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| 17:10 Uhr

Alexander Knappe
Intimer Einblick, intimer Rahmen

Ohne Chaos keine Lieder - Alexander Knappe liest aus seinem neuen Buch - Branitz Ballsaal - 25. April 2018
Ohne Chaos keine Lieder - Alexander Knappe liest aus seinem neuen Buch - Branitz Ballsaal - 25. April 2018 FOTO: Tino Schulz
Cottbus. Die LR holt Alexander Knappe zur musikalischen Lesung ins Branitzer Kulinarium.

Beinahe wäre es das gewesen mit der Musiker-Karriere. Alexander Knappe sitzt auf einem Trecker, der bewegt sich schnurstraks aufs Tonstudio zu. Der Musiker kann gerade noch das Lenkrad herumreißen, dem Trecker zum Opfer fällt nur ein Basketballkorb auf dem Hof vor dem Studio.

Alexander Knappe sitzt auf einem Sessel, hält ein kleines Buch in der Hand. In dem steht die Anekdote über den Trecker, auch, wie glücklich der noch kleine Knappe war, als das Ja von der Sportschule kam. Er war angenommen, konnte seinen Traum, Profisportler zu werden, noch eine Weile weiterträumen. Irgendwann kam der Kreuzbandriss, ein verhauenes Abitur, eine harte Zeit für den damals 18-Jährigen aus Cottbus. Die Zukunft war plötzlich keine mehr. Das ist besonders schlimm für ihn gewesen, sagt Knappe, immer noch auf dem Sessel sitzend, gerade weil bis dahin alles in seinem Leben einigermaßen rund gelaufen war.

Der 33-jährige Popsänger hat am Mittwochabend zum ersten Mal gelsen und gesungen an einem Abend, die LAUSITZER RUNDSCHAU hatte ihn zu einer musikalischen Lesung ins Branitzer Kulinarium geholt. Rund eine Stunde vor Beginn standen die Interessierten schon Schlange vor dem Einlass. Die Schlange wurde länger und länger, bis sich um 17 Uhr endlich die Türen öffneten. Von Knappe noch keine Spur. Der kam erst, als das Licht bereits ausgeschaltet war, bahnte sich seinen Weg durch den Saal, singend, hautnah vorbei an den Gästen. 260 waren es, die die vorhandenen Plätze im Ballsaal fast restlos füllten, klatschten, mitsangen.

Alexander Knappe ist ein ehrlicher Typ. Er erzählt etwa, dass trotz Chartplatzierungen, obwohl seine Songs im Radio gespielt werden, obwohl er nach seinem Aus in einer Castingshow Schlagzeilen machte, Geld nicht immer unbedingt in Mengen da ist. Um eine Wohnung in Berlin zu bekommen, gab er die Gehaltsnachweise seines Kumpels ab. Der war Schornsteinfeger, hatte in gutes, sicheres Einkommen. Als Musiker, erzählt Knappe, habe er kaum eine Chance auf Wohnraum in der Hauptstadt gehabt. Es hat funktioniert, Knappe bekam das Okay für die Wohnung. Bei der Schlüsselübergabe aber erkannte ihn die Maklerin, gab aber auch zu, großer Fan zu sein, gab ihm die Wohnung trotzdem.

Beim Schwarzfahren erwischt, konnte sich Knappe einmal mit einem Autogramm freikaufen – die Frau des Kontrolleurs sei Fan gewesen, erzählt der gebürtige Gubener. Als Pizzalieferant hat er einmal eine Pizza an zwei Fans geliefert, die ihr Glück kaum fassen konnten. Knappe selbst war’s peinlich, aber um einigermaßen sorgenfrei am neuen Album arbeiten zu können, musste Kohle her, sagt der Musiker.

Knappe will nicht  zu viel verraten. „Ihr sollt ja das Buch noch kaufen“, sagt er, füllt trotzdem rund zwei Stunden Programm mit Anekdoten und Songs. „Weil ich wieder zu Hause bin“, „Wir kommen auch morgen noch wieder“, „Du“ – für die Fans im vollen Ballsaal führen zu leeren Stühlen und stehenden Fans. Knappe selbst tanzt, zieht die leidenschaftlichen Töne lang: „Das ist jetzt der Moment, in dem normalerweise die Schlüpfer fliegen“, scherzt er.

Am Ende des Saals stehen CDs und Fanboxen zum Verkauf. Immer wieder stehen einige der Besucher auf, laufen zum Verkaufstisch, kramen in der Geldbörse, halten ihre limitierten Boxen stolz in die Höhe. Ein Goldenes Ticket verspricht Knappe in einer der Boxen. Damit geht’s ein Leben lang zu allen Knappe-Konzerten. Außerdem gibt es die Möglichkeit, ein Wohnzimmerkonzert mit Knappe zu gewinnen. Den Knappe auf der Couch wünschen sich offenbar recht viele.

Knappe erzählt immer wieder, dass Cottbus für ihn das Zuhause bleibt, so wie es Berlin mittlerweile auch geworden ist. Er erzählt von der Schmellwitzer Straße, in der er aufgewachsen ist, den Sanzeberg, wo er als Kind gerodelt ist, natürlich auf der Todespiste. Er erzählt vom Chaos, das sein Leben regiert, aber auch davon, dass er das für seine Musik brauchen kann.

Noten kann er nicht, hat nie gelernt zu singen. Eine Klavierstunde habe er gehabt, sagt er. Danach war ihm klar: Das war zu teuer, das war obendrein auch noch langweilig. Als Junge hat er einmal eine Beethoven-CD mit in die Schule gebracht. Alle anderen hätten typische 90er-Jahre-Musik gehört, er habe aber auf das Klassik-Schwergewicht gestanden. „Etwa eine Woche lang haben mich alle ausgelacht“, sagt Knappe. Das aber habe er gut aushalten können.

Sein großes musikalisches Vorbild sei der „Mann mit dem Megafon“ gewesen, der im Stadion der Freundschaft bei den Fangesängen „den Ton angibt“. „Einmal dort oben stehen“, hat sich Knappe gedacht. Mittlerweile steht er vor Hunderten, singt seine eigenen Songs, braucht bei seiner kraftvollen Stimme wahrlich kein Megafon. Und reißt mit, immer wieder im Kulinarium, vermutlich auch immer wieder auf seinen Konzerten. Seine erste große Headliner-Tour startet im kommenden Monat in Cottbus. Das Glad-House ist seit Wochen ausverkauft. Die Tour führt ihn quer durch Deutschland, erstmals auch in die Schweiz und nach Österreich. Knappes Radius wird größer, die Zahl seiner Fans auch. Das macht nur Sinn, liefert er doch seit mittlerweile drei Alben ordentliche deutsche Poprock-Musik ab.

Günther Jauch habe ihm einmal erzählt, er höre immer Knappes „Weil ich wieder zu Hause bin“, wenn er von den Aufzeichnungen in Köln nach Hause in Richtung Potsdam fährt. Und dass sich der Moderator freue, dass es endlich einmal wieder einen ostdeutschen Popstar gebe. „Das hat mich schon stolz gemacht“, sagt Knappe, den das Publikum nicht so recht von der Bühne lassen will. Eine Zugabe gibt’s: „Herz mit der Post“ ist das letzte, das schnellste, das tanzbarste Lied an diesem mal nachdenklichen, mal lustigen und äußerst sympathischen Abend.

Ganz so intim wird es womöglich nicht bei den großen Konzerten auf Knappes Tour. Bei denen vergisst er seine „Homebase“, sein Zuhause trotz großer Hallen in großen Städten nicht. Weil das Glad-House im Mai aus allen Nähten platzen wird, kommt Knappe noch einmal nach Cottbus, am 5. Dezember.

Ohne Chaos keine Lieder - Alexander Knappe liest aus seinem neuen Buch - Branitz Ballsaal - 25. April 2018
Ohne Chaos keine Lieder - Alexander Knappe liest aus seinem neuen Buch - Branitz Ballsaal - 25. April 2018 FOTO: Tino Schulz