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"Das Cottbuser Filmfest hat keine Sommerpause"

Mit Vorfreude sieht Andreas Stein dem nächsten, dem 27. Cottbuser Filmfestival, entgegen. Er verspricht den Besuchern wieder ein vielseitiges Programm. Der 43-Jährige ist seit 2005 beim Festival und seit 2014 Geschäftsführer.
Mit Vorfreude sieht Andreas Stein dem nächsten, dem 27. Cottbuser Filmfestival, entgegen. Er verspricht den Besuchern wieder ein vielseitiges Programm. Der 43-Jährige ist seit 2005 beim Festival und seit 2014 Geschäftsführer. FOTO: V. Ufer
Cottbus. Bald beginnt die heiße Vorbereitungszeit. "Aber Pause machen wir eigentlich das ganze Jahr über nicht", sagt der Festival-Geschäftsführer. Vom Büro aus hat er einen weiten Blick über die Stadt. Einen guten Überblick muss sein Team haben, damit der Wettbewerb gelingt. Verena Ufer

Ganz versteckt in einem Bürogebäude an der Spreegalerie in der Cottbuser Innenstadt hat die Mannschaft der weit über die Grenzen der Lausitz bekannten einwöchigen Veranstaltung ihr Quartier. Nur ein kleines Namensschild neben anderen am Eingang verrät, dass hier ein kreatives Team das 27. Cottbuser Festival des osteuropäischen Films vorbereitet. Festivalzeit ist im November. Was passiert jetzt, im Sommer? Die RUNDSCHAU sprach darüber mit Geschäftsführer Andreas Stein.

Herr Stein, noch ist es ziemlich ruhig in Ihren Räumen, die heiße Festivalphase ist wohl noch nicht angelaufen?
Stein Richtig heiß wird es so ab August. Aber die Ruhe im Büro täuscht. Hier wird intensiv geplant, koordiniert, verhandelt. Auch wenn wir zurzeit nur sechs Leute sind - im November werden 120 Mitarbeiter im Einsatz sein. Die Vorbereitung des Festivals 2017 ist längst in vollem Gange, sie beginnt eigentlich immer sofort nach der Ehrung der Preisträger.

Warum ist das so wichtig?
Stein Ein Festival von unserer Größenordnung muss das ganze Jahr über auf den verschiedensten Veranstaltungen präsent und für Sponsoren jederzeit ansprechbereit sein. Vertreter des Cottbuser Filmfestes sind auch in Jurys anderer Filmwettbewerbe vertreten.

Zudem gilt es ständig, um Fördermittel zu ringen, was oft ein sehr schwieriges und sehr langwieriges Verfahren ist. Leider muss man immer mal wieder auch unerwartete, herbe Rückschläge einstecken.

Wie viele Wettbewerbsfilme stehen denn schon fest für dieses Jahr?
Stein Zwei Spielfilme. Aber die werden wie alle anderen erst auf der Pressekonferenz am 19. Oktober verraten.

Noch sind unser künstlerischer Leiter, Bernd Buder, Programmkoordinatorin Susann Trzewik und Jörg Taszman - unser Berater für die Wettbewerbsauswahl und viele Rechercheure im Einsatz, um Filme zu sichten.

Rechercheure?
Filmexperten, Journalisten, Produzenten aus Deutschland - aber auch aus osteuropäischen Ländern, die die Filmszene ihrer Heimat sehr gut kennen. Sie alle schreiben für uns detaillierte Rechercheberichte. Und unter anderem auf deren Grundlage entscheiden wir dann, ob und mit welchen Filmrechteinhabern wir Kontakt aufnehmen.

Unsere Mitarbeiter fahren zu Festivals. Anfang Juli steht Karlovy Vary, Karlsbad, auf dem Terminkalender. Dort laufen viele osteuropäische Filme. Der russische Streifen "Zoologiya" in der Regie von Ivan I. Tverdovsky, der 2016 in Cottbus den Hauptpreis geholt hat, war im vorigen Sommer zuerst in Karlsbad zu sehen.

Auch in Cannes war Cottbus vertreten, wie kürzlich in der RUNDSCHAU zu lesen war. So ein Termin macht doch bestimmt Spaß?
Stein Das Wetter ist meist schön, und viele Stars sind zu sehen. . . Nein, im Ernst, so ein großes Festival wie Cannes, das übrigens erhebliche Akkreditierungsgebühren aufruft, ist für unsere Kollegen harte Arbeit. Auf Partys und Empfängen geht es in Gesprächen nur um neue Filme. Statt Wettbewerbsstreifen zu schauen, ist es viel wichtiger, sich auf dem "Markt" umzuschauen.

Auf dem Markt?
Stein Das ist ein Treffpunkt in einer Messehalle mit einer Art Kioskcharakter. Hier bieten Vertreter der nationalen Filmszenen vieler Länder ihre Produktionen an. Produzenten und Verleihfirmen etwa.

In Vorführräumen kann auch der eine oder andere Film geschaut werden. Unser Ziel ist bei solchen Treffen, möglichst die besten aktuellen Filme aus Osteuropa nach Cottbus zu holen. Premieren sind dabei doppelt schön und für den Wettbewerb Spielfilm sogar eine Bedingung.

Im vergangenen Jahr überraschte das Filmfestival in der Reihe "Fokus" mit einem Blick nach Kuba. Welche Themen erwarten die Besucher in diesem Jahr?
Stein In der Reihe "Fokus" richten wir unseren Blick diesmal auf Vietnam, auch auf das Leben der vietnamesischen Gastarbeiter in Europa. Mit dem "Special" geht es nach Belarus, Weißrussland. Ein Land mit einer jungen und sehr aktiven Filmszene, die mit schwierigen politischen Bedingungen konfrontiert ist.

Darüber hinaus widmen wir uns dem 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution. Unterstützt wurden wir bei der Auswahl von 26 Filmen für dieses Projekt durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Mit nahezu allen Streifen gehen wir im Vorfeld des Festivals auf Tournee - unter dem Motto "Bruderkuss". Der Titel erinnert an das bekannte Foto von Erich Honecker und Leonid Breschnew in inniger Umarmung. Einige wenige Filme werden erst exklusiv beim Festival gezeigt.

Das Festival wird also beweglicher und geht öfter auf Reisen?
Stein Während des Festivals haben wir ja schon mehrmals zu Veranstaltungen außerhalb von Cottbus eingeladen, nach Zielona Gora zum Beispiel und Dresden. Das wollen wir auch weiter so praktizieren. Aber darüber hinaus möchten wir unbedingt in der Lausitz noch bekannter werden. Leider hören wir, wenn wir in der Region unterwegs sind, gar nicht so selten, dass viele Leute noch gar nichts von uns gehört haben.

Planen Sie noch weitere Projekte in der Region?
Stein Wir sind beim "Spreewälder Filmsommer" mit elf Veranstaltungen dabei, unter anderem bei der Aquamediale in Lübben.

Das Filmfestival kooperiert außerdem in Spremberg mit der Lausitziale. Wir präsentieren dabei auch Filme wie "Willkommen bei den Hartmanns" oder "Ein Dorf sieht Schwarz".

Das sind Streifen, die sich mit dem sehr kontrovers diskutierten Thema Zuwanderung beschäftigen.

In 26 Jahren sind eine Menge Filme beim Cottbuser Festival über die Leinwände geflimmert. Haben Sie die Streifen schon mal alle durchgezählt?
Stein Wir haben gerade damit begonnen, ein umfassendes Onlinearchiv von 1991 bis heute zu erstellen.Das soll künftig alle Informationen über gezeigte Filme enthalten - über Darsteller, Regisseure, Preisträger, und so weiter - und eine komfortable Suche ermöglichen. Aber, wie gesagt, dieses Projekt steht noch am Anfang.

Mit Andreas Stein sprach Verena Ufer

Zum Thema:
Das 27. Festival des osteuropä-ischen Films in Cottbus lädt vom7. bis 12. November 2017 ein. Herzstück der in der Nachwendezeit entstandenen Veranstaltung sind drei Wettbewerbe für Spielfilm, Kurzspielfilm und der deutsch-polnisch-tschechische U18-Wettbewerb Jugendfilm. Im Wettbewerb Spielfilm erhalten die Hauptpreisträger die von Hand gefertigte Glasfigur "Lubina", die Preisskulptur des Festivals. Deren sorbischer Name bedeutet "Die Liebreizende". Den Auftakt in die Festivalwoche bildet am Abend vor der offiziellen Eröffnung die Cottbuser Filmschau: Hier werden die besten Beiträge talentierter Kurzfilmemacher aus der Region Berlin-Brandenburg und der sächsischen Lausitz gezeigt und prämiert. Eröffnet wird das Festival im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus. Im vergangenen Jahr hatten rund 20 000 Besucher Filme des Festivals geschaut. Mehr Infos zum Festival auf www.filmfestivalcottbus.de