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| 02:34 Uhr

Das Sorbische an sorbischer Musik

Sebastian Elikowski-Winkler
Sebastian Elikowski-Winkler FOTO: Maria Runarsdottir
Cottbus. Für Sebastian Elikowski-Winkler war es ein Zeichen. Als der junge Komponist am Samstag in Panschwitz-Kuckau den Förderpreis zum Cisinski-Preis, die immerhin zweithöchste Auszeichnung des sorbischen Volkes, entgegennahm, jährte sich auf den Tag genau das erste sorbische Gesangsfest in Bautzen zum 170. Mal. Ulrike Elsner

"Meine ganze Kindheit war beeinflusst vom sorbischen Leben, besonders von der sorbischen Musik", sagt der 37-Jährige, der in Cottbus aufgewachsen ist und seit 1999 in Berlin lebt. Schon mit vier Jahren hat er im niedersorbischen Kinderchor gesungen, wovon es auch Rundfunkaufnahmen gibt. Später erhielt er Unterricht am Cottbuser Konservatorium.

Es war klar, dass der Cottbuser ein Kompositionsstudium an der Universität der Künste Berlin aufnahm, das er im Jahr 2005 mit dem Diplom abschloss. Bei Friedrich Goldmann immerhin, bei dem großartigen Lehrer, der als wichtigster Komponist der DDR-Avantgarde gilt.

Doch das reichte dem begabten jungen Mann nicht. "Zwischen der Lausitz und Prag gibt es eine historische Verbindung", stellt Sebastian Elikowski-Winkler fest. "Mit dem Kinderchor waren wir auch häufig in Tschechien." So ist er ganz folgerichtig in Prag gelandet, als Schüler von Mark Kopelent, "einem tollen Lehrer und wichtigen Komponisten der Gegenwart".

Das Nachdenken über Herkunft sei für ihn als ostdeutschen Komponisten wichtiger als für seine Kollegen im Westen, stellt der 37-Jährige fest. Vielleicht ist das der Grund, dass ihn seine Studien nicht nur nach Paris und Venedig, sondern auch nach Duschanbe in Tadschikistan, Rostov am Don und Moskau führten. Elikowski-Winkler ist ein sorbischer Komponist, übrigens der mit einem Abstand von zwei Jahrzehnten jüngste.

Was ist eigentlich das Sorbische an sorbischer Musik fragt ihn ein niedersorbischer Journalist. Die Antwort ist klar und durchdacht. Elikowski-Winkler nennt drei Kriterien: "1. Herkunft, 2. Folklore, 3. Semantik" (Inhalt und Bedeutung). Er ist mit der sorbischen Sprache und Kultur aufgewachsen, hat - obwohl Neue-Musik-Komponist - deren melodisches Material aufgenommen. Zudem widmet er sich sorbischen Themen wie dem Verlust von Heimat durch den Bergbau.

Auch das Komponieren folgt bei ihm einer klaren Struktur. Ausgangspunkt sind Anlass, Thema und Besetzung. Dann beginnt die Recherchephase, die zu einer poetischen Idee führt. Sebastian Elikowski-Winkler: "Inspiration ist wichtig, aber am Ende muss ich mich einfach hinsetzen und arbeiten."

Doch das Wirken des 37-Jährigen geht weit übers Komponieren hinaus. Er betont: "Gleichzeitig Künstler und Akteur zu sein, ist sehr typisch für die sorbische Kultur." Das liegt wohl daran, dass es die Kunst einer Minderheit schwerer hat, Gehör zu finden und sich alle Aufgaben auf wenige Schultern verteilen.

So schließt sich der Kreis zum 17. Oktober 1845, an den der Preisträger in seiner Dankesrede erinnert. "Damals haben sich freie Akteure zusammengetan und etwas geschaffen, was heute als Geburtsstunde der sorbischen bürgerlichen Musik gilt." Für den jungen Komponisten wäre das ein schöner Anlass, künftig an jedem 17. Oktober mit einem Konzert an diese Großtat zu erinnern.

Als Akteur beackert Sebastian Elikowski-Winkler viele Felder. Im Rundfunk gestaltet er in schöner Regelmäßigkeit eine Sendung über sorbische Musiktraditionen, stellt Werke, Komponisten und ganze Werkgruppen vor. Er ist Künstlerischer Leiter des Niedersorbischen Frauensextetts und hilft bei der Organisation der Konzerte zur Jahreswende mit Heidemarie Wiesner, die in Cottbus, Berlin und Leipzig stattfinden. "Sorbische Musik muss unbedingt häufiger außerhalb der Lausitz präsentiert werden", sagt Elikowski-Winkler. "Wir müssen lauter werden. Denn viele Leute in Deutschland wissen noch gar nicht, dass es dieses Volk in der Lausitz gibt."

Dem jungen Cottbuser ist es gelungen, in der wendischen Kultur genauso verwurzelt zu sein wie in der freien Musikszene der Hauptstadt. "In Berlin bin ich einfach Sebastian, der die vielen Verbindungen nach Osteuropa hat", sagt er. Und er ist stolz darauf, immer wieder Menschen zusammenzubringen. Vielleicht ist das der Grund, dass ihn kürzlich die Mitglieder des Dachverbandes der Berliner freien Musikszene zum Vorsitzenden der Initiative Neue Musik gewählt haben.