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| 17:43 Uhr

Spannende Entscheidung
Cottbus hofft auf Theaterpreis

Jo Fabian (mit Brille) probt mit seinem Ensemble für "Onkel Wanja".
Jo Fabian (mit Brille) probt mit seinem Ensemble für "Onkel Wanja". FOTO: Kross Marlies
Cottbus. Schauspielchef Jo Fabian ist für die Regie des „Onkel Wanja“ nominiert. Er könnte den „Faust 2018“ für das Staatstheater Cottbus holen. Ein politisches Signal. Von Andrea Hilscher

Es ist der einzige nationale Theaterpreis, der am Samstag im bayrischen  Regensburg verliehen wird. Unter den Nominierten in der Kategorie „beste Regie“ beim „Faust 2018“ ist auch der Cottbuser Schauspieldirektor Jo Fabian mit seiner Inszenierung von Anton Tschechows „Onkel Wanja“.  Eine Ehre in jedem Fall, eine Überraschung nicht unbedingt. „Es ist meine erste Arbeit als Schauspieldirektor an einem festen Haus“, sagt Fabian. „Zum ersten Mal bin ich für derartige Jurys greifbar.“

Wenn am Samstagabend tatsächlich in Oscar-Manier bekanntgegeben wird: „The winner is . . . Jo Fabian“, dann wird er sich freuen, vor allem für sein Ensemble. Gründe, warum „Onkel Wanja“ eine solche Auszeichnung verdient, gibt es offenbar genügend. „Niemand auf der Welt hat dem Publikum bisher eine Wand vor die Nase gesetzt“, sagt Fabian, und tatsächlich ist diese Wand einer der Dreh- und Angelpunkte seiner Inszenierung. Mit ihren wohldosierten Durch- und Einblicken kitzelt die Wand die Neugier des Publikums, sorgt für erotischen Zauber, empört und befreit zugleich.

„Auch für uns Schauspieler war diese Wand zunächst erschreckend“, sagt Lisa Schützenberger. Sie ist im Stück die Jelena Andrejewna, eine lebenshungrige junge Frau, die nach und nach an ihrer Umgebung erstickt und letztlich verlöscht. Sie musste sich, wie das gesamte Ensemble, an einen wie Jo Fabian gewöhnen. „Wer stellt einen Schauspieler schon hinter eine Wand?“ Schauspieler wollen zeigen, nicht verbergen, doch auch diesem Zeigen gibt Fabian ausreichend Raum.

Er schafft einen Rahmen mit Haltepunkten, zwischen denen sich die Schauspieler bewegen können. Ihre Interpretationen sorgen immer wieder für neue Nuancen im Stück, keine Aufführung ist wie die andere. „Welcher Abend nun genau dazu geführt hat, dass wir nominiert wurden, wissen wir nicht“, sagt Lisa Schützenberger.

Wichtiger scheint es Ensemble wie Regisseur, dass Cottbus mit der Nominierung im öffentlichen Bewusstsein wahrgenommen wird als eine Stadt, in der auch am Theater ein politischer Kampf ausgetragen wird. „Cottbus hat mit einer Art negativer Energie bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt“, sagt Jo Fabian. Das Theater sei ein Ort, der sich dazu positionieren müsse. „Und ja, das sehe ich anders als unser bisheriger Intendant.“ Kunst ist für Fabian kein Selbstzweck, sie müsse dazu dienen, Standorte zu definieren und Utopien zu suchen.

Die aktuelle Situation am Staatstheater erlebt er als befreiend: „Die Schauspieler laufen mit auf den Demos, sie kleben Plakate, sie reagieren auf eine brisante Situation.“ Das Haus definiere sich neu, was gerade in Zeiten wichtig sei, in denen die AfD die Freiheit der Kunst beschneiden wolle. Fabian wird leidenschaftlich, er ist ein politischer Kopf. Er will dafür sorgen, dass Theater nicht zu einer „bedeutungslosen Unterhaltungsmaschine im Plastezeitalter“ verkommt.

„In Zeiten der Orientierungslosigkeit folgen die Menschen dem erstbesten Charismatiker mit Flöte“, sagt Fabian und zieht sogleich Parallelen zu Tschechows Wanja. „Da sind die auf dem Land Vergessenen, die lieber am Bekannten festhalten, als sich auf Neues einzulassen“, so Fabian.

In Lisa Schützenberger hat er eine Schauspielerin gefunden, die sich mit ihm gemeinsam auf das Wagnis einlässt, unbekanntes Terrain zu erobern. „Ich bin ihr dankbar, ebenso wie den anderen Mitgliedern  des Ensembles“, sagt der Schauspieldirektor.

Der Wanja sei seine erste Arbeit in Cottbus gewesen, daher sei er für seine Verhältnisse ungewöhnlich konventionell geblieben. Seine zweite Arbeit, „Terra In Cognita“, geht weiter auf dem Weg der Befreiung. „Preise“, sagt Jo Fabian, „gibt es dafür allerdings noch nicht.“