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| 02:33 Uhr

Cottbuser vermissen die Wintervögel

Auf sie ist in den Gärten in und um Cottbus noch Verlass: Eine Kohlmeise im Landeanflug auf eine Futterstelle.
Auf sie ist in den Gärten in und um Cottbus noch Verlass: Eine Kohlmeise im Landeanflug auf eine Futterstelle. FOTO: R. Fischer/rfs1
Cottbus. "Wo sind die ganzen Vögel hin?" Manfred Bunar aus Cottbus ist ratlos. Das Futterhaus auf seinem Grundstück in Alt-Schmellwitz ist in diesem Jahr verwaist. Auch seine Nachbarn vermissen die gefiederten Besucher. Für das Ausbleiben der Vögel hat der Naturschutzbund Nabu mehrere Erklärungen. Sven Hering

Die Hoffnung hat Manfred Bunar aufgegeben. Obwohl das Futterhaus im Vorgarten seines Grundstücks in Alt-Schmellwitz wie in den vergangenen Jahren mit Leckereien gefüllt ist, hat sich bislang kein einziger Vogel dorthin verirrt. "Sind die denn alle ausgestorben?", fragt der Rentner. Seine Nachbarn treibt ebenfalls diese Frage um. Auch sie vermissten die hungrigen Besucher, die in den vergangenen Wintern regelmäßig die Alt-Schmellwitzer Futterhäuschen belagerten.

Das Phänomen ist allerdings nicht auf den Cottbuser Stadtteil begrenzt. Insgesamt sind in deutschen Gärten und Parks in diesem Winter weniger Vögel zu sehen. Das teilte der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) mit. So beobachteten Teilnehmer der Zählaktion "Stunde der Wintervögel" im Schnitt in einer Stunde 34 Vögel pro Garten. Das seien knapp 20 Prozent weniger als 2016, erklärte der Nabu. Als Ursache vermutet er milde Temperaturen in den Herkunftsgebieten von Zugvögeln. Auch geringer Bruterfolg etwa bei Meisen könne nicht ausgeschlossen werden.

Helga Leber vom Cottbuser Naturschutzbund Nabu hat noch einen anderen Verdacht. Auf einer Strecke von über 700 Kilometern entlang der gesamten ägyptischen Mittelmeerküste - vom Gaza-Streifen im Osten bis zur libyschen Grenze im Westen - versperren Fangnetze Millionen von Zugvögeln den Weg in ihre Überwinterungsgebiete und zurück. Während des Herbstzugs werden dort laut Nabu etwa zwölf Millionen Zugvögel gefangen und als Delikatesse verkauft. Das sei ein einträgliches Geschäft im Umfang von rund 40 Millionen Euro.

Das Ausbleiben der Vögel in ihrem Garten kann Helga Leber anhand des Futterverbrauchs ziemlich genau dokumentieren. Vier bis fünf Zentner - vor allem Sonnenblumenkerne - habe sie in den vergangenen Jahren in den Wintermonaten an die Vögel verteilt. "In diesem Winter sind es bislang vielleicht gerade mal anderthalb Zentner", sagt sie.

Der Cottbuser Nabu-Sprecher Harald Wilken nennt weitere Gründe. "Es gibt immer mehr Tierfreunde, die Futter anbieten, die Vögel verteilen sich dadurch", betont er. Das sei erst einmal nicht schlecht, weil dadurch auch die Ansteckungsgefahr bei Krankheiten verringert werde.

Doch eine andere Beobachtung bereitet Wilken Kopfzerbrechen. Weil die Landwirtschaftsbetriebe immer mehr Chemikalien auf den Feldern einsetzten, gehe das Vorkommen an Insekten massiv zurück. Den Vögeln werde dadurch ihre wichtigste Nahrungsquelle genommen. Hier müsse dringend umgesteuert werden, fordert Wilken. Die Chance zum Protest hat der Cottbuser bereits genutzt: Beim Neujahrsempfang des Nabu in Potsdam sei es hoch hergegangen, berichtet er.