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Das letzte Bier in der Lindenklause

Gudrun Eckert sieht mit einem lachenden und einem weinenden Auge ihrem künftigen Ruhestand entgegen.
Gudrun Eckert sieht mit einem lachenden und einem weinenden Auge ihrem künftigen Ruhestand entgegen. FOTO: Noack/snk1
Cottbus. Traditionslokal in der Karl-Liebknecht-Straße schließt nach 54 Jahren im Dezember seine Türen. Einen Nachfolger hat Wirtin Gudrun Eckert bis jetzt noch nicht gefunden. Simone Noack / snk1

Abends noch mal schnell auf ein Feierabendbierchen um die Ecke gehen? Wer in Theaternähe wohnt, muss bald längere Wege dafür in Kauf nehmen. So langsam sterben die urigen Kiezkneipen in der Umgebung aus. Gab es damals noch das "Schillerschlösschen", "Zur Eisenbahn", "Jonathan" oder das "Doppeldeck", stehen demnächst die Chancen für ein Thekengespräch schlecht. Im Dezember wird nun auch die Wirtin der "Lindenklause" in der Karl-Liebknecht-Straße 106 ihre Türen schließen.

In den zurückliegenden 54 Jahren trafen sich dort so einige Männerrunden, Skat- und Dartspieler und auch Fotofreunde zum Stammtisch. Zum Mittagstisch kamen Mitarbeiter umliegender Büros und Firmen vorbei, die die gute deutsche Küche zu schätzen wussten. Nun verabschiedet sich Inhaberin Gudrun Eckert von ihren Gästen.

Seit 1990 kümmerte sie sich um das Wohl ihrer Stammkunden in der Gaststätte an der Ecke zur Lausitzer Straße - so, wie es in den Jahren zuvor schon ihre Eltern getan hatten. Bis 2013 stand ihre Mutter noch an dem kleinen Herd und bereitete die Hausmannskost zu, seitdem kämpfte sie allein in der Küche oder holte sich stundenweise Hilfe. Auf eine Anlieferung der Zutaten hat Gudrun Eckert seither verzichtet. Schon früh am Morgen belud sie ihr kleines Auto auf dem Großmarkt, eilte in ihr Lokal zurück, damit das Mittagessen pünktlich um 12 Uhr für ihre Gäste auf dem Tisch steht.

Mit dem Aus des Traditionslokals geht nun auch ein Stück Cottbuser Geschichte zu Ende. Viele schöne Erinnerungen hat die Gastronomin an die vielen Feste in ihren Räumen. Unzählige Hochzeiten, Kindergeburtstage, runde Jubiläen und auch Trauerfeiern fanden in der Lindenklause statt. Nachdem im Januar 2008 auch das Rauchverbot in Brandenburg galt, kamen nur noch wenige der abendlichen Stammgäste. Der große runde hölzerne Stammtisch, der noch immer vor der Theke thront, könnte Geschichten erzählen - aus Zeiten, in denen die Luft zum Atmen im Lokal knapp war.

Durch den Eigentümerwechsel der Immobilie und die damit verbundene Rekonstruktion erfuhr die Lindenklause 2012 eine Aufwertung. Der Tresenbereich, das Mobilar sowie der Fußboden wurden komplett erneuert, Wände bekamen aufhellende Farben. Bilderrahmen mit Fotos, die die Wirtin in ihrer wenigen Freizeit selbst aufgenommen hat, bekamen ihren Platz. Auch die sanitären Einrichtungen fanden die Gäste nun nicht mehr im dunklen Hausflur. Ob es eine Zukunft für das Traditionslokal gibt, ist ungewiss. Einige Interessierte haben sich zwar die Räumlichkeiten angesehen, aber ein Nachfolger hat sich noch nicht gefunden.

Auf das Ende ihres Arbeitslebens und den Beginn ihres Ruhestandes blickt Gudrun Eckert mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Plötzlich wird es genügend freie Zeit geben - völlig ungewohnt für die langjährige Wirtin. Termine beim Frisör oder im Kosmetikstudio könne sie nun endlich intensiv genießen, verrät sie. Und auch darauf freut sie sich: Den Gänsebraten zum Weihnachtsfest will sie erstmals ausschließlich für ihre Familie zubereiten.