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| 01:34 Uhr

DDR-Geschichte in 780 Cottbuser Briefkästen

Cottbus. 780 Cottbuser Haushalte haben am Montag ein Stück Geschichte in den Briefkasten gesteckt bekommen. Von drei BTU-Studenten. Dass es genau 780 Erinnerungsstücke sind, hat einen Grund, der in die DDR-Zeit zurückreicht. Von Nicole Nocon

Auf braunen Bäckertüten steht "piece of memory" (Erinnerungsstück) gedruckt. In den Tüten stecken Teile weißer Deckenverkleidung oder Pressholzquadrate von Regalbrettern. Kleine weiße Aufkleber verraten die Herkunft: MfS Hauptgebäude Cottbus, Am Nordrand 45. Ein Beipackzettel erklärt den Hintergrund.

Anna Reuter, Franziska Ganzer und Niklas Thies, drei Architektur-Studenten der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU), haben das Projekt "piece of memory" gestartet. "Der Workshop Raumstrategien gab internationalen Studenten die Möglichkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit am Nordrand. Das Gebäude ist in Privatbesitz, verfällt und wird aller Wahrscheinlichkeit nach entweder abgerissen oder völlig umgenutzt. Auf jeden Fall wird sein historischer Charakter verfälscht oder gar verschwinden. Mit den Erinnerungsstücken wollten wir dem entgegenwirken", erklärt Anna Reuter.

"Angesichts des erhaltenen Baubestandes des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR stellt sich die Frage, wie man mit diesem Erbe umgeht", sagt Studiengangsleiterin Professor Dr. Dagmar Jäger, die den Workshop betreut und in Berlin zuvor mit Studierenden zum ehemaligen MfS-Hauptquartier in der Normannenstraße gearbeitet hat. Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage finde jedoch sehr selten statt. Die Gebäude würden abgerissen, privatisiert oder unter rein ökonomischen Gesichtspunkten umgenutzt. "Gebäude speichern Erinnerung. Wir sollten die Spuren der Vergangenheit lesen, solange sie da sind, und sofern noch möglich, einen angemessenen Umgang finden", fordert sie.

Bei ihren Recherchen hat den Cottbuser Studierenden Rüdiger Sielaff geholfen, der Leiter der Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik in Frankfurt/Oder. Er kennt die Bedeutung und die Geschichte des Gebäudes am Nordrand 45 genau: "Bis Dezember 1989 war es die Befehlszentrale der Staatssicherheit für den gesamten Bezirk Cottbus und die Schlüsselstelle für den Austausch mit dem MfS in Berlin. Mehrere Hundert hauptamtliche Mitarbeiter haben dort Dienst getan", sagt er. Im Bezirk Cottbus seien es über 2000 gewesen. Mit 10 546 inoffiziellen Mitarbeitern (IM) sei der Bezirk Cottbus, der mit der höchsten IM-Dichte der gesamten DDR gewesen, so Sielaff. Mit 780 konspirativen Wohnungen im Stadtgebiet sei auch dieses Überwachungsnetz außergewöhnlich dicht gewesen. Besonders engmaschig war dieses Netz laut Sielaff rund um die Oberkirche und in der Straße der Jugend. "Vor allem dort haben wir unsere Erinnerungsstücke verteilt. Allerdings nach dem Zufallsprinzip, die genauen Adressen kennen wir nicht", sagt Anna Reuter.

Die Empfänger wurden gebeten, ihr Erinnerungsstück zu fotografieren und das Bild zurückzumailen. Anna Reuter: "Auf den Rücklauf sind wir gespannt."