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Cottbuser feiern die Weltoffenheit

Entspannt und friedlich war die Demonstration am Mittwoch, die durch die ganze Stadt führte und am Staatstheater endete.
Entspannt und friedlich war die Demonstration am Mittwoch, die durch die ganze Stadt führte und am Staatstheater endete. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Angesichts des rappelvollen Schillerplatzes steht den Organisatoren vom Cottbuser Aufbruch und Cottbus Nazifrei am Mittwochabend die Freude ins Gesicht geschrieben. Rund 1000 Menschen drängeln sich vor dem Staatstheater. Peggy Kompalla

In zwei Demonstrationszügen aus dem Norden und Süden waren sie vors Theater geströmt. So entspannt war der 15. Februar in Cottbus schon lange nicht mehr. Die Beteiligten genießen das friedliche Treiben. Genugtuung ist zu spüren. Denn erstmals seit Jahren kommt es nicht zur Konfrontation mit der NPD. Die Rechtsradikalen hatten ihren sonst üblichen so genannten Trauermarsch kurzfristig abgesagt. Dieser Geschichtsverdrehung widersetzen sich die Cottbuser unter dem Zusammenschluss "Cottbus bekennt Farbe" - mit Erfolg.

Pfarrer Stefan Aegerter strahlt. Rund um die Lutherkirche tanzen bunte Luftballons in den Bäumen. Auf einem Banner steht: "Gott ist nur Liebe. Wagt für die Liebe alles zu geben." Der Pfarrer sagt: "Es ist eine große Freude, dass die NPD heute nicht demonstrieren konnte. Es ist gut, dass die Zivilgesellschaft zusammenhält und das nicht von einer Demonstration der NPD abhängig macht."

Oliver Zippel ist von Dresden auf Heimaturlaub und reiht sich ganz spontan in die Demonstration ein. "Cottbus ist von Rechts geplagt. Da muss man Flagge zeigen", sagt er und lobt den Zusammenhalt in der Stadt: "Hier findet die Mitte zusammen und beeinflusst sich gegenseitig positiv. Genau das Gegenteil ist in Dresden mit Pegida der Fall." Wie zum Beweis schiebt sich Lars Katzmarek von der Jugend der Bergbaugewerkschaft IGBCE in die Menschenreihen. Er trägt ein Schild auf Bauch und Rücken. Drauf steht: "Free hugs" - also kostenlose Umarmungen. Mit dem sperrigen Karton bedarf es dafür einiger Akrobatik. Egal. "Wir wollen ein Zeichen setzen und die Kultur und Kreativität in der Stadt mitgestalten."

Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) sagt vor dem Theater: "Cottbus kann stolz auf sich sein. Heute ist nicht nur ein Tag des Gedenkens. Es ist auch ein Tag der Freude und Genugtuung." Dann erzählt er noch von der Wiedereröffnung der Hildebrandt-Grundschule in Sachsendorf. "Wir haben die Feier ganz bewusst auf das heutige Datum gelegt. Die Schule ist für ihre Internationalität bekannt. Dort bekommen viele Kinder aus dem nahen Flüchtlingsheim ihre ersten Deutschstunden." Bildung sei der einzige Weg, um gegen rechte Gedanken zu wirken. Martina Münch vom Cottbuser Aufbruch erinnert angesichts der Feierlaune: "Der 15. Februar ist eigentlich kein Grund zum Jubeln. Wir sind in der Pflicht, uns daran zu erinnern, dass nie wieder von deutschem Boden Krieg ausgeht. Es ist gut, dass wir zur neuen Heimat werden für viele Menschen aus den Krisengebieten der Welt." Tatsächlich haben sich einige Neu-Cottbuser unter die Menschenmenge gemischt. Rami Abo Saleek spricht kurz zu den Menschen. Er stammt aus Syrien, wo er als Innenarchitekt arbeitete. Er hat eine klare Botschaft: "Extremisten - egal ob Moslems oder Nazis - lasst Deutschland in Ruhe. Wir wollen einfach nur leben."

Für BTU-Präsident Prof. Jörg Steinbach ist der NPD-Rückzug angesichts des wachsenden Populismus nur ein Teilerfolg. "Wir dürfen uns nicht nur selbst bestärken, sondern wir müssen auf die Menschen zugehen, die wir zu verlieren drohen."