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| 08:18 Uhr

DDR-Geschichte
Diese Zeichnung stammt aus dem Knast in Cottbus

Diese politische Bleistiftzeichnung ist eines der Bilder, welche der Erzieher an den Künstler zurückgibt. Rechts unten ist das Initial zu erkennen. F.T. steht für Frank Timpe.
Diese politische Bleistiftzeichnung ist eines der Bilder, welche der Erzieher an den Künstler zurückgibt. Rechts unten ist das Initial zu erkennen. F.T. steht für Frank Timpe. FOTO: LR / Daniel Steiger
Cottbus. Frank Timpe saß wegem „illegalem Verbindungsaufbau“ und Behinderung der DDR-Behörden in Cottbus im Gefängnis. Am 3. Oktober eröffnet der Künstler im Menschenrechtszentrum eine Ausstellung. Darunter Zeichnungen, die ein Gefängnis-Bediensteter rettete. Von Daniel Steiger

Zwei Initialien haben Sylvia Wähling die vergangenen Monate beschäftigt. Für die Chefin des Cottbuser Menschenrechtszentrums in der ehemaligen Strafanstalt in der Bautzener Straße begann mit einem unerwarteten Besuch im Jahr 2017 eine lange Suche. Da stand plötzlich ein ehemaliger Erzieher – so nannte sich ein bestimmter Teil der Bediensteten im DDR-Gefängnis tatsächlich – bei ihr. Er hatte im Jahr 1985 zwei Blöcke mit Zeichnungen eines Cottbuser Häftlings aus dem Gefängnis geschmuggelt und wollte diese jetzt an diesen zurückgeben. Sylvia Wähling weiß: „So einen Zeichenblock mussten die Gefangenen damals beantragen. Wer ihn von seinem Erzieher genehmigt bekam, musste ihn aber auch wieder abgeben, wenn die 16 Seiten voll waren.” Danach hätten sie vernichtet werden müssen. Diese Zeichnungen fanden allerdings ihren Weg aus dem Gefängnis und nach 32 Jahren sollten sie nun an den Künstler zurückgehen.

Da gab es aber ein Problem. Wer war der Künstler? Auf den Zeichnungen fanden sich als Kürzel die Initialien F. T., aber der Erzieher konnte sich an den vollen Namen nicht mehr erinnern. Er bat Sylvia Wähling um Hilfe. Aber auch sie stand vor einem Rätsel. Einen F. T. kannte sie auch nicht. Das ehemalige Gefängnis befindet sich seit 2007 im Besitz des Menschenrechtszentrums Cottbus, einem Verein von politischen Gefangenen des Zuchthauses Cottbus, aber auf ein Häftlingsarchiv kann auch die Geschäftsführerin des Vereins nicht zurückgreifen. Sylvia Wähling: „Es ist total mühsam, etwas über ehemalige Häftlinge herauszufinden.“ Es gibt zwar Haftakten, aber diese sind verstreut über das Landesarchiv, das Bundesarchiv oder liegen zum Teil auch im Archiv der Justizvollzugsanstalt im Cottbuser Ortsteil Dissenchen. Aus diesem ist das Gefängnis aus der Bautzener Straße im Jahr 2002 umgezogen. „Aber auch an diese Akten kommen wir nicht so einfach heran“, schildert Sylvia Wähling das Dilemma. „Wie finde ich so jemanden?“

Sie setzte sich hin und schrieb einen Artikel. Dieser wurde an Mitglieder des Vereins geschickt, in Internetforen veröffentlicht, in den sich politische Gefangene der DDR austauschen. Auch in den Häftlingszeitschriften „Stacheldraht“ und „Freiheitsglocke“ erschien der Text. Doch der entscheidende Hinweis blieb aus. Selbst als die Berliner Boulevardpresse titelte „Wer kennt den Häftling, der im Knast ein Künstler war“ gab es nicht den erhofften Tipp. F. T. blieb verschollen. Aus Verzweiflung dachte Sylvia Wähling jetzt sogar über eine bundesweite Plakataktion nach, um den Künstler zu finden.

Sylvia Wähling mit einer Zeichnung, die Frank Timpe in Haft fertigte.
Sylvia Wähling mit einer Zeichnung, die Frank Timpe in Haft fertigte. FOTO: LR / Daniel Steiger

Da hatte der Erzieher, der die Bilder viele Jahre aufbewahrt hatte, eine Idee. Sylvia Wähling: „In so einem Haftbereich arbeiteten immer zwei Erzieher. Die saßen auch zusammen in einem Büro. Vielleicht konnte sich der andere Mann an F. T. erinnern?“ Der Zufall wollte es, dass sie mit dem zweiten Erzieher  in Kontakt stand. Bei weitem nicht alle ehemaligen Bediensteten des Gefängnisses arbeiten mit dem Menschenrechtsverein zusammen und stellen sich so der eigenen Vergangenheit. Sylvia Wähling fragte also den zweiten Erzieher, ob er sich an einen inhaftierten Künstler mit den Initialien F. T. erinnern könne. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es sich dabei nur um Frank Timpe handeln kann“, lautete die Antwort. Jetzt gab es einen Namen. Lebte Frank Timpe noch? Und wenn ja, wo? Hieß er auch noch so?

Eine Internetrecherche brachte Sylvia Wähling auf die Spur von sechs Männern in ganz Deutschland. Einen nach dem anderen versuchte sie, telefonisch zu erreichen. Eine der ersten Fragen hieß: Stammen Sie aus der DDR? Doch unter den sechs Frank Timpes war „ihrer“ nicht dabei. Was nun? Da half abermals ein Tipp weiter. Dieser führte zu einem Künstler namens Frank Timpe, der im Kölner Raum lebte. Hoffnung kam auf. In einem Online-Artikel des Kölner Stadtanzeigers las Wähling, dass dieser Frank Timpe kurz zuvor eine Ausstellung in Bergisch Gladbach eröffnet hatte. Die aktuellen Kunstwerke aus Metallspänen, die der Artikel zeigte, hatten durchaus Ähnlichkeit mit den Bleistiftzeichnungen aus Cottbus, fand Sylvia Wähling. Also nahm sie abermals das Telefon in die Hand und rief in der Galerie an. Die dortige Mitarbeiterin stellte sich auf Nachfrage als eine langjährige Freundin von Frank Timpe vor und wusste, dass er aus der DDR stammt. Warum denn die Anruferin das wissen wolle? Also erzählte ihr Sylvia Wähling die Geschichte ihrer Suche. Sylvia Wähling: „Die Frau war sehr gerührt davon und gab mir die Handynummer von Frank Timpe. Ich rief ihn auch gleich an.“ Es war der 5. Oktober 2017, ein Donnerstagabend.

Frank Timpe bereitet derzeit die Ausstellung im Menschenrechtszentrum vor.
Frank Timpe bereitet derzeit die Ausstellung im Menschenrechtszentrum vor. FOTO: LR / Daniel Steiger

„Es war wie der Geist der Vergangenheit“, erinnert sich Frank Timpe im Gespräch mit der RUNDSCHAU an den Anruf. Er saß gerade im Auto, glücklicherweise nicht am Steuer. Der Anruf habe ihn ganz schön mitgenommen. „Ich hatte mit der Vergangenheit abgeschlossen“, sagt der mittlerweile 60-Jährige. Zwei Tage später haben sich Timpe und Wähling in Köln getroffen und stundenlang unterhalten. Sie erzählte ihm von der Idee, nach Cottbus zu kommen und ihm der Erzieher die Bilder direkt übergeben könnte. Timpe reagierte skeptisch. Warum alte Wunden aufreißen? Als sie ihm die Möglichkeit gab, in einer Ausstellung seine Arbeit zu zeigen und mit Cottbuser Jugendlichen eine Werkstatt zum Thema Menschenrechte durchzuführen, willigte er dann doch ein. „Vor allem die Möglichkeit, mit den Jugendlichen zu arbeiten, hat mich überzeugt. Sowas mache ich gern“, erzählt Timpe.

Am vergangenen Sonntag betrat er das Haus, in dem er von 1985 bis 1987 eingesperrt war. Zweieinhalb Jahre hat er wegen „illegalem Verbindungsaufbau“ und Behinderung staatlicher Behörden in Cottbus gesessen. „Die zweienhalb Jahre kommen mir vor wie sechs Jahre. Das Grausame zieht sich ja immer in die Länge“, so Timpe. Als er im Untergeschoss des Menschenrechtszentrums eine seiner Zeichnungen sieht, ein Selbstporträt, kommen ihm die Tränen. „Wo ist die ganze Zeit hin?“ Viele Jahre habe er die Erinnerungen an die Haftzeit aus seinem Gedächtnis verbannt. 1988 durfte der gebürtige Sachse aus der DDR in die Bundesrepublik ausreisen. Er hat sich im Kölner Raum eine Existenz als Künstler aufgebaut, arbeitet auch in der Werbung, hat viel von der Welt gesehen. „Ist gefestigt“, wie er sagt. Jetzt ist er für ein paar Tage wieder in Cottbus. „Und da kommen aus dem Kleinhirn wieder die Erinnerungen hervor. Mir fallen Namen ein, an die ich 30 Jahre nicht gedacht habe.“ Am Sonnabend habe er vier Stunden mit einem Freund aus Cottbuser Hafttagen telefoniert, von dem er drei Jahrzehnte nichts gehört hatte. Dem Treffen mit dem Erzieher blickte er äußerlich gelassen entgegen. „Jeder hat eine zweite Chance verdient“, sagt Frank Timpe. Und dieser Erzieher sei keine der „Ratten“, sondern verhältnismäßig „nett“ zu den Häftlingen gewesen. Das Treffen war für Montagabend geplant. Es sollte unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Sylvia Wähling hätte sich auch gut vorstellen können, das am 3. Oktober, dem Tag der Einheit, vor Publikum zu machen. Sie wollte aus dem Tag der Einheit einen „Tag der Versöhnung“ machen. Doch der Erzieher lehnte ab. Auch mit der RUNDSCHAU wollte er nicht sprechen – nicht einmal anonym. Warum hat er damals die Zeichnungen mitgenommen und so selbst eine Bestrafung riskiert? Warum hat er die Bilder so lange aufgehoben? Und wieso gibt er sie jetzt wieder zurück?

Kunst aus Metall ist Timpes Spezialgebiet. Das Bild von Sophia Loren ist aus kleinen Spiralen geformt (siehe Detail).
Kunst aus Metall ist Timpes Spezialgebiet. Das Bild von Sophia Loren ist aus kleinen Spiralen geformt (siehe Detail). FOTO: LR / Daniel Steiger
Sophias Auge aus der Nähe
Sophias Auge aus der Nähe FOTO: LR / Daniel Steiger