ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:48 Uhr

Das Leben von Migranten in Cottbus
„Wir möchten so gern arbeiten“

 Langeweile gehört zu den großen Problemen junger Flüchtlinge. Viele von ihnen würden gern eine Arbeit aufnehmen.
Langeweile gehört zu den großen Problemen junger Flüchtlinge. Viele von ihnen würden gern eine Arbeit aufnehmen. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Cottbus. Sie sind jung, sie wollen etwas tun, sie haben ein Jobangebot. Annehmen dürfen es die jungen Flüchtlinge nicht. Ihnen fehlen wichtige Papiere. Von Erika Pchalek

 Vor vier Jahren ist Maurice* nach Cottbus gekommen. Kindheit und erste Jugend in seiner afrikanischen Heimat waren geprägt durch ständige Bedrohung durch marodierende Banden. Mit 15 Jahren entschloss er sich zur Flucht. Vier Jahre war er unterwegs, bis Europa erreicht war. Heute lebt der junge Mann in einer kleinen Cottbuser Wohnung und könnte eigentlich zufrieden sein. Wenn die quälende Unsicherheit nicht wäre.

Noch immer ist sein Aufenthaltsrecht nicht geklärt. Und noch immer muss er von der Grundsicherung durch das Sozialamt leben. Maurice möchte arbeiten, sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Nicht auf Kosten der Gesellschaft leben. Also hat er einen Job gesucht – und gefunden. Mit seinem Arbeitsvertrag ging er zur Cottbuser Ausländerbehörde, um eine Arbeitserlaubnis zu beantragen.

Die Antwort der Behörde lautete: „Nein“. Keine Arbeitserlaubnis für Maurice. Also auch keine Arbeit. Kein Recht auf ein eigenständiges Leben in Deutschland. Denn ihm fehlt der Pass. Oder ein anderes Identitätspapier.

Tarik* (33) ist aus Afghanistan gekommen. Schon Kindheit und Jugend waren von Flucht bestimmt. Die Familie gehört zu den Schiiten und war im sunnitischen Herat bereits in den 80er-Jahren des 20.  Jahrhunderts – damals tobte der Krieg gegen die sowjetischen Besatzer – bedroht. Sie floh in den Iran. Zehn Jahre lebte sie dort, kehrte dann zurück.

Für vier Jahre fand sie Ruhe in der Heimat. Dann kamen die Taliban, welche die Schiiten als „Ungläubige“ betrachten und vernichten möchten. Wieder Flucht. Der Junge verlor wertvolle Jahre seiner Schulzeit. Aber er war gierig nach Wissen. Lernte selbstständig. Und fand Hilfe bei Erwachsenen. Im Iran hatte er vier Jahre die Schule besucht. Nun konnte er in der 8. Klasse weiter lernen. Der Mathematik galt seine ganze Liebe. Schon früh arbeitete er für verschiedene internationale Hilfsorganisationen.

Aber die Lage blieb gefährlich. Die Familie zog nach Kabul um. Und in der Hauptstadt: jeden Tag Attentate. Jeden Tag Drohungen. Niemand war seines Lebens sicher.

Für die Islamisten war die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen Verrat. Tarik wurde entführt, verprügelt und wieder frei gelassen mit dem Gebot: „Arbeite für uns. Sonst bist Du tot.“ Er floh aus dem Land, so rasch er konnte.

Seit 2015 lebt er in Cottbus. Bis heute ist sein Asylverfahren nicht abgeschlossen. Er war allein anfangs, ohne Beschäftigung. „Ich hatte in Afghanistan Familie, Freunde und Arbeit“, erzählt er. Er wäre geblieben, wäre da nicht die Lebensgefahr gewesen.

Die Familie und die Freunde fehlten jetzt. Die Untätigkeit nervte. Er wurde krank. Depressionen quälten ihn. Doch dann fiel ihm ein Flyer der Cottbuser Freiwilligenagentur in die Hände. Dort fand er Hilfe. Konnte einen Deutschkurs besuchen. Im Klinikum Niederlausitz fand er einen Ausbildungsplatz als Gesundheits- und Krankenpfleger. Aber die Ausländerbehörde verweigerte die Ausbildungserlaubnis. Verlangte einen Pass.

Er hatte einen Passersatz bei der Behörde hinterlegt, aber der genügte den Beamten nicht. „Was sollte ich machen “, fragt Tarik. „Ich konnte nicht zur afghanischen Botschaft wegen der Papiere. Es war gefährlich für mich.“ Wieder packte ihn die Depression. Führte zu einem Klinikaufenthalt. Hilfe fand er bei seiner Hausärztin. Ihr Einsatz brachte die ersehnte Ausbildungserlaubnis.

Die Cottbuser Ausländerbehörde reagiert zurückhaltend auf Nachfragen. Eine Entscheidung über einen Antrag erfolge immer im Rahmen einer Einzelfallprüfung, teilt der Leiter Carsten Konzack mit. Über Einzelfälle gebe es aus Datenschutzgründen keine Auskunft, so Konzack.

Wie aber soll ein Betroffener zu den gewünschten Papieren kommen? Carsten Konzack: „Wer in der Heimat nicht durch den Staat bedroht ist, kann zu seiner Botschaft gehen und sie sich dort beschaffen.“ Ines Küchler vom Fachberatungsdienst des Diakonischen Werkes Niederlausitz arbeitet seit Jahren mit Flüchtlingen. Sie sagt zum Thema: „Davon raten wir jedem ab, dessen Asylverfahren noch nicht abgeschlossen ist.“ Es gibt während des Verfahrens keine Pflicht zu einem Botschaftsbesuch.

Zurück zu Tarik. Er ist heute Student der Wirtschaftsinformatik an der Technischen Hochschule Wildau. Dieses Fach entspricht seinen Neigungen. „Ich kenne viele, die arbeiten wollen, aber nicht dürfen“, sagt er. „Sie kämpfen nicht, geben nach. Wenn ich arbeite, bin ich beschäftigt, verdiene Geld. Ich bin gesund. Arbeite ich nicht, muss ich zum Sozialamt. Verbringe nutzlose Zeit. Werde krank.“

*Namen von der Redaktion geändert

 Langeweile gehört zu den großen Problemen junger Flüchtlinge. Viele von ihnen würden gern eine Arbeit aufnehmen.
Langeweile gehört zu den großen Problemen junger Flüchtlinge. Viele von ihnen würden gern eine Arbeit aufnehmen. FOTO: dpa / Patrick Pleul