| 02:38 Uhr

Das mulmige Gefühl ist unvergessen

Cottbus. Die zwei Cottbuser Fotografen Rainer Weisflog und Michael Helbig haben das mulmige Gefühl nach 25 Jahren nicht vergessen. Misstrauen war in vielen Gesichtern, die sie mit der Kamera bei Montagsdemos, in der Warteschlange für ein Visum oder beim Ergattern einer "Stern"-Sonderausgabe fotografierten. Annett Igel-Allzeit

Aber auch Freude. Jetzt sind die historischen Bilder im Rathaus zu sehen.

Voller Menschen ist der Platz vorm Staatstheater am 30. Oktober 1989. Endlich regten sich auch die Cottbuser. Schon 14 Tage hatte das Gerücht von einer Demo die Runde gemacht, erinnert sich Reinhard Drogla, heute Stadtverordneter und Piccolo-Theaterchef. Aber das Häuflein von 15 Leuten am 16. Oktober 1989 brauchte noch zwei Wochen, um zu wachsen.

"Ich war damals als Musiker viel unterwegs. Und plötzlich verweigerte mir ein Tankwart im Vogtland den Sprit, weil wir in Cottbus noch nicht auf die Straße gegangen waren", erinnert sich Drogla. Aber als die Cottbuser dann endlich loslegten, reichte ihnen die Montagsdemo nicht. Am Donnerstag war die Menschenmenge ein Meer voller Regenschirme.

Rund 80 Besucher sind zur Eröffnung der Ausstellung "Cottbus Herbst 1989" gekommen - darunter Pfarrer Christoph Polster, Sylvia Wähling vom Cottbuser Menschenrechtszentrum, Bildungsministerin Martina Münch, Martin Schüler, Intendant des Staatstheaters, Steffen Krestin, Leiter der Städtischen Sammlungen Cottbus. Und Sören Jagdhuhn spielt den wachsenden Mut auf dem Saxofon. Die Organisatoren um Rita Numrich aus der Cottbuser Stadtverwaltung hatten ein altes Transparent aufgerollt: "Demokratischer Aufbruch - sozialökologisch - Auch hier in Cottbus!" Es gab zudem kreative Transparente, das beweisen die Fotos von Weisflog und Helbig. "Ohne Visa Cottbus - Pisa" oder "SED - Shop? Exquisit? Delikat?" Die Besucher holen ihre Lesebrillen aus der Tasche, einer hat sogar die Lupe dabei. Dann ein überraschtes "Ha". Ein Besucher hat seine Ex-Frau unter den vielen Demonstranten entdeckt.

Helbig arbeitete damals fürs "Neue Deutschland" und Weisflog für die Nachrichtenagentur ADN. Viele Cottbuser kannten sie deshalb auch. "Ein Mann hat mir stolz sein Visum in die Kamera gehalten. Aber der junge Umweltschützer mit der Wollmütze schaut wirklich misstrauisch. Auch von mir gibt es aus dieser Zeit ein Foto in der Menge, wo ich unsicher schaue." Eine Kollegin zeigte es ihm viel später.

Wie Weisflog erzählt, war er bei der ersten Cottbuser Montagsdemo am 30. Oktober noch nicht dabei. Am 4. November habe er eine große Demonstration in Berlin erlebt. "Ich staunte, was die sich da alle so trauten - mit großen Eselsohren und so. Ich hatte das Radio mit und wegen der Wasserwerfer die Regenjacke." Am Donnerstag, 9. November, sei er dann zur Cottbuser Demo gezogen. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 wurde die Grenze geöffnet. "Hier auf dem Foto wusste noch keiner der Demonstranten in Cottbus, dass die Grenzöffnung gerade in der Aktuellen Kamera verkündet worden war."

In einer Vitrine liegt die Sonderausgabe vom "Stern", die den Ossis erklärt, wie eine demokratische Wahl läuft und was die einzelnen Parteien wollen. "Die Ausstellung kann so lange hängen, wie Bürger sie sehen wollen", verspricht Oberbürgermeister Frank Szymanski."Die Fotos helfen uns beim Erinnern." Und dass eine Wahl, wie sie am kommenden Sonntag stattfindet, eben den Demonstranten vor 25 Jahren zu verdanken ist, müssen junge Leute wissen. Laut Szymanski hat es der Cottbuser Kameramann und Filmemacher Donald Saischowa jetzt übernommen, einen Film über das Jahr 1989 in Cottbus zu drehen - mit Zeitzeugen, Fotos, altem Filmmaterial, Dokumenten und Gegenständen. Geplant sei, dass er bis zum 7. November "im Kasten" ist.