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| 18:43 Uhr

Wirtschaft
Arbeiten am ramponierten Image

Cottbus. Touristiker erleiden Umsatzeinbußen nach Demos und Ausschreitungen. Sie starten eine Gegenoffensive. Von Andrea Hilscher

Lange Zeit waren es nur verhaltene Signale, hinter vorgehaltener Hand klagten Veranstalter und Hoteliers in Cottbus über Umsatzeinbußen – zu schlecht sei der bundesweite Ruf geworden. Nach wiederkehrenden Demonstrationen und  Ausschreitungen zwischen Gruppen unterschiedlicher Nationalitäten sind die Besucherzahlen in der Lausitzmetropole nun aber so drastisch eingebrochen, dass die Touristiker in die Offensive gehen. Sie haben Journalisten aus ganz Deutschland eingeladen, sich auf einer Pressereise von den Schönheiten der Stadt zu überzeugen.

Sandra Jacobs, Chefin des Radisson Blu in der Innenstadt, hat den Anstoß zu dieser Initiative gegeben. „Es hat in den vergangenen Monaten einige unschöne Momente in der Stadt gegeben, die noch dazu häufig falsch dargestellt wurden.“ Insbesondere nach einem ARD-Bericht über Cottbus seien die Übernachtungszahlen stark eingebrochen. Veranstalter hätten ihre Reisen kurzfristig storniert, da die Gäste sich in Cottbus nicht mehr sicher fühlen würden.

„Ich musste kreativ werden, um wenigstens meine laufenden Kosten zu senken“, sagt Hotelchefin Sandra Jacobs. Sie hat vorübergehend Personal an andere Häuser abgegeben, um die finanziellen Belastungen im Rahmen zu halten. Denn anderswo suchen Hoteliers händeringend nach Unterstützung.

Michael Fehrmann, Leiter des Lindner Congress-Hotels, sagt: „Im August wurden in Deutschland so viele Hotelbetten verkauft wie noch nie zuvor.“ Ein Boom, der an Cottbus vorbeigegangen ist. Olaf Schöpe, Hotelier und Veranstalter an mehreren Standorten in der Stadt und im Spreewald, musste in diesem Jahr ein Umsatzminus von 15 Prozent im Bereich Radtourismus hinnehmen. Andere Anbieter klagen über das Ausbleiben von Kurzurlaubern, das Tagungsgeschäft leide erheblich unter dem Imageschaden, den Cottbus in den letzten Monaten erlitten habe.

Gabi Grube, Chefin des Cottbuser Stadtmarketings, arbeitet hart daran, die Wahrnehmung der Stadt nach innen und nach außen positiv zu verändern. Hier leben selbstbewusste Bürger, die sich engagieren für Kultur und Sport – das ist die Botschaft, die sie gegen Bilder von rechten Demonstranten und Schlägereien setzt. Denn, und da ist sie sich mit vielen Entscheidungsträgern in der Stadt einig: Die Stadt ist sehr viel schöner als ihr Ruf. Gert Streidt etwa, Leiter der Stiftung Schloss und Park Branitz, sagt voller Überzeugung: „Fremdenfeindlichkeit gibt es in Cottbus nicht. Die Menschen hier sind weltoffen, neugierig und freundlich.“

Die angereisten Journalisten, drei an der Zahl, lassen sich gern überzeugen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen ohnehin im Bereich Tourismus und Reise, sie sind also neugierig auf die architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt, freuen sich auf den Branitzer Park und eine Tour zum künftigen Ostsee.

Schon ein erster Rundgang durch die Innenstadt hat sie positiv überrascht. „Bei uns im Ruhrgebiet steht vor jeder Synagoge rund um die Uhr Polizei, hier scheint das nicht nötig zu sein“, sagt Jöran Steinsiek, der unter anderem für Focus online und Sonnenklar.TV arbeitet. Auch von der niedrigen Arbeitslosenquote, die in Cottbus bei knapp über sechs Prozent liegt, könne man in manchen Regionen Westdeutschlands nur träumen.

Für die Journalisten, die aus Süd- und Westdeutschland Ausländeranteile von 20, 30 oder 40 Prozent gewöhnt sind, ist nicht ganz klar, warum der Zuzug die Cottbuser vor derart große Herausforderungen stellt. Olaf Schöpe, im Ehrenamt Dehoga-Präsident in Brandenburg, versucht sich an einer Einordnung. „Wir waren es einfach nicht gewöhnt, von so vielen Menschen mit Kopftuch umgeben zu sein.“ Bei ihm rufe das auch kein Unwohlsein hervor, das Stadtbild habe sich eben einfach nur verändert. Er hofft, dass die Region an Erfahrungen aus den 1990er-Jahren anknüpfen kann. „Was war das damals für eine Aufbruchstimmung, als die Bundesgartenschau nach Cottbus kam. Da haben alle angepackt und sich gefreut.“ Der Ostsee könne ein ebensolches „Hoffnungsprojekt“ werden, mit guten Effekten für Einwohner, die Wirtschaft, den Tourismus. „Dafür brauchen wir allerdings Atem“, sagt er. Die Gäste nicken.