ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:06 Uhr

Cottbus
Cottbuser Retter in Not

 Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes in Cottbus sind am Limit. Fehlendes Personal und Überstunden belasten die Notfallsanitäter. Die Arbeitsbedingungen sollen sich durch ein neues Dienstzeitsystem und Investitionen verbessern.
Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes in Cottbus sind am Limit. Fehlendes Personal und Überstunden belasten die Notfallsanitäter. Die Arbeitsbedingungen sollen sich durch ein neues Dienstzeitsystem und Investitionen verbessern. FOTO: Frank Hilbert
Cottbus. Die Mitarbeiter im Rettungsdienst schlagen wegen Überlastung Alarm. Die Arbeitszeiten sollen nun angepasst werden. Trotzdem fehlen Leute. Von Peggy Kompalla

Wie hoch ihre Arbeit angesehen ist, haben Feuerwehrleute und Sanitäter jüngst beim Neujahrsempfang erleben dürfen. Hunderte Besucher erhoben sich beim Auftritt der Retter in der Stadthalle unter Applaus spontan von ihren Sitzen und zollten ihre Anerkennung. Es war der emotionalste Moment des Abends. Dabei treiben die Mitarbeiter des Rettungsdienstes solche großen Nöte um, dass sie Alarm schlagen.

Ein Mitarbeiter hat einen Brief an Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) und Feuerwehrchef Jörg Specht geschrieben. Darin berichtet er: „Die kaum noch zu beschreibende Frustration und Resignation innerhalb des Kollegenkreises führt mittlerweile zu einem großen Personalengpass durch Abwanderung.“ Mehrere junge Kollegen seien wegen der attraktiveren Arbeitsbedingungen direkt nach der Ausbildung in den benachbarten Spree-Neiße-Kreis gewechselt. Wodurch die Belastung der Mannschaft weiter wuchs. Das führte dazu, so schildert es der Notfallsanitäter in seinem Brief, dass er selbst an allen Weihnachtsfeiertagen, Silvester und Neujahr jeweils von 7 bis 19 Uhr Dienst schieben musste.

Das bestätigt Jörg Specht. Der Feuerwehrchef versteht, dass dem Mitarbeiter angesichts dieses Pensums der Kragen geplatzt ist. Auch Leitstellenchef Ingolf Zellmann will nichts beschönigen. „Wir haben alle die gleiche Auffassung“, sagt er. „Nur können wir nicht so schnell reagieren, wie sich die Kollegen das wünschen.“ So liege bereits ein neues Dienstzeitsystem vor, das am kommenden Dienstag vorgestellt und mit den Mitarbeitern diskutiert werden soll. Dies lege zwei Modelle zugrunde, für die sich die Sanitäter entscheiden können. Das soll mehr Flexibilität bringen.

Trotzdem werde immer ein Unterschied zu den Arbeitsbedingungen im Spree-Neiße-Kreis bestehen bleiben. Das liege zum einen am recht engen Korsett, das der Stadt als Arbeitgeber durch den Tarif des Öffentlichen Dienstes angezogen wird. So seien keine 24-Stunden-Dienste wie beim Rettungsdienst im Landkreis möglich. Doch gerade die sind aus Sicht der Mitarbeiter attraktiv, bieten sie doch direkt im Anschluss einen ganzen Tag Freizeit. Dagegen müssen sie in Cottbus Zwölf-Stunden-Schichten an mehreren Tagen hintereinander schieben. Zum anderen ist allein durch die Stadtstruktur die Arbeitsbelastung für den einzelnen Notfallsanitäter deutlich höher. „Wir haben in Cottbus eine viel höhere Einsatzfrequenz an zwei Standorten. Im Landkreis verteilt sich das auf sieben Wachen“, erklärt Jörg Specht.

Der Rettungsdienst kommt in Cottbus im Jahr im Durchschnitt auf 17 000 Einsätze. Die Zahl der Bagatellfälle macht dabei nach Einschätzung von Ingolf Zellmann bis zu 30 Prozent aus. „Cottbus steht damit nicht allein. Das ist ein bundesweites Phänomen“, sagt er. Um dagegen anzukommen, will die Stadt deshalb im Frühjahr gemeinsam mit dem Landkreis Barnim ein Pilotprojekt starten und einen Notfalltransporter einführen. „Der Transporter fährt nicht mit Blaulicht raus, sondern kümmert sich um die Fälle innerhalb von 20 bis 60 Minuten“, erklärt der Leitstellenchef. „Das wird eine Entlastung bringen.“ Der Einsatz der Notfalltransporter werde durch die Leitstelle gesteuert.

Das sei nur ein Baustein, um die Bedingungen im Rettungsdienst zu verbessern. So werden in diesem Jahr noch fünf Rettungswagen ersetzt und ein zusätzliches Fahrzeug in Dienst genommen. Zudem geht 2019 am Carl-Thiem-Klinikum ein neuer Standort für die Notarzteinsatzfahrzeuge in Betrieb. Darüber hinaus werden für Rettungsdienst und Leitstelle jeweils zehn zusätzliche Stellen geschaffen.

Das klingt alles gut. Allerdings sind derzeit nicht einmal alle Stellen im Rettungsdienst besetzt. Im vergangenen Jahr verließen sechs Notfallsanitäter Cottbus.