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| 20:29 Uhr

Politik
Das schweigsame Dorf und der Rechtsextremist

Es ist nicht viel los in Lindenau, einzig die Gaststätte von Sebastian Raack zieht Besucher an.
Es ist nicht viel los in Lindenau, einzig die Gaststätte von Sebastian Raack zieht Besucher an. FOTO: Wendler Simone / Wendler Simoe
Lindenau . Von einem 800-Seelen-Ort im Oberspreewald-Lausitz-Kreis aus handelt ein bekannter Rechtsradikaler bundesweit mit szenetypischer Musik und Kleidung. Im Dorf Lindenau betreibt er eine Gaststätte und ist angesehen. Reden will darüber kaum jemand.

Auf den ersten Blick ist Lindenau ein schmucker Ort. Bis auf wenige Grundstücke sind die Häuser und Gärten gepflegt. Die Bürgersteige sind gepflastert. Es gibt ein jährliches Parkfest und ein vielfältiges Vereinsleben. Doch wie viele andere Dörfer der Region hat Lindenau Infrastruktur verloren. Es gibt nur noch einen kleinen Bäckerladen, keine Schule, der Bus fährt selten.

Und das örtliche Schloss, der Stolz der Lindenauer, verfällt, der benachbarte Park verwildert. Seit acht Jahren streitet die Gemeinde vor Gericht mit einem Käufer, der nicht investierte, über die Rückgabe.

Seit vorigem Sommer ist jedoch die „Parkgaststätte“ mitten im Dorf wieder eröffnet mit einer „Pizzeria 18“ nebenan. 18 ist die Hausnummer des Grundstückes, aber unter Rechtsextremisten auch ein Synonym für „Adolf Hitler“. Inhaber von Gaststätte und Pizzeria ist Sebastian Raack, und der verkauft nicht nur Pizza.

Geschäftsmodelle der rechten Szene
Geschäftsmodelle der rechten Szene FOTO: LR / Katrin Janetzko

Wer im Ort danach fragt, stößt auf viel Ablehnung, Gleichgültigkeit, gelegentlich auch Angst. Hier sei alles in Ordnung, schimpfen einige gleich los. Das Problem seien nur Journalisten, die das Dorf in eine rechte Ecke rücken wollten. Wer sich näher äußert, will meist anonym bleiben. „Wir sind froh, dass die Gaststätte wieder auf ist“, sagt eine ältere Frau. Dass dort auch ein Laden ist, den meist Jugendliche aufsuchen, hat sie bemerkt: „Man sieht die da rauskommen.“ Was Raack dort verkauft, interessiere sie nicht.

Der Brandenburger Verfassungsschutz weiß sehr genau, was dort über die Ladentheke geht und vor allem im Internet bundesweit vertrieben wird. Raack, der im Verfassungsschutzbericht mit vollem Namen genannt wird, sei einer der wichtigsten Akteure im rechtsextremistischen Musik- und Bekleidungshandel, so die Sicherheitsbehörde.

Mit „OPOS-Records“ und der Kleidungsmarke „Greifvogel-Wear“ mache er sechsstellige Umsätze jährlich. Raack sei seit vielen Jahren in der europäischen Rechtsrockszene bestens vernetzt und ein wichtiger Organisator von Veranstaltungen. Mit seiner „Greifvogel Eskadron“ beteiligt er sich an rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltungen. Raack stehe programmatisch für die Idee des „nationalen Sozialismus“ mit einem Volk als „Rasse- und Weltanschauungsgemeinschaft“, heißt es im Verfassungsschutzbericht.

In Lindenau wird Raack ganz anders geschildert. „Wie der hier auftritt, da merkt man nichts von rechts“, versichert ein Dorfbewohner. Der habe eine weiße Weste, gegen ihn liege nichts vor. Mit der Kneipe und seinem Bauunternehmen habe Raack Arbeitsplätze geschaffen: „Der hat Ansehen hier im Ort, die Leute mögen ihn.“ Auf einem Foto auf der Facebookseite der Gemeinde trägt ein nur von hinten zu sehender Mann beim Aufstellen eines Ortseingangsschildes das Shirt einer rechtsextremen Band. Lindenauer versichern, es handele sich dabei um Raack.

Eine Rolle beim Umgang mit dem Extremisten scheint zu spielen, dass seine Familie seit Generationen in Lindenau und einem Nachbardorf verwurzelt ist. Und Raack engagiert sich. Beim örtlichen Parkfest übernahm er in den vergangenen zwei Jahren den Getränkeausschank. Im Oktober 2017 veranstaltete er in Lindenau ein Konzert mit einer „Böse Onkelz-Coverband“. Für die Konzertbesucher nicht zu erkennen: Drei der Bandmitglieder spielen laut Verfassungsschutz auch in rechtsextremistischen Hassmusik-Bands.

Lutz Heduschka hat gerade den Vereinsvorsitz des SV Blau-Weiß Lindenau übernommen.
Lutz Heduschka hat gerade den Vereinsvorsitz des SV Blau-Weiß Lindenau übernommen. FOTO: Wendler Simone / Wendler Simoe

Im örtlichen Fußballverein kickt Raack in der neuen Saison in der Männermannschaft. Lutz Heduschka, Oberförster im Ruhestand, hat gerade den Vereinsvorsitz des SV Blau-Weiß Lindenau übernommen, in dem es auch Gruppen für Kegeln, Gymnastik und Fitness gibt. Der Vereinsvorsitz sei ein Ehrenamt, das viel Zeit erfordert. „Wenn ich das nicht machen würde, hätte sich der Verein aufgelöst“, sagt der gebürtige Lindenauer.

Genauso wichtig sei für den Verein, der in der Kreisoberliga spielt, jeder aktive Fußballer. „Wir distanzieren uns klar von dieser Gesinnung, aber Raack kann hier Fußball spielen“, sagt Heduschka. Gerüchte über Sponsoring des Rechtsextremisten für den Verein weist er klar zurück. Raack persönlich sei ein „ganz netter Kerl“. Heduschka bezeichnet die Situation mit ihm in Lindenau als „kompliziert.“ Der Sportverein, der sieben Kindermannschaften unterhält, hat sich inzwischen Beratung beim Landesportbund geholt.

Wie groß der Rückhalt für Raack ist, zeigt eine Geschichte, die Martina Lorenz erzählt. Sie ist Leiterin der Grundschule Großkmehlen, auf die auch die Lindenauer Kinder gehen. Im Advent 2017 sollten Kinder der vierten Klasse bei einer Seniorenweihnachtsfeier in der „Parkgaststätte“ ein kleines Theaterstück aufführen. Kurz vorher war durch erste Medienberichte bekannt geworden, wer der neue Inhaber ist. „Ich habe die Eltern deshalb eingeladen und ihnen erklärt, warum wir als Schule da nicht hingehen.“

Die Reaktion war für die Schulleiterin ernüchternd. Die Eltern brachten ihre Kinder und die vorbereiteten Kulissen selbst in die „Parkgaststätte“ zur Aufführung. Ein Angebot von Martina Lorenz, einen Vertreter des Brandenburger Verfassungsschutzes zu einem Elternabend einzuladen, lehnten die Eltern ab. Zu einer solchen Infoveranstaltung für die Lehrer der Schule kamen nur wenige der ebenfalls eingeladenen Elternvertreter.

Pastorin Angelika Scholte-Reh unterrichtet an der Grundschule Großkmehlen Religion. Sie beobachtet bei Lindenauern ein Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Dabei gebe es im Dorf keine große wirtschaftliche Not. Der Ballungsraum Dresden sei für Pendler nur 50 Kilometer entfernt. Menschen, die sich mit Sebastian Raack öffentlich auseinandersetzen müssten, verabschiedeten sich leise aus Funktionen und Ämtern. „Leute um Raack übernehmen hier die Zivilgesellschaft“, befürchtet die Pastorin.

Der ehrenamtliche Bürgermeister von Lindenau, Jürgen Bruntsch, teilt diese Sorge offensichtlich nicht, im Gegenteil. Ein Gespräch mit ihm bei einem unangemeldeten Besuch auf seinem Grundstück fällt sehr kurz aus. Bruntsch hat keine Zeit und fährt am nächsten Tag in Urlaub. „Sie treten den Ort in den Schmutz“, kontert er kritische Fragen. Gerüchte über finanzielle Zuwendungen zum Parkfest durch den Rechtsextremisten bestreitet Bruntsch: „Der hat die übliche Standmiete bezahlt.“ Vor etwa einem halben Jahr habe es in der Amtsgemeinde ein Treffen gegeben, bei dem der Verfassungsschutz dabei war. „Die haben gesagt, das ist alles rechtens“, behauptet Jürgen Bruntsch.

Kersten Sickert ist parteiloser Direktor des Amtes Ortrand, zu dem Lindenau gehört. Auch er wehrt zunächst ab: „Das ist eine tolle Gemeinde, die wird wegen eines Rechten in schwarzes Licht gerückt.“ Wenn Raack so schlimm sei, warum werde der dann nicht eingesperrt, fragt Sickert. Die Gemeinde könne ihn ja nicht vertreiben.

Auf mehrfache Nachfrage räumt Sickert ein, dass der Rechtsextremist dem Kindergarten Großkmehlen von 2013 bis 2016 insgesamt rund 1800 Euro zukommen ließ. Über diese Summe seien durch das Amt Spendenquittungen ausgestellt worden. Raack sei dort Elternsprecher, bestätigt der Amtsdirektor. Ob es danach noch weitere Zuwendungen gegeben habe, kann er nicht ausschließen: „Das erfahren wir nur, wenn Spendenquittungen beantragt werden.“

2016 war es Sebastian Raack gelungen, die Parkgaststätte in Lindenau zu ersteigern. Amtsdirektor Sickert sagt, es habe kein Vorkaufsrecht der Gemeinde gegeben, womit der Erwerb zu verhindern gewesen wäre. Auf Nachfrage bestätigt er, dass es vor einiger Zeit Bemühungen gab, eine gemeinsame kommunalpolitische Erklärung zu Lindenau zu veröffentlichen. Daraus sei aber nichts geworden: „Die haben sich nicht gefunden.“ Den Textentwurf habe er selbst nicht gesehen, versichert der Amtsdirektor.

Unterschreiben sollten das Papier Bürgermeister Jürgen Bruntsch, ein Gemeinderat, der Vorsitzende des örtlichen Gemeindekirchenrates sowie Ingo Senftleben, Landtagsabgeordneter und Brandenburger CDU-Chef. An wem die gemeinsame Erklärung scheiterte, will Senftleben nicht sagen.

Er war bis 2014 Bürgermeister in Ort­rand. Schon damals habe es Bemühungen von Rechtsextremisten gegeben, Immobilien in der Region zu erwerben. „Mir war klar, wenn die das schaffen, setzen die sich fest“, sagt Senftleben. Er könne einerseits Lindenauer verstehen, die sich durch Berichte über Sebastian Raack an den Pranger gestellt sehen. Andererseits könne man das Problem nicht ausschweigen: „Die Leute wollen ihre Ruhe haben, die gibt es aber nicht so einfach.“ Dass sich viele schwer vorstellen könnten, welche Ideologie hinter den Shirts und der Musik steht, die Raack vertreibt, könne ein Grund für die fehlende Distanz sein: „Damit beschäftigt sich niemand.“

Für Senftleben ist das Verhalten der Kommunalpolitiker in so einem Fall wichtig. Daran entscheide sich, wie Dinge wahrgenommen würden. Er möchte in Lindenau weg von einer Diskussion über die Person Raack hin zu einer Diskussion über Verfassungswerte. „Wer unsere Demokratie nicht achtet und sich gegen die Grundwerte unserer Verfassung stellt, dem muss man klare Kante zeigen“, fordert Senftleben.

Im Oktober wird der CDU-Politiker eine Reise der Jungen Gemeinde des Gebietes Ortrand nach Polen begleiten. Die Jugendlichen besuchen Krakau und die Gedenkstätte des Vernichtungslagers Auschwitz.

Ortsrands Amtsdirektor Sickert kündigt an, dass beim Landkreis Oberspreewald-Lausitz eine Stelle für einen Sozialarbeiter beantragt werden soll. Der solle im Jugendclub Lindenau dafür sorgen, dass „rechtes Gedankengut nicht Fuß fasst“.