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| 16:59 Uhr

Cottbuser Schicksale
„Wir haben so viel geweint“

 Thi Tuyet Nguyen (l.) und Thin Kim Nguyen im Evangelischen Gymnasium.
Thi Tuyet Nguyen (l.) und Thin Kim Nguyen im Evangelischen Gymnasium. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Zwei Frauen aus Vietnam erzählen von ihren Anfangsjahren in der DDR. Es waren harte Zeiten. Doch wegen ihrer Kinder sind sie geblieben. Von Andrea Hilscher

Sie sind gerührt und auch ein wenig glücklich: Thi Tuyet Nguyen und Thin Kim Nguyen aus Vietnam leben seit mehreren Jahrzehnten in Cottbus. Doch was sie hierher verschlagen hat, wie sie sich eingelebt haben und warum sie sich letztlich auf Dauer für ein Leben in Deutschland entschieden haben, dafür hat sich bisher kaum jemand interessiert. Das hat sich nun geändert. Die Schüler des Geschichtsleistungskurses am Evangelischen Gymnasium haben die Frauen eingeladen, damit sie ihnen vom Leben der Vertragsarbeiter in der DDR erzählen.

Thin Kim Nguyen, kurz: Frau Kim, kam bereits 1967 in die DDR. „Ich war gut in Naturwissenschaften, deshalb hat mich die vietnamesische Regierung zum Studium ins Ausland delegiert.“ Eine große Auszeichnung, da fragte man nicht lange, da griff man zu – auch wenn es in die unbekannte DDR gehen sollte, von der man damals in Vietnam kaum mehr wusste, als das sie sozialistisch regiert und sehr weit weg war.

Deutsch ist unglaublich schwer zu erlernen

Auch ihr Fach konnte sich die junge Studentin nicht aussuchen: Sie musste sich für Maschinenbau einschreiben. Dabei war schon das Deutschlernen in Leipzig eine tränenreiche Herausforderung. „Die deutsche Sprache ist für uns unglaublich schwer zu erlernen“, erzählt die Ingenieurin den jungen Abiturienten. Damit aber auch noch das ohnehin schwierige Fach Maschinenbau zu bewältigen – es ging nur mit unglaublichem Fleiß.

„Wir Vietnamesen sind wie die Ameisen“, erzählt Frau Kim lächelnd. „Flink, geschickt, fleißig.“ Auch ihre jüngere Freundin Thi Tuyet Nguyen habe sich auf diese Art durchgebissen und so den harten Alltag in Cottbus bewältigt. Sie kam direkt nach der Schule als Vertragsarbeiterin ans TKC. Nach einem vierwöchigen Deutschkurs wurde sie in die Produktion nach Forst geschickt. Schichtarbeit, oft auch am Wochenende.

„Wir haben manchmal sehr viel geweint“, erinnert sie sich. Fern von der Familie, isoliert durch fehlende Sprachkenntnisse und den Druck, in Deutschland bestehen zu müssen. Kontakte zu Deutschen waren unerwünscht, Schwangerschaften verboten. „Wer zurückgeschickt wurde, der hatte auf ewig einen Fleck im Lebenslauf, der konnte auch in Vietnam nichts mehr werden“, sagt Frau Tuyet.

3000 Mark gab es für die Rückreise nach Vietnam

Mit der Wende mussten sie und die anderen Vietnamesen sich entscheiden: Gehen oder bleiben? Für die Rückreise in die Heimat gab es 3000 Mark Abfindung. Wer in Cottbus bleiben wollte, musste Arbeit und Wohnung nachweisen. „Wir haben uns selbstständig gemacht und wollten erst mal ein Jahr sehen, wie es läuft“, erzählt Frau Tuyet. Aus dem einen Jahr wurden erst zwei, dann vier, dann acht. Inzwischen wurden Kinder geboren, das Geschäft lief. „Wir hatten plötzlich ein richtiges Leben hier, das wollten wir nicht so einfach aufgeben.“ Die Kinder, da waren sie sich einig, sollten von dem guten deutschen Bildungssystem profitieren können.

„Solch eine Ausbildung gibt es in Vietnam nicht“, sagt Frau Kim. „Und da wir Vietnamesen einfach alles für unsere Kinder machen würden, sind wir geblieben.“ Die Frauen haben inzwischen längst die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, sie fühlen sich heimisch in Cottbus. Den Schülern sagen sie: „Lernt fleißig. Und wenn Ihr eine Chance bekommt, ins Ausland zu gehen, dann nutzt sie.“.