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| 17:09 Uhr

Neues Zuhause
Cottbuser Schlosskirchen-Glocke zieht aufs Dorf

 Die Glocke der Cottbuser Schlosskirche hat ein neues Zuhause gefunden in der Dorfkirche Lichtenberg bei Frankfurt (Oder).
Die Glocke der Cottbuser Schlosskirche hat ein neues Zuhause gefunden in der Dorfkirche Lichtenberg bei Frankfurt (Oder). FOTO: MOZ/Sonja Jenning / Sonja Jenning
Cottbus/Lichtenberg. Von der Schlosskirche nach Lichtenberg: Sonntag findet die Weihe mit Festgottesdienst statt. Von Peggy Kompalla

Von der großen Stadt aufs Dorf – diesen Umzug hat die Glocke aus der Cottbuser Schlosskirche hinter sich gebracht. Nun hängt sie im Turm der Dorfkirche Lichtenberg am Rande von Frankfurt (Oder). Nachdem sie Heiligabend bereits das erste Mal geläutet hat, wird sie am Sonntag mit einem Festgottesdienst geweiht. Dann ist sie endgültig im neuen Zuhause angekommen und wird ihren Klang-Dienst verrichten. Für die Lichtenberger wird das ein emotionaler Moment, vollendet er doch ein großes Gemeinschaftswerk.

Lichtenbergs Ortsvorsteherin Ellen Thom ist ganz gerührt. „Diese kleine Cottbuser Glocke“, sagt sie und schiebt nach: „Sie wirkt wie ein Baby, wenn ich unsere Glocke dagegen betrachte. Unsere riesige beschädigte Glocke steht neben der Kirchenruine. Sie wurde durch den Zweiten Weltkrieg beschädigt. Letztmalig wurde sie im Dezember vergangenen Jahres per Hand zum Klingen gebracht.“ Künftig übernimmt die „kleine Glocke aus Cottbus“ diese Aufgabe und wird damit zur Lichtenbergerin. Ellen Thom sagt: „Sie ist etwas Besonderes. Wir sind dankbar für das Geschenk. Erklingt sie – hört es sich zuerst etwas stolprig an. Dann aber folgt ein ruhiger Gleichklang. Ich bin dankbar und fühle mich getragen. Der Klang ist besonders. Ich komme zur Ruhe.“

Es ist dem gemeinsamen Engagement von Ellen Thom und Pfarrerin Katharina Falkenhagen und der Hilfe des ganze Dorfes zu verdanken, dass die Kirche von Lichtenberg wieder auferstanden ist. Fast 60 Jahre stand sie als Ruine auf der kleinen Anhöhe, war ganz zugewachsen, als die Frauen im Jahr 2000 die Dorfgemeinschaft vom Wiederaufbau überzeugten.

Pfarrerin Falkenhagen sagt: „Das haben die Lichtenberger geschafft.“ 450 Einwohner zählt das Dorf vor den Toren der Stadt Frankfurt (Oder). Das Projekt hat die Gemeinschaft noch mehr zusammengeschmiedet. 350 000 Euro Spenden brachten die Menschen auf und unzählige Arbeitsstunden über viele Jahre.

Dabei wird dem Gotteshaus immer seine Geschichte anzusehen sein, denn auch nach dem Wiederaufbau bleibt die Kirche ein offenes Haus – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Turm ist geschlossen, hat ein Dach samt Spitze mit Glockenstuhl bekommen. Anders das Kirchenschiff: dessen Mauern sind gesichert, aber ein Dach fehlt. Obendrüber wacht nur der Himmel und ein kleines Segel. „Diese Kirche soll so offen bleiben“, sagt die Pfarrerin. Das mache nicht nur die besondere Atmosphäre des Ortes aus, sondern nehme vielen Menschen auch die Scheu vor dem Gotteshaus. „Das ist ein Ort für alle“, betont Katharina Falkenhagen.

Wenn auch für die Lichtenberger die Cottbuser Glocke klein erscheinen mag, tatsächlich ist es die große des einstigen Duos, wie Dr. Christian Lehm, Kenner der Cottbuser Kirchengeschichte, aufgeschrieben hat. Demnach wurden die beiden Glocken am 26. November 1870 in der Cottbuser Schlosskirche aufgehängt, am ersten Advent 1870 geweiht und erstmalig geläutet. Demnach trägt die große Glocke die Inschrift: „Wenn ich rufe, höre meine Stimme! Ps. 27, 7.1870.“ Die kleine war mit den Worten versehen: „Friede auf Erden! Luk. 2, 14. 1870.“ Ausgerechnet diese wurde im Jahr 1917 ausgebaut und zu Kriegszwecken eingeschmolzen. So wurde aus dem Glocken-Duo ein Solo bis zum Jahr 2014. Da wurde die Schlosskirche entwidmet, um im Januar 2015 zur ersten Synagoge Brandenburgs geweiht zu werden.

Die Cottbuser Superintendetin Ulrike Menzel erinnert an die bewegte Geschichte der Cottbuser Schlosskirche, die seit dem 20. Jahrhundert keine eigene Gemeinde mehr hatte. „Seit dem Kirchentag 1970 wurde sie von der Stadtmission mit Leben gefüllt: als offenes Haus, als Ausstellungskirche mit ökumenischer Ausrichtung. Die Glocke läutete zu den Andachten für Eilige und über 1000 ökumenischen Orgelvespern.“
Im Jahr 1984 fand das Nagelkreuz aus Coventry in der Schlosskirche seinen Platz. 1988 beherbergte das Gotteshaus das Treffen aller Friedens-, Umwelt- und Gerechtigkeitsgruppen. Die Umweltgruppe Cottbus wurde gegründet, die ab Mai 1989 zu Veranstaltungen einlud, die Wahlfälschungen und die Auseinandersetzung mit dem DDR-Staat thematisierten.

Nach 1990 öffnete die Stadtmission die Türen der Schlosskirche für Wohnungslose. Nach der Sanierung der Kirche im Jahr 2003 wurde diese Arbeit an neuem Ort fortgesetzt. Es gab Gottesdienste zum Weltgebetstag und zu anderen Anlässen, die Kreissynoden, Diskussionsveranstaltungen fanden in der Schlosskirche statt. „Die Kirche stand aber oft auch ungenutzt da“, sagt Superintendentin Menzel. „Das neue Leben in der Synagoge ist eine große Freude.“

Dass die Schlosskirch-Glocke in Lichtenberg ein neues Zuhause gefunden hat, ist für die Cottbuser Geistliche ein Segen. Für die Weihe am Sonntag hat Ulrike Menzel eine kleine Festschrift verfasst. Der erste Satz lautet: „Historische Momente sind selten. Umso schöner ist es, dabei sein zu können.“ Pfarrerin Katharina Falkenhagen lädt Cottbuser zum Fest am Sonntag ein und darüber hinaus: „Die Cottbuser sind immer sehr herzlich willkommen, die Glocke in Lichtenberg läuten zu hören.“

Der Festgottesdienst mit der Glockenweihe beginnt am Sonntag, 19. Mai, um 14 Uhr.

 Im Oktober 2014 verließ die Glocke den Turm der Schlosskirche. Thomas Walter kümmerte sich damals um die Zwischenlagerung.
Im Oktober 2014 verließ die Glocke den Turm der Schlosskirche. Thomas Walter kümmerte sich damals um die Zwischenlagerung. FOTO: Michael Helbig
 Die Schlosskirche im Juni 2014: Damals trug sie noch Kreuz und Glocke.
Die Schlosskirche im Juni 2014: Damals trug sie noch Kreuz und Glocke. FOTO: Angelika Brinkop