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| 02:33 Uhr

Zuflucht für Arme und Kranke
Das Diakonissenhaus Salem

FOTO: Heute: Peggy Kompalla - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm sich die evangelische Kirche der stetig wachsenden Zahl der Verarmten und Kranken an. So entstand auf Anregung von Pfarrer Theodor Fliedner das erste Diakonissen-Mutterhaus der Neuzeit im Jahr 1836 in Kaiserswerth am Rhein. Diesem folgten weitere - in Berlin, aber auch in Cottbus.

In diesen Häusern lebten und arbeiteten Diakonissen. Das Wort steht für Dienende. Es wurden natürlich auch Schwestern in speziellen Bereichen der Armen- und Krankenpflege, der Kindererziehung und der Gemeindearbeit ausgebildet. Manche Stadt erbat sich Schwestern/Diakonissen aus den Mutterhäusern, da diese uneigennützig die Pflege und Betreuung der Ärmsten und Kranken übernahmen. Die Bedürftigen brauchten also nichts zu bezahlen. Die Schwestern erhielten nur eine geringe Vergütung für ihren Lebensunterhalt.

In Cottbus holte Superintendent Heinrich Christian Ebeling (1815 bis 1891) Diakonissen für die Krankenpflege nach Cottbus. Am 14. Februar 1872 trat Schwester Agnes und am 25. November Schwester Johanne ihren Dienst in Cottbus an. Die Schwestern hatten zunächst ihre Unterkunft bei Superintendent Ebeling im Pfarrhaus Gertraudtenstraße 1. Die Zahl der Schwestern schwankte in der Folgezeit zwischen zwei und sechs. Sie hatten inzwischen auch eigene Räume im Prediger-Witwenhaus auf dem Oberkirchplatz bezogen.

Diese Räumlichkeiten waren sehr bescheiden und boten nicht ausreichend Platz für die Betreuung armer und kranker Menschen. Deshalb sammelte Superintendent Ebeling Geld, um in Cottbus ein eigenes Diakonissenhaus zu errichten, in dem auch die Pflegebedürftigen unterkommen konnten.

Mit der Spende von einer Mark von einem ehemaligen Cottbuser fing Superintendent Ebeling im Jahr 1876 dieses Werk hoffnungsvoll an. Innerhalb von zehn Jahren brachte der Superintendent die Bausumme von 20 000 Mark zusammen. Zwei Cottbuser schenkten für das Vorhaben ihre nebeneinander liegenden, freien Baugrundstücke an der damaligen Feldstraße - heute Thiemstraße. So stand ein Grundstück in einer Gesamtgröße von mehr als zwei Hektar zur Verfügung.

Bewährte Baumeister erklärten sich bereit, ohne besonderen Gewinn für sich die Planung und Bauausführung zu übernehmen. Der südliche Teil des großen Grundstücks wurde zunächst als Acker verpachtet. Auf dem nördlichen Teil sollte ein Garten angelegt und die Gebäude errichtet werden.

Am 15. Oktober 1886 fand die Grundsteinlegung statt, über die auch der Cottbuser Anzeiger ausführlich berichtete. Der bauausführende Architekt und Baumeister war der Cottbuser Ewald Schulz. In reichlich acht Monaten wurden das Diakonissenhaus und das Wirtschaftsgebäude errichtet. Das Hauptgebäude war war zweigeschossig mit ausgebautem Dachgeschoss und Ziergiebeln, dessen nördlicher mit einem Kreuz geschmückt war. Die Seitengiebel waren nach der Feldstraße im Osten und nach dem noch unbebauten Westen ausgerichtet.

Im Inneren befanden sich im Erdgeschoss die Wirtschaftsräume, ein Saal mit anschließenden Zimmern. In den oberen Stockwerken lagen die Kranken- und Schwesternzimmer.

Die Einweihungsfeier fand am 26. Juni 1887 statt. Auch darüber berichtete die Tageszeitung sehr umfangreich. Superintendent Ebeling war der Stifter und Leiter des Diakonissenhauses, das den Namen Salem erhielt. Salem - auf Arabisch auch Salam - bedeutet zu Deutsch Frieden. Die Tätigkeit der zunächst zwei Schwestern umfasste während des ersten Jahres im neuen Haus 773 Tagespflegen und 417 Nachtpflegen. Hinzu kamen noch 1548 Pflegen außer Haus und 350 Hausbesuche ohne Pflege.

Mit Blick auf sein Alter äußerte Superintendent Ebeling den Wunsch, dass ein Kuratorium die Leitung des Hauses übernehmen möge. Dies geschah zum 18. Februar 1889. Zu diesem Kuratorium gehörten unter anderem der Archidiakonus, der Landrat des Kreises, der Oberbürgermeister, der Kreisphysikus, einige Fabrikbesitzer, ein Jurist und zwei Damen. Ein neu gegründeter Diakonissen-Frauen-Verein unterstützte das Haus.

Da die Stadt Cottbus bereits zwei Diakonissen aus dem Lazarus-Krankenhaus zu Berlin angestellt hatte, beschloss das Kuratorium 1890, künftig Diakonissen von Lazarus zu erbitten. Die bisherigen Schwestern unterstanden keinem Mutterhaus. Die Cottbuser hegten den Wunsch, ein eigenes Diakonissenmutterhaus im Haus Salem zu errichten.

Da das Haus zunächst nicht voll ausgenutzt wurde, praktizierte ein Augenarzt in den noch freien Räumen. Ferner beschloss das Kuratorium, alleinstehenden Cottbusern, die ihren Lebensabend in friedlicher Umgebung verbringen wollten, ein Heim zu bieten. Um das Feierabendhaus auf dem großen Grundstück zu errichten, nahm das Kuratorium Kontakt mit dem Architekten der 1912 eingeweihten Lutherkirche, Regierungsbaumeister a. D. R. Leibnitz, auf. Doch der Erste Weltkrieg machte all diese Träume zunichte.

Inzwischen war das Cottbuser Krankenhaus ganz in der Nähe auch wieder für die Bevölkerung voll nutzbar. Das Diakonissenhaus Salem wurde zum Feierabendheim alleinstehender alter Damen. Natürlich wohnten und arbeiteten im Salem stets die Lazarus-Schwestern, die Lehr- und Probeschwestern und die Diakonissen. Der Name des Hauses - Salem - schützte es nicht vor den todbringenden Bomben am 15. Februar 1945. Im Jahre 1940 waren 23 Bewohner für die Thiemstraße 124 registriert. Auf den Totenlisten des 15. Februar tauchen drei Personen mit dieser Anschrift auf.

Die Diakonissen von Salem fanden später in der Sandower Diakoniestation Am Doll 7 eine neue Bleibe und nahmen den Namen mit. Das Haus in der Thiemstraße war so schwer beschädigt, dass die Ruine abgerissen werden musste. Die Stadt Cottbus erwarb das Areal und errichtete darauf ein Schwestern-Wohnheim und direkt auf der Stelle, wo das Haus Salem einst stand, ein Ärzte-Wohnhaus. Heute wird dieses Gebäude von der Landesversicherungsanstalt genutzt.