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| 17:17 Uhr

Projekt von Schülern des Cottbuser Steenbeck-Gymnasiums
DDR-Pionier-Geschichte aufgespürt

Lorenz Lenke (l.) und Philipp Grundke stehen vor einer der insgesamt sieben Roll-up-Tafeln, auf denen die Geschichte des Cottbuser Pionierhauses erzählt wird.
Lorenz Lenke (l.) und Philipp Grundke stehen vor einer der insgesamt sieben Roll-up-Tafeln, auf denen die Geschichte des Cottbuser Pionierhauses erzählt wird. FOTO: LR / Silke Halpick
Cottbus. Max-Steenbeck-Schüler sprechen mit Zeitzeugen über die einstige Massenorganisation und gestalten eine Wanderausstellung. Von Silke Halpick

Wer war eigentlich Philipp Müller? Die Antwort auf diese Frage steht auf einer von sieben Roll-up-Tafeln, die im Cottbuser Stadtmuseum am Donnerstagabend erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Der deutsche Kommunist wurde 1952 in Essen von Polizisten bei einer Demonstration gegen die bundesdeutsche Wiederbewaffnung erschossen. Das Cottbuser Pionierhaus trug seinen Namen. Diese und weitere Fakten zur Geschichte der DDR-Pionierorganisation haben neun Schüler des Max-Steenbeck-Gymnasiums zusammengetragen. Entstanden ist eine kleine Wanderausstellung.

Neun Monate lang haben sich die Elftklässler außerhalb des Unterrichts ganz intensiv mit der DDR-Geschichte auseinandergesetzt, in Archiven gekramt und mit Zeitzeugen gesprochen. Ihr Fazit: „Wir haben Demokratie, Meinungsfreiheit und Grundrechte mehr zu schätzen gelernt“, sagt Lorenz Lenke. Philipp Grundke räumt sogar ein, dass er sich gefragt habe, ob er in dieser Zeit hätte überhaupt leben können.

Doch die Erinnerungen der Zeitzeugen an die DDR sind nicht nur negativ. „Ich hatte eine schöne Kindheit“, stellt beispielsweise Dorothee Repschläger klar. Als Pionier habe sie Lieder gesungen oder gelernt, das Halstuch zu binden. „Um das hinzubekommen, musste man üben“, sagt sie. Viele der Anwesenden nicken lächelnd. In Erinnerung bleiben ihr auch die vielen Freizeitangebote – von Ballett über Fanfarenzug bis hin zu Theatergruppen oder Schach-AG. Vieles fand im Cottbuser Pionierhaus statt. „Und alles war kostenlos“, sagt sie.

Der Fotozirkel des Pionierhauses wurde über viele Jahre hinweg von Joachim Kaczmarek geleitet. „Mein Betrieb war sehr kulant, er gab mir immer schon ab 14 Uhr frei“, berichtet er. Die Kinder seien damals direkt aus der Schule ins Haus der Pioniere am Spreeufer gekommen. Eigentlich wollte sich der Fotograf, der in den 70er-Jahren beim Rat des Bezirkes auch Kartenmaterial für die Armee auslas, selbständig machen. „Doch man hielt mich in einem staatlichen Betrieb für besser aufgehoben“, sagt er.

An den Film „Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse“, den er im Pionierferienlager sah, erinnert sich Fritz Leßmüller noch heute. „Danach sollten wir alle geloben, so wie Ernst Thälmann zu leben“, erzählt er. Er sei der einzige gewesen, der das nicht mitmachen wollte. Später wurde er nicht zum Studium zugelassen, saß nach einem gescheiterten Fluchtversuch im Gefängnis und ist jedes Jahr als potenzieller NVA-Reservist gemustert worden. Rein aus Schikane, wie er betont.

Der Blick auf die DDR sei „sehr unterschiedlich“ und „von der eigenen Biografie geprägt“, wie Steffen Krestin, Leiter des Stadtmuseums, betont. Pfarrer Christoph Polster erinnert daran, dass die Mitgliedschaft in der Pionierorganisation formal zwar freiwillig war, aber von staatlicher Seite als selbstverständlich angesehen wurde. Ende der 1980er-Jahr waren fast 98 Prozent aller Schulkinder Mitglied. Ziel war es, sie zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu erziehen. Am 13. Dezember vor genau 70 Jahren wurde der Verband der Jungen Pioniere gegründet.

Finanziert wurde das Forschungsprojekt zur Cottbuser Pionierhaus-Geschichte durch den Landesjugendring Brandenburg, der mit dem Programm „Zeitensprünge“ vor allem Geschichtsforschung junger Menschen direkt vor Ort unterstützt. „Wir sind viel tiefer ins Thema eingetaucht als im Unterricht“, sagt Philipp Grundke. Geholfen hat ihnen dabei Geschichtslehrerin Heike Kaps-Brettschneider, der die Arbeit ausgesprochen viel Spaß gemacht habe. Die kleine Wanderausstellung mit sieben Roll-up-Tafeln ist speziell für Schulen konzipiert. Im Max-Steenbeck-Gymnasiums soll sie zum Tag der offenen Tür gezeigt werden, wie Kaps-Brettschneider ankündigt.

In der Vitrine sind Ausweise, Medaillen und Fahnen zusammengestellt.
In der Vitrine sind Ausweise, Medaillen und Fahnen zusammengestellt. FOTO: LR / Silke Halpick