belästigt. Das geht aus einer repräsentativen Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2004 hervor. Die Studie zeigt auch, dass fast alle der sexualisierten Gewalttaten (99 Prozent) und sexuellen Belästigungen (95 Prozent) von Männern verübt werden.

Hier kommt die sogenannte toxische Männlichkeit ins Spiel, die man auch als hegemoniale Männlichkeit bezeichnen kann. Sie beschreibt ein stereotypes Männerbild: „Männer sind demnach stark, dominant, rational, stehen in der Öffentlichkeit und lieben keine anderen Männer“, fasst Schnibbe zusammen. Weiblichkeit ist mit den jeweiligen Gegenteilen verknüpft. Schwäche, Unterordnung und Emotionalität gelten jedoch nicht als erstrebenswert. In Bilke Schnibbes Worten: „Männlichkeit als positive Eigenschaft funktioniert nur, indem Weiblichkeit abgewertet wird.“

Zwar könne man auch als Mann diese Männlichkeit ablehnen, sie bleibe aber trotzdem ein gesellschaftliches Ideal. „Das ist ein Thema, das nicht an die Uni, sondern mitten in die Stadt gehört“, sagt Sarah Fartuun Heinze. Deshalb hat sie Bilke Schnibbe mit Unterstützung verschiedener Initiativen nach Cottbus geholt.

Bilke Schnibbe: „Nur toxische Männlichkeit abschaffen, geht nicht.“

Toxische Männlichkeit hat konkrete Auswirkungen. Zum einen für Frauen: „Studien haben gezeigt, dass frauenfeindliche Einstellungen mit sexueller Übergriffigkeit korrelieren“, sagt Schnibbe. Sexualisierte Gewalt sei demnach auch keine Triebbefriedigung, sondern „eine Methode, sich selbst sowie anderen Männern und Frauen die eigene Männlichkeit zu beweisen. Sie ist eine Ausdrucksform von Dominanz und ein gesamtgesellschaftliches Problem.“

Toxische oder hegemoniale Männlichkeit ist zum anderen ein Problem für Männer. Zum Männlichkeitsideal gehört auch, keine Gefühle zu zeigen. „Männer, die sich daran halten, gehen seltener zum Arzt und nehmen weniger psychologische Hilfe in Anspruch“, erläutert die Psychologin. In der Folge werde etwa Suizidgefahr bei Männern seltener erkannt.

Bilke Schnibbe hat eine Lösung im Blick, die vor allem bei manchen Männern im Publikum auf Widerstand stößt: „Nur toxische Männlichkeit beseitigen, geht nicht. Denn Männlichkeit als Sozialisation durchzieht die ganze Gesellschaft. Man müsste Männlichkeit und Weiblichkeit gleich ganz abschaffen.“

Hitzige Diskussion in der Galerie Fango

In der Folge entspinnt sich eine lebhafte Diskussion über Geschlechterrollen und inwiefern diese natürlich oder nur soziale Zuschreibungen sind. Biologische Argumente werden gebracht – und ebenso entkräftet: „Männer produzieren ebenso Östrogene wie Frauen Testosteron“, sagt ein Teilnehmer. Ein anderer Gast meint, dass es ebenfalls toxische Weiblichkeit gäbe. Dem widerspricht Bilke Schnibbe: „Eine starke Identifikation mit stereotyper Weiblichkeit bringt keine körperliche Gewalt hervor.“ Organisatorin Sarah
Fartuun Heinze ist mit dem Abend zufrieden: „Eine angeregte Diskussion ist genau das, was wir wollten.“