Ein kleiner Becher Joghurt? Heike Richter nickte der jungen Frau, mit der sie den Einkaufsmarkt besucht, aufmunternd zu. Natürlich könne sie den Joghurt in den Einkaufwagen stellen und alles andere, was sie für sich und ihre Kinder in den nächsten Tagen braucht. "Manche Frauen müssen wir erst ermutigen, selbstbestimmt zu leben. Wir begleiten sie, damit sie sich sicherer fühlen, haben bei Behördengängen erlebt, dass sie ernster genommen werden, wenn wir dabei sind. Und zugleich gewinnen wir auf diese Weise Ansprechpartner in den Einrichtungen, die uns beim nächsten Problem helfen", sagt Heike Richter. Die Adresse des Cottbuser Frauenhauses ist geheim, die Frauen und ihre Kinder sollen hier sicher sein und zu sich kommen können.

50 bis 60 Frauen sind es in jedem Jahr, die im Cottbuser Frauenhaus Zuflucht suchen. Manche bleiben nur Stunden, andere Monate. Eine junge Bulgarin, die die Polizei aus dem Spremberger Rotlichtmilieu befreit hatte, wohnte sogar vier Jahre im Frauenhaus. Sie kommen aus Cottbus, dem Spree-Neiße-Kreis, aber auch aus fernen Regionen, weil sie in ein Frauenhaus weit weg vom Partner wollten oder Wurzeln in der Lausitz haben. Zugenommen hat in den vergangenen Jahren der Anteil der Frauen mit Migrationshintergrund.

Das Durchschnittsalter der Schutzsuchenden lag im Vorjahr bei 35. "Wir haben 19- und 20-Jährige bei uns, aber auch 60-Jährige", bestätigt die junge Mitarbeiterin Maria Dänschel. "Über Jahre, ja, über Jahrzehnte werden sexuelle Gewalt und psychischer Druck ausgehalten, um den Schein nach außen oder die Familie für die Kinder zu wahren. Erst wenn die Kinder aus dem Haus sind, brechen die Frauen aus", weiß Heike Richter. Gerade diese älteren Frauen nehmen dann aber auch die Beratung sehr ernst und beginnen tatsächlich ein neues Leben. Andere Frauen kehren zurück, weil es ihnen einfacher scheint, sie Angst davor haben, es finanziell nicht zu schaffen. "Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe", erklärt Heike Richter.

Um den langen Tisch in der Küche stehen viele Stühle in verschiedenen Farben, einmal in der Woche treffen sich hier alle Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen, um über die nächsten Tage, den Reinigungsplan und Probleme zu sprechen. Viele Fenster lassen Licht ins Haus. Eine Sonnenblume ist das Symbol des Frauenhauses. All das soll mutiger, optimistisch machen. Nach der neunmonatigen Renovierung für knapp eine Million Euro im Jahr 2012/2013 ist das Frauenhaus, das einmal Kita war, gemütlich geworden. Seit 2015 leitet es Heike Richter. Doch sie kennt es länger. "Vor zehn Jahren hatte ich hier ein Praktikum", erzählt sie. Sie mag schwierige Fälle, kommt aus der Jugendarbeit, hat sich schon um schwierige Jungs gekümmert. Sie ist gegen jede Gewalt, weiß, dass manchmal auch Frauen in einer Beziehung mit der Gewalt beginnen.

Hinter dem neu durchstrukturierten Haus steckt auch ein neues Konzept. "Uns geht es verstärkter um die Kinder. Sie erleben die Gewalt oft mit und versuchen die Gewalt dann auch hier auszuleben", sagt Heike Richter. Deshalb gehört Doreen Nickus neu zum Team, eine junge Erzieherin. Sie hilft den Müttern, sich trotz ihrer Probleme um die Kinder zu kümmern.

Ehrenamtliche unterstützen seit vielen Jahren das Frauenhaus. Spenden kommen auch aus der Nachbarschaft. Und ohne Männer geht es nicht - bei Umzügen oder wenn ein großes Regal aufgebaut werden muss. Mit der Polizei und der Opferhilfe wird eng zusammengearbeitet. Intensiver soll der Kontakt zum Frauenzentrum werden. Träger des Frauenhauses ist seit der Eröffnung der Verein "Frauen helfen Frauen", den es seit 1990 gibt.

Das 25-jährige Bestehen des Frauenhauses wird am Freitag, 4. März, innerhalb der brandenburgischen Frauenwoche im Soziokulturellen Zentrum, Zielona-Góra-Straße 16, gefeiert - mit Erinnerungen, Grußworten und der Wanderausstellung "Spuren häuslicher Gewalt".

Zum Thema:
Supertussies, Walküren, Künstlerinnen, Politikerinnen, Mütter, Töchter - das Programm der 26. Frauenwoche vom 4. bis 13. März in Cottbus ist wortverspielt und bietet etwas für jede und jeden. Unterm Motto "Nehmt Kinder auf und ihr nehmt mich auf" startet am Freitag, 4. März, um 16.30 Uhr in der Oberkirche der ökumenische Gottesdienst zum Weltgebetstag. Im Rathaus eröffnen die Mädchen in Aktion (MIA) vom Frauenzentrum am 5. März, 15 Uhr, die Ausstellung "Du hast die Wahl". Schließlich packt die Kabarettistin Rena Schwarz im Stadthaussaal am 6. März, 19 Uhr, an. Das Staatstheater bringt sich mit der Komödie "Der dressierte Mann" am 9. März, 18 Uhr, in der Theaterscheune ein. Das Kunstmuseum Dieselkraftwerk lädt unterm Motto "Frauen in der bildenden Kunst" am 11. März, 19.30 Uhr, zu Live-Performance und Filmen ein. Eine Runde zum Thema "Ich muss eine Schale sprengen - Ach, Mama, ach, Tochter" hat die Bücherei Sandow mit den Linken für den 12. März, 15 Uhr, organisiert. Alle 16. Veranstaltungen finden sich unter www.stadt-cottbus.de .