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Cottbuser Schüler stehen für Flüchtlinge ein

Gruppenbild vor der Waldorfschule mit Wali, Simon Roskos, Vincent Rau, Rahel Wolkers, Anni Spiegelberg, David Lay, Nik, Noorodin, Gregor Vorwald, Nimatulla, der als afghanischer Flüchtling auch mit einer Abschiebung rechnen muss, sowie Lehrer Christian Wolf (v.l.n.r.).
Gruppenbild vor der Waldorfschule mit Wali, Simon Roskos, Vincent Rau, Rahel Wolkers, Anni Spiegelberg, David Lay, Nik, Noorodin, Gregor Vorwald, Nimatulla, der als afghanischer Flüchtling auch mit einer Abschiebung rechnen muss, sowie Lehrer Christian Wolf (v.l.n.r.). FOTO: Elsner
Cottbus. Die einen sind in der Lausitz aufgewachsen – im Frieden und wohl behütet. Die anderen in Afghanistan und vor dem Krieg geflohen. Sie alle sind Waldorfschüler in Cottbus. Wer sie trifft, erkennt auf den ersten Blick: Diese jungen Leute verstehen sich und stehen füreinander ein. Ulrike Elsner

Die Rede ist von Wali, Nik Mohammad und Noorodin (alle 19) und ihren deutschen Mitschülern. Die drei jungen Afghanen, seit einem Jahr Waldorfschüler, sollen jetzt in ihr Herkunftsland abgeschoben werden. Was das bedeutet, beschreibt Wali so: "Wer zurückkehrt, gilt als Fahnenflüchtiger, wird gefoltert und umgebracht."

Derzeit lernen acht Flüchtlinge an der Waldorfschule. Ein Iraker hat eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Die sieben Afghanen müssen jederzeit damit rechnen, abgeschoben zu werden. Nicht nur ihren Mitschülern will das nicht in den Kopf. "Wir haben zwei Kriegsländer, aber eines davon gilt plötzlich als sicheres Herkunftsland", wundert sich Geografielehrer Christian Wolf, der Wali und seine Landsleute aus dem Deutschkurs gut kennt.

Die ersten Asylablehnungen waren ein einschneidendes Erlebnis für alle. "Seitdem befassen wir uns intensiv mit dem Thema", berichtet David Lay. "Wir können nicht einfach zuschauen, wie unsere Mitschüler abgeschoben werden." Die gesamte Oberstufe habe sich zu verschiedenen Protestaktionen zusammengefunden. Dazu gehören Unterschriftensammlungen sowie die Petition "Stoppt die Abschiebungen nach Afghanistan!" an Bundesinnenminister Thomas de Maizière auf www.change.org .

Als ein besonderes Problem erweist sich die Finanzierung der Rechtsanwälte für die Einsprüche gegen die Ausweisung. "Die Schule gibt 1000 Euro", berichtet Christian Wolf, "mehr können wir nicht leisten." Doch damit ist nur einem Flüchtling geholfen. Wie die anderen unterstützt werden können, darüber haben sich die Schüler Gedanken gemacht. "Wir haben Bands angeschrieben und ein Benefizkonzert im Muggefug organisiert", berichtet Anni Spiegelberg. Am Freitag, 17. März, 19 bis 22 Uhr, ist im Muggefug, Papitzer Straße 4, Feiern für einen guten Zweck angesagt. Warum sie sich für ihre afghanischen Mitschüler einsetzen, begründen die Elftklässler in einem von Anni Spiegelberg und Rahel Wolkers unterzeichneten "Extrablatt" so: "Mittlerweile haben sie trotz unglaublicher und vielleicht auch für uns nicht nachvollziehbarer, traumatischer Erlebnisse angefangen, sich einzuleben, auch mal zu lachen und zu verarbeiten."

Es ist ein trauriger Bericht, den Wali über seine Kindheit in Kundus abgibt. Nur zwei Jahre lang konnte er zur Schule gehen. Dann haben die Taliban die Schule zerstört. Er saß zu Hause, bis im Alter von zehn Jahren sein Arbeitsleben in einem Restaurant begann. Wali möchte zunächst noch besser Deutsch lernen. Danach würde er gern ein Praktikum in einer Autowerkstatt machen und Automechaniker werden. Auch in einer Hotelküche zu helfen, kann sich der 19-Jährige gut vorstellen. Nik möchte Tischler werden und Noorodin träumt von einem Praktikum bei der Polizei.

Mitschüler David Lay berichtet darüber, wie die 11. Klasse mit Wali feiert oder ihm den Stoff erklärt, den er verpasst, wenn er zum obligatorischen Sprachkurs muss. Und Simon Roskos sagt über Nik, der wie er die 13. Klasse besucht: "Er ist voll integriert, einfach ein Teil von uns."