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| 19:11 Uhr

Cottbus
Cottbuser Schulen am Limit

Cottbus. Die aktuelle Stunde zur Bildungssituation in der Stadt legt die Ausnahmesituation offen. Von Peggy Kompalla

Die CDU hat ihre aktuelle Stunde während der jüngsten Sitzung des Stadtparlaments provokant überschrieben: Können Cottbuser Schulen noch ihren Bildungsauftrag erfüllen?, fragte die Fraktion und lieferte selbst Antworten. Wolfgang Bialas erklärte zur Einführung: „Einige unserer Schulen arbeiten am Limit und Grundschulen tragen die größte Last.“ Dem widersprach im Laufe der Debatte niemand – selbst Gerald Boese, Leiter des Staatlichen Schulamts, bestätigte diese Einschätzung, wenngleich mit vorsichtigeren Worten.

Die angespannte Lage sei nicht nur der wachsenden Zahl von Schülern aus Flüchtlingsfamilien zuzuschreiben. Das machte Bialas gleich zu Beginn deutlich. „Die aktuellen Erschwernisse haben sehr komplexe Ursachen“, betonte er. Dazu gehöre die gescheiterte Inklusionspolitik seit dem Jahr 2011, die den Schulen weder die nötigen Ressourcen, noch das entsprechende Personal zur Verfügung stellte. Gleichzeitig stiegen die Schülerzahlen in Cottbus. Hinzu kämen Mobbing und Drogen auf den Schulhöfen und eine wachsende Zahl von Schulabbrechern. „In diese bereits angespannte Schul- und Kita-Situation kam nun ab 2015/16 noch zusätzlich die unkoordinierte Zuwanderung von Flüchtlingen“, sagte Wolfgang Bialas. Für Cottbus bedeutete dies nach Auskunft von Bildungsdezernentin Maren Dieckmann (parteilos), dass die Schülerzahlen von 2016 auf 2017 um rund 400 Kinder stiegen – darunter viele Flüchtlinge. Sie bringen zudem andere Werte an die Schulen und sprechen oft nicht ausreichend Deutsch, um am Unterricht teilzunehmen.

Wie rappelvoll die Schulen der Stadt sind, machte Maren Dieckmann deutlich. Demnach fehlen sieben Klassenräume an Grundschulen und 14 an den weiterführenden Schulen. „Das ist ein komplettes Schulgebäude“, sagte sie. Sie kritisierte in Richtung Staatliches Schulamt, dass das Programm Gemeinsames Lernen den Schulen als Alleslöser unterbreitet werde. Das ist der Nachfolger der Inklusionspolitik und geht mit einer deutlich besseren Personalausstattung einher. Dafür müssen sich die Schulen bewerben und ein Konzept vorlegen. „Dafür ist aber eine bessere Raumausstattung nötig“, so die Dezernentin. „Der Grundschule Dissenchen fehlen dafür schlicht die Räume“, ergänzte Maren Dieckmann und betonte: „Das Programm kann außerdem die Migrationsprobleme nicht lösen.“ Vielmehr wünsche sich die Dezernentin ein flexibleres Schulgesetz, um auf die Besonderheiten von Cottbus reagieren zu können. „Außerdem brauchen die Schulen mehr Eigenkompetenzen.“

Tatsächlich sind die Herausforderungen in Cottbus anders als in den Landkreisen. Das bestätigte Gerald Boese vom Staatlichen Schulamt. „Die Raumressourcen sind an fast allen Schulen begrenzt“, sagte er. „Vorbereitungsgruppen müssen bereits außerhalb einzelner Schulen unterrichtet werden.“ So würden etwa die Grundschule in Groß Gaglow und die Sportbetonte Grundschule im nächsten Schuljahr Klassen mit bis zu 30 Kindern bilden. Das seien die Spitzenwerte. Der Richtwert für eine Grundschulklasse beträgt 25 Kinder. Aber auch an der Werner-Oberschule und der Fontane-Gesamtschule herrsche ein Dauerdruck. Das Schulamt erhofft sich durch die neue Schmellwitzer Oberschule ab dem neuen Schuljahr diesbezüglich eine Verbesserung.

Darüber hinaus konzentrieren sich die Flüchtlingsfamilien in einzelnen Stadtteile. Deshalb gebe es an fünf Schulen einzelne Klassen mit einem Ausländeranteil von über 30 Prozent. Dieser Wert wird eigentlich als Maximum angesetzt. „An den Schulen sind aufgrund der fehlenden Räume keine Klassenteilungen möglich, um den Anteil zu senken“, so Boese. Insofern herrsche in Cottbus im Vergleich zu den Landkreisen eine Ausnahmesituation. Dagegen habe Cottbus gegenüber den Landkreisen beim Personal Vorteile. „Für Bewerber ist Cottbus eine attraktive Stadt“, so Boese. Demnach seien die Lehrerstellen für das neue Schuljahr weitestgehend abgesichert. Nur an drei Grundschulen im Süden sei noch Bedarf und an der Sachsendorfer Oberschule und der Fontane-Gesamtschule seien jeweils noch eine Stelle offen.

Trotz der Herausforderungen leisteten die Lehrer sehr gute Arbeit. Trotzdem könne die Stadt nicht nur auf das Land zeigen. Das machte Marion Kaun (Linke) deutlich. „Die Stadt kann mit einer ordentlichen Ausstattung die Bedingungen für einen attraktiven Unterricht schaffen“, sagte der Lehrer. So müsse er teils mit veralteten Geschichtsbüchern und fast antiken Sportgeräten arbeiten. Angesichts dieser Schilderungen erklärte Gudrun Breitschuh-Wiehe: „Dann sollten wir in unsere eigene Tasche greifen.“

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