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| 06:14 Uhr

Interview mit Claudia Müller
Von Cottbus als „Digitaler Nomade“ in die Welt

 Die Ex-Cottbuserin Claudia Müller mit der Surf-Legende Kelly Slater.
Die Ex-Cottbuserin Claudia Müller mit der Surf-Legende Kelly Slater. FOTO: Claudia Müller
Cottbus/Bali. Die Ex-Cottbuserin Claudia Müller (31) managt von Bali aus das Marketing für den Meeresschützer und Langstreckenschwimmer Ben Lecomte. Er will mit seiner Aktion auf die Verschmutzung des Ozeans mit Mikroplastik aufmerksam machen. Die RUNDSCHAU sprach mit Claudia Müller über ihr Leben als „Digitaler Nomade“ und übers Umwelt-Projekt. Von Frank Hilbert

Warum sind Sie in die große weite Welt gezogen?

 Für die Umwelt engagiert:  Claudia Müller beim Strandreinigen auf Bali.
Für die Umwelt engagiert: Claudia Müller beim Strandreinigen auf Bali. FOTO: Claudia Müller

Als Kind war ich immer mit meiner Familie auf dem Boot oder mit dem Caravan unterwegs. Der Schwielochsee, die Mecklenburger Seenplatte und die Ostsee waren jeden Sommer und an den Wochenenden mein Zuhause. Und ich träumte schon damals immer von den Pazifik-Inseln und polynesischen Kulturen, über die ich in vielen Segelbüchern las, die aber unerreichbar weit weg erschienen.

 Beim wöchentlichen Reinigen des Strandes in Oahu auf Hawaii ist die Ex-Cottbuserin auch dabei.
Beim wöchentlichen Reinigen des Strandes in Oahu auf Hawaii ist die Ex-Cottbuserin auch dabei. FOTO: Claudia Müller

Als Teenager entstand dann der Drang, nach London zu ziehen und in dieser spannenden Metropole zu leben und zu arbeiten. Englisch war immer mein Lieblingsfach in der Schule, und dank meiner großartigen Englisch- und Klassenlehrerin Frau Körner am Spreeland-Gymnasium wurde ich in diesem Bereich auch sehr gefördert und unterstützt. Nachdem ich allerdings zwei Jahre meinen Traum in London gelebt hatte, fehlte mir die Nähe zum Wasser und mein Bezug zur Natur. Als mir mein damaliger Arbeitgeber anbot, nach Barcelona ans Mittelmeer zu wechseln, sagte ich sofort „Ja“, packte meine Sachen und zog innerhalb von zwei Wochen nach Spanien ohne vorherige Spanisch-Kenntnisse.

 Viel unterwegs: Claudia Müller während einer Reise durch Indonesien – hier auf Java.
Viel unterwegs: Claudia Müller während einer Reise durch Indonesien – hier auf Java. FOTO: Claudia Müller

Und wann ging es dann auf Weltreise?

 Lecomte und seine Crew fanden Albatrosse, die farbenprächtige Plastikteile fressen, die auf  der Oberfläche treiben; ein 1,5 x 5 Zentimeter großes Stück Plastik in dem Magen eines Fisches und schlimmer noch, einen Fisch, der in einer Plastikflasche gefangen war.
Lecomte und seine Crew fanden Albatrosse, die farbenprächtige Plastikteile fressen, die auf der Oberfläche treiben; ein 1,5 x 5 Zentimeter großes Stück Plastik in dem Magen eines Fisches und schlimmer noch, einen Fisch, der in einer Plastikflasche gefangen war. FOTO: Ben Lecomte

Nachdem ich dann ein paar Jahre gespart hatte, buchte ich ein Ticket über Thailand, Indonesien, Australien und Neuseeland nach Hawaii. Endlich in den Pazifik. Was danach kommen sollte, blieb offen.

In Hawaii angekommen, fühlte ich mich seltsamerweise sofort zu Hause, lernte wundervolle Menschen und eine atemberaubende Kultur kennen. Und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, zurück nach Europa zu gehen und wieder in den normalen Alltagstrott in einer Großstadt zurückzukehren. Ich hatte nie vor, auszuwandern oder Deutschland für immer zu verlassen. Es kam eher eins zum anderen und ich habe „ja“ gesagt, zu allen Chancen, die sich mir boten. Und mittlerweile kann ich mir ein Leben ohne täglichen Sonnenschein und gutgelaunte Menschen einfach nicht mehr vorstellen. Man unterschätzt, wie sehr sich der Ort und das Klima auf die Mentalität der Menschen auswirkt.

 Der Langstreckenschwimmer Ben Lecomte.
Der Langstreckenschwimmer Ben Lecomte. FOTO: Tom Powell

Was macht den Reiz eines Lebens als „Digitaler Nomade“ aus?

Der Begriff „Digitaler Nomade“ wird oft mit Backpackern in Verbindung gesetzt, die immer unterwegs sind und ständig von Ort zu Ort reisen. Tatsächlich machen dies viele Leute nur für ein paar Monate, denn es wird schnell anstrengend und macht sehr „reisemüde“. Das Leben als „Digitaler Nomade“ ermöglicht es mir, an mehreren wundervollen Orten weltweit zu Hause zu sein.

Dem Mikroplastik im Ozean auf der Spur FOTO: Paul Lecomte

Ich habe zwei bis drei Orte weltweit, an denen ich mich besonders wohlfühle und wo ich viele Freunde, andere Segler, Surfer, Freitaucher finde und mir mein Zuhause außerhalb Deutschlands aufgebaut habe. So verbringe ich aktuell einige Monate pro Jahr auf Hawaii, Bali, in Australien und daheim in Brandenburg. Dadurch kann ich mich verschiedenen Meeres-Projekten weltweit widmen und wenn ich möchte, meine Familie auch mal einige Monate am Stück besuchen. Denn ich habe meine Arbeit einfach immer mit im Gepäck.

Ich bin an keine festen Arbeitszeiten und Büros gebunden, kann meine Zeit frei einteilen. Und wenn die Konzentration einen verlässt, ins Wasser springen und danach mit Fokus wieder zurück an die Arbeit gehen.

Haben „Digitale Nomaden“ ein eigenes Netzwerk oder macht jeder sein Ding für sich?

Je nachdem, was man am liebsten mag. Ich habe viele Kollegen bei meinen jeweiligen Meeres-Projekten, mit denen ich mal vor Ort und mal online zusammenarbeite, und man lernt unterwegs immer wieder neue Leute kennen und stolpert meist über sehr interessante Persönlichkeiten, Geschichten und Projekte.

Ab und an arbeite ich auch gern in sogenannten Co-Working-Spaces. Quasi ein Großraumbüro, in dem man sich einen Schreibtisch mieten kann. Dort finden sich Leute allerlei beruflicher Richtungen zusammen, und meist hat man zum Beispiel einen Grafikdesigner neben sich sitzen und stellt fest, genau so jemanden habe ich gerade für mein nächstes Projekt gesucht. In solchen Co-Working-Spaces werden auch Weiterbildungen veranstaltet und Vorträge gehalten.

Was verbindet Sie noch mit Cottbus und der Lausitz?

Meine Großeltern und meine besten Freunde wohnen in Cottbus oder haben ihre Familien dort. Deshalb treffen wir uns alle mindestens einmal im Jahr und verbringen eine wertvolle Zeit zusammen. Da wir uns nur selten sehen, genießen wir die Zeit zusammen umso mehr und sind noch enger zusammengewachsen. Über die Jahre habe ich auch gelernt, dass sich jeder mehr Mühe gibt, den anderen trotz weiter Entfernung an seinem Leben teilhaben zu lassen, als wenn man tagtäglich nebeneinander wohnen würde. Hier gilt eindeutig Qualität über Quantität und wir segeln zusammen, veranstalten Garten-Parties oder verreisen zusammen innerhalb Deutschlands und Europas.

Wann sind Sie das nächste Mal in Cottbus?

Ich war gerade im Juni zum 80. Geburtstag meines Opas daheim in der Lausitz. Meine Familie bedeutet mir sehr viel und ich lege großen Wert darauf, die Möglichkeit zu haben, immer schnell nach Hause kommen zu können, sollten wichtige Momente oder Familienfeiern anstehen. Ich komme lieber im Sommer nach Hause und versammle alle bei gutem Wetter bei einer Garten-Party als beim meist trüben Matsch-Wetter um Weihnachten.

Außer Freunde zu treffen, was stellen Sie dann in der alten Heimat an?

Wenn ich heimkomme, steht bei meiner Oma immer schon „Quark mit Leinöl und Spreewaldgurken" auf dem Tisch. Einmal Spreewälder, immer Spreewälder! Quark ist im Ausland einfach nicht aufzutreiben. Das ist in Cottbus ein Muss.

Dann geht es meist mit der Familie aufs Wasser, auf den Schwielochsee oder die Gewässer um Berlin. Manchmal geht es auch mit der Familie an die Müritz, per spontanem Roadtrip mit meinen 80-jährigen Großeltern zu Bekannten an die Ostsee oder mit Freunden zum Surfen nach Spanien.

Wie muss man sich Ihr jetziges Leben vorstellen? Haben Sie einen amerikanischen Pass oder wie macht man das als Globetrotter mit dem Arbeiten und Leben und genehmigtem Aufenthalt in fremden Nationen?

Wer einen deutschen Pass hat, kann sich sehr sehr glücklich schätzen und sollte sich dessen auch bewusst sein. Als deutscher Staatsbürger bekommt man in fast jedem Land ein Visum für einen Aufenthalt von drei Monaten oder länger. Zwischendurch geht es manchmal auf einen „Visa Run“ ins nächste Paradies. Das ist ganz und gar nicht jedermanns Sache, aber ich liebe es neue Orte zu erkunden und dann in eines meiner vielen Zuhause weltweit zurückzukehren. Und dank der heutigen Technik ist man irgendwie auch immer mit allen in Kontakt und nie so richtig weg. Da macht es keinen Unterschied mehr, ob man von Hamburg nach München telefoniert oder eben von Honolulu nach Cottbus. Durch Freunde und Airbnb hat man schnell überall ein Zuhause.

Wie kommen Sie an Jobs, denn so ein Leben zwischen Hawaii und Indonesien/Australien dürfte einiges kosten?

Ich arbeite selbstständig und freiberuflich. Meine Kunden und Projekte finde ich wie jeder andere Freiberufler auch. Nur sitzen die eben nicht ums Eck in der nächsten Straße, sondern in den USA, England oder Deutschland. Man telefoniert per Skype und nicht per Festnetzanschluss. Und wenn man mal in der Nähe ist, trifft man sich auf einen Kaffee.

Das mit den Lebenshaltungskosten ist meiner Meinung nach ein Irrglaube. Ich besitze weder Auto noch ein Haus oder eine Wohnung. Mieten sind teuer, ganz egal wo. Da macht es mittlerweile kaum noch einen Unterschied. Klar bezahle ich öfter viel Geld für Flüge, aber dafür besitze ich zum Beispiel kein Auto, welches ich jede Woche für viel Geld volltanken muss. Im europäischen Großstadtleben habe ich früher viel Geld für das Übliche ausgegeben: Restaurant-Besuche, Ausgehen, Shopping. Heutzutage lebe ich sehr minimalistisch, kaufe nur, was ich benötige. Ich habe meine Wassersport-Ausrüstung immer dabei, und wenn ich mit Freunden surfen oder tauchen gehe, kostet dies meist nichts. Außerdem finde ich ein anschließendes Picknick am Strand viel schöner und persönlicher als teure Restaurant- oder Bar-Besuche. Alles in allem glaube ich sogar, dass mein derzeitiges Leben „günstiger“ ist als mein ehemaliger Alltag.

Sind Sie allein unterwegs oder mit Mann und Familie?

Weder noch. Für „Mann und Familie“ ist noch genug Zeit, und auch hier bin ich nicht unbedingt ein Freund von gesellschaftlichen Traditionen. Und in Insel-Kulturen wie auf Hawaii oder Bali, wo noch viel Wert auf die Gemeinschaft gelegt wird, ist man sowieso nie allein.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ben Lecomte?

Über meine Zusammenarbeit mit Sustainable Coastlines Hawaii habe ich Paul Lecomte – Projektmanager und Ben’s Neffe – kennengelernt. Die Crew befand sich zu dieser Zeit auf Hawaii, um das Support-Boot zu reparieren und die nächste Etappe der Expedition vorzubereiten. Wir haben schnell gemerkt, dass wir die gleichen Visionen haben und die gleichen Werte vertreten, und somit wurde ich recht schnell Teil des Teams und es ging direkt an die Vorbereitung von „The Vortex Swim“. Ben und sein Team arbeiten bereits seit teilweise sieben Jahren an diesem Projekt und haben dafür unglaublich viel aufgegeben und sehr viel Schweiß, Blut und Tränen in dieses Projekt investiert. Deshalb bin ich sehr stolz, auch meinen Teil leisten und Bens einmalige Geschichte in die Welt hinaustragen zu dürfen.

Erklären Sie bitte kurz das Projekt von Ben Lecomte, das Sie begleiten.

Im Juni startete er den Vortex Swim, von Hawaii nach Kalifornien, durch eine dichte Konzentration von Plastikmüll, den sogenannten North Pacific Garbage Patch. Er wird bis zu acht Stunden lang am Tag schwimmen, während er zusammen mit seinem Team Proben für die wissenschaftlichen Partner, die Mikroplastik und Mikrofasern untersuchen, erhebt. Am Ende wird Ben 300 Seemeilen geschwommen sein.

Welche Aufgaben haben Sie innerhalb des Projekts und wie muss man sich das in der Praxis vorstellen, da Sie ja nicht mit an Bord, sondern auf Bali sind?

Meine Aufgabe ist es, Ben’s Expedition weltweit zu teilen und unsere Mission in alle Ecken dieser Welt zu bringen. Ben’s Crew an Bord besteht aus einem großartigen Team an Fotografen, Wissenschaftlern, Journalisten und Meeresschützern. Allerdings sind die technischen Gegebenheiten auf einem knapp 14 Meter langen Segelboot mitten im Pazifik sehr eingeschränkt. Wir kommunizieren lediglich über E-Mails, spärliche Telefonate über das Satelliten-Telefon und dem Versenden von Fotos per Datentransfer. Paul und ich bekommen jeden Tag das Rohmaterial vom Boot, bereiten alles auf und teilen das Geschehen an Bord mit der Welt. Wir organisieren Interviews mit Ben für allerlei Fernsehsender, versorgen die Crew mit wichtigen Informationen und stehen mit unseren wissenschaftlichen Kooperationspartnern in Kontakt, wie zum Beispiel NASA, der Scripps Institution of Oceanography, der Universität Hawaii. Aktuell bereiten wir zusammen mit unserem Hauptsponsor icebreaker die Ankunft am 31. August in San Francisco vor sowie die Veröffentlichung unserer Dokumentation Ende 2019.

Wann fliegen Sie nach San Francisco, und was müssen Sie dort alles für die Ankunft managen?

Ich fliege Ende August, ein paar Tage vor Bens Ankunft nach San Francisco. Dort bereiten wir einen Empfang mit lokalen Schwimm-Vereinen, Organisationen und den Medien vor, gefolgt von Presse-Veranstaltungen, Vorträgen und natürlich einer großen Willkommensparty. Weiterhin möchte ich mein Team mit frischem Obst und einem kühlen Bier begrüßen, nachdem sie sich drei Monate hauptsächlich von Reis, gefriergetrockneter Astronauten-Nahrung und Dosen-Lebensmitteln ernährt haben.

Die Fragen an Claudia Müller stellte Frank Hilbert.