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| 17:57 Uhr

Kurz vor dem Tod
„Manchmal weint man einfach mit“

Trixi Kaiser-Klopfleisch arbeitet ehrenamtlich im Wünschewagenteam. Die Freude von Patienten und Angehörigen macht sie glücklich.
Trixi Kaiser-Klopfleisch arbeitet ehrenamtlich im Wünschewagenteam. Die Freude von Patienten und Angehörigen macht sie glücklich. FOTO: Hilscher Andrea / LR
Cottbus. Trixie Kaiser-Klopfleisch arbeitet ehrenamtlich für den Brandenburger Wünschewagen. Ihr Ziel: todkranken Menschen ihren letzten Wunsch erfüllen. Von Andrea Hilscher

Sie ist Ingenieurin durch und durch, steht seit über 30 Jahren als Bauleiterin ihren Mann.  Zum Ausgleich engagiert sich Trixie Kaiser-Klopfleisch ehrenamtlich in ganz anderen Bereichen: Als Therapeutin bietet sie Sport- und Entspannungskurse, organisiert Seniorengruppen. Über einen Aushang im Soziokulturellen Zentrum in Cottbus wurde sie auf das Projekt Wünschewagen aufmerksam. „Ich musste einen Moment überlegen, ob ich in der Lage wäre, mit todkranken Menschen zu arbeiten“, gibt sie zu. Schnell aber war für sie klar: „Das ist genau Dein Ding.“ Sie absolvierte eine Schulung in Potsdam, wirbt seit einem Jahr Spendengelder ein, lässt von Freunden und Familienmitgliedern Wünschewagenmäuse basteln – ein Maskottchen, das Spender und Fahrgäste als kleine Erinnerung erhalten.

„Ich war ganz schön aufgeregt, als ich endlich meine erste Fahrt zugeteilt bekam“, erzählt die 53-Jährige. Die Organisatoren der Wunsch-Touren stehen jedes Mal vor großen Herausforderungen: Die Fahrten müssen minutiös geplant sein, medizinisch geschultes Personal muss die Touren begleiten. Steht die Organisation, kann es losgehen – eigentlich. „Oft aber hat sich selbst innerhalb kürzester Zeit der Zustand der Kranken so sehr verschlechtert, dass wir die Fahrt nicht mehr durchführen können“, erklärt Cindy Schönknecht vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). Von 60 geplanten Fahrten im vergangenen Jahr wurden nur 30 tatsächlich realisiert.

Auch Trixie Kaiser-Klopfleischs erste Fahrt musste abgesagt werden, weil es ihrem Fahrgast plötzlich zu schlecht ging.  Dann aber kam das, was ihr wohl immer als „Fahrt meines Lebens“ im Gedächtnis bleiben wird: Torsten Kühnel (55), ein ehemaliger Baumaschinist, wollte noch einmal zurück an seine Ausbildungsstätte im Tagebau Welzow-Süd. „Da hatten wir natürlich von der ersten Minute an einen wunderbaren Draht zueinander, konnten über Fahrzeuge und Geräte Fachsimpeln“, so die studierte Ingenieurin.

Torsten Kühnel wurde von seiner Ehefrau Jacqueline und einem Jugendfreund begleitet. Eine bewegende Fahrt – mit kleinen Hindernissen. „Unser Fahrgast ist relativ schwer, kann selbst keinen Schritt mehr laufen. Doch mit viel Unterstützung haben wir ihn in den Wünschewagen und dann später auch in das Exkursionsfahrzeug bekommen, das mit uns direkt runter an die Kohle gefahren ist“, erinnert sich Trixie Kaiser-Klopfleisch.  Über den Tod wurde an diesem Tag nicht gesprochen. „Es war ohnehin allen im Wagen klar, dass Torsten Kühnel seine letzte Fahrt unternimmt und dass sich sein Lebenskreis in nahe Zukunft schließen wird.“

Die rund hundert Ehrenamtler, die sich in Brandenburg für das Wünschewagenprojekt engagieren, werden sorgfältig auf ihre Arbeit vorbereitet. „Wichtig ist, dass wir auch in schwierigen Situationen die Ruhe bewahren, dass wir Sicherheit geben und keinerlei Stress aufkommt“, erklärt Cindy Schönknecht das Konzept. Ohnehin würde sich während der Fahrten sehr schnell eine enge Bindung zwischen den Fahrgästen und den Ehrenamtlern ergeben. „In den Stunden im Wagen wächst man zusammen. Diese letzte Fahrt eines Menschen zu begleiten, schafft eine sehr intime Situation.“

Rund 80 Prozent der Todkranken wollen noch einmal ans Meer. Andere wünschen sich den letzten Besuch in ihrem früheren Garten, die Teilnahme an einer Familienfeier oder einen Theaterbesuch. Fahrten, die ein Krankentransport nicht übernimmt, die von Angehörigen aber wegen des schlechten Gesundheitszustandes der Patienten nicht mehr geleistet werden können.

Schöne Erinnerungen zu schaffen, sowohl für die todkranken Menschen wie auch für ihre Angehörigen, das motiviert die Ehrenamtler, die alle einen medizinisch-pflegerischen Hintergrund haben. „Wir müssen ja in Notfällen richtig reagieren können“, so Cindy Schönknecht. Auch auf schwere gesundheitliche Krisen sei man vorbereitet, eine Reanimation im Wünschewagen ist jederzeit möglich. „Unsere Gäste müssen zur Tour ihre Patientenverfügung mitbringen, damit wir wissen, ob sie überhaupt wiederbelebt werden wollen.“

Bisher ist in Brandenburg noch kein Patient während er Wünsche-Tourverstorben. Oft aber überleben sie diesen erfüllenden Moment nur um wenige Tage. „Ihre Angehörigen schreiben uns dann oder kommen vorbei“, sagt Cindy Schönknecht. „Und manchmal  weinen wir dann auch einfach mit.“

Torsten und Jacqueline Kühnel im Wünschewagen, der sie zum Tagebau Welzow-Süd gebracht hat.
Torsten und Jacqueline Kühnel im Wünschewagen, der sie zum Tagebau Welzow-Süd gebracht hat. FOTO: ASB
FOTO: Andreas Arnold / dpa