Von Peggy Kompalla

Straßenbahn fahren kann auch für Straßenbahnfahrer aufregend sein – selbst wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes erfahren sind. Denn mit der Inbetriebnahme des neuen Verkehrsknotens am Cottbuser Bahnhof ändert sich nicht nur eine Strecke, sondern fast alle Linien. Zeitgleich tritt ein neuer Verkehrsplan in Kraft. Das bedeutet: Die vier Straßenbahnlinien werden auf neuen Touren unterwegs sein (siehe Infobox). Alte Routinen werden damit über den Haufen geworfen. Zudem fahren die Bahnen nach zwei Jahren Pause dann wieder durch die Bahnhofstraße und bis zur Jessener Straße. All das will geübt sein. Deshalb nimmt Wilfried Kaul seine Fahrer auf Extratouren mit. Bei Cottbusverkehr heißt das Einweisungsfahrten. Als Teamleiter Straßenbahnverkehr ist er verantwortlich, dass am Dienstag mit der Inbetriebnahme des neuen Verkehrsknotens alles klappt.

Yvonne Tomczyk hat eigentlich Urlaub. Trotzdem steht die Straßenbahnfahrerin am Montagmorgen auf dem Betriebshof von Cottbusverkehr in Schmellwitz. Sie geht noch ein weiteres Mal mit sieben Kollegen und dem Chef auf Übungsfahrt. „Ich bin praktisch veranlagt“, sagt sie. „Ich muss das alles noch einmal sehen und abfahren, um es zu verinnerlichen.“ Deshalb ist sie froh, dass die Straßenbahn am Montag gleich mehrere Runden über den Bahnhof nimmt und dabei den Verkehrsknoten aus allen Richtungen anfährt. Denn die Fahrer müssen alle Linien kennen. In einer Schicht, so erklärt es Wilfried Kaul, werden seine Kollegen auf zwei Linien unterwegs sein.

Der Teamleiter will seinen Fahrern den Druck nehmen. Auf der Fahrt erklärt er die Abläufe möglichst genau, weist auf Gefahrenstellen hin, sagt, wann welche Signale angefordert werden müssen, wo Schwung geholt, die Betriebsbremse eingeschaltet oder eine Weiche gestellt werden muss. Dazu gehört auch, welche Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den einzelnen Abschnitten gelten. Das variiert rund um den neuen Verkehrsknoten zwischen 15 und 20 km/h.

Aufregung ist trotzdem da. Straßenbahnfahrerin Yvonne Tomczyk gibt zu: „Je näher der Tag kommt, umso schlimmer wird es.“ Die Männer verbergen das Gefühl lieber hinter Scherzen. Die Atmosphäre ist gelöst und trotzdem konzentriert. An den Einfahrten zum Verkehrsknoten drängen sich die Kollegen um die Fahrerkabine. Jeder will es genau wissen. Wilfried Kaul dirigiert den Fahrer, gibt Hinweise.

Das Signal an die Ampel auf dem Bahnhofsberg ist rechtzeitig rausgegangen. Als die Bahn den Scheitelpunkt erreicht, halten die Autos, die Einfahrt auf den Bahnhofsvorplatz ist frei. „Hier mit 15 km/h“, sagt der Chef. So ganz frei ist die Einfahrt dann doch nicht. Azubi Nico Fahrentz springt mit einem Kollegen raus und räumt die Sicherheitsbaken beiseite, die den Verkehrsknoten noch bis nächste Woche abriegeln. Die Bahn rollt langsam unters Haltestellendach. „Mit der Tür eins am Aufmerksamkeitsfeld halten“, sagt Wilfried Kaul. Das Aufmerksamkeitsfeld gehört zum Blindenleitsystem. Hält die Bahn genau an der Position, öffnet die Tür im barrierefreien Mittelsegment der Bahn genau an der Rampe. Die ist noch so lange nötig, bis moderne Straßenbahnen im Fuhrpark von Cottbusverkehr aufgenommen werden.

An der Haltestelle steigen alle aus. Die Fahrer monieren gleich: „Das geht so nicht.“ Sie zeigen auf die Rampe. Die offenen Türen der Bahn stehen gerade einmal einen Fingerbreit über der Rampe. „Das ist viel zu knapp. Die Tür setzt fast auf, obwohl keine Fahrgäste in der Bahn sind.“ Wilfried Kaul nickt. Er macht ein Foto und wird das an die Werkstatt weitergeben. Das muss noch behoben werden.

Dann erklärt der Chef den Aufbau der Haltestelle und der Bahnsteige. Einige Fahrer sitzen nicht nur am Steuer der Straßenbahnen, sondern lenken auch Busse. „Die Busse fahren im Uhrzeigersinn rein. Rückwärtsfahren ist nicht notwendig.“ Das gilt nicht nur für die Haltestelle, sondern auch für die Abstellflächen des Busbahnhofs.

Bei der Ausfahrt in Richtung Jessener Straße rumpelt es ordentlich in der Kurve. Bauarbeiter werkeln noch am Asphalt, da gerät Material in die Schienen. „Das wird noch sauber gemacht“, versichert der Chef. Dann ermahnt er den Fahrer: „Hier sehr aufmerksam sein. Da sind die Fahrradständer, und die Leute eilen zum Bahnhof.“ An die Straßenbahnen in Richtung Wendeschleife Jessener Straße müssen sich auch die Autofahrer erst wieder gewöhnen. „Ich habe schon eine Liste für die Straßenverkehrsbehörde gemacht“, sagt Wilfried Kaul. „Hier müssen unbedingt die Vorfahrtsschilder an die Ausfahrten. Obacht geben. Hier sind einige Unfallquellen.“

Nach vier Runden über den Bahnhof dreht die Straßenbahn schließlich in die Bahnhofstraße ab – in Richtung Betriebshof. Yvonne Tomczyk sagt: „Das war gut.“ Sie weiß auch, dass am Dienstag, 22. Oktober, nicht nur für die Fahrgäste Lotsen am Bahnhof im Einsatz sein werden, sondern auch für die Fahrer Unterstützung vor Ort ist, wenn sie Nachfragen haben.

Lehrling Nico Fahrentz hört in den drei Stunden aufmerksam zu. Für ihn ist das die vierte Einweisungsfahrt. Da Wilfried Kaul auch Fahrlehrer ist, lässt er den 18-Jährigen die letzten Kilometer bis auf den Betriebshof die Bahn lenken. Wenn der Azubi offiziell Straßenbahnen fahren darf, wird der neue Verkehrsknoten für alle längst Routine sein.