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Cottbuser erobern ihre Straßen zurück

Mit witzigen Aktionen beweisen Demonstranten am 15. Februar seit Jahren Fantasie und Durchhaltevermögen.
Mit witzigen Aktionen beweisen Demonstranten am 15. Februar seit Jahren Fantasie und Durchhaltevermögen. FOTO: dpa
Cottbus. Die NPD hat ihre Demonstration zum 15. Februar abgesagt. Damit erobern sich die Cottbuser die Straße zurück und ebenso die Erinnerung an die mehr als 1000 Toten durch die Bomben. Peggy Kompalla

Zuletzt war es nur noch ein klägliches Häuflein von 40 NPD-Anhängern. In diesem Jahr hat die Partei gleich abgesagt. Damit hat das Bündnis Cottbus bekennt Farbe sein Ziel eigentlich erreicht. Die Rechtsradikalen können das Gedenken an die Bombardierung von Cottbus am 15. Februar 1945 nicht für sich nutzen. Trotzdem gehen Cottbuser Aufbruch und Cottbus Nazifrei am kommenden Mittwoch erneut auf die Straße.

Gewerkschafter Lothar Judith ist der Sprecher vom Cottbuser Aufbruch. Er konstatiert: "Die Gesinnung ist nicht aus den Köpfen." Dabei erinnert er an den unangemeldeten Fackelmarsch Rechter in der Sprem im Januar und den Überfall auf den Club Chekov, bei dem Vermummte auf die Besucher einer Studentenparty einschlugen. "Es gibt leider genug Gründe weiterzumachen."

Das bestätigt Martin Wenzel von Cottbus Nazifrei. "Die Gewalttaten von rechts nehmen weiter zu - besonders in Cottbus und Spree-Neiße." Das belegen Zahlen der Opferperspektive: Jeden Monat taucht Cottbus meist mehrfach in der Online-Chronologie des Vereins auf. Die Geschichten ähneln sich: Flüchtlinge und Menschen anderer Gesinnung werden beschimpft, beleidigt, getreten, mit Flaschen beworfen. "Wir setzen uns für eine offene Gesellschaft ein. Wir wollen mit vielen unterschiedlichen Menschen gemeinsam auf der Straße gegen rechte Gewalt demonstrieren."

Dabei wertet Cottbus Nazifrei die Absage der NPD als einen Erfolg, wie Martin Wenzel betont. "Das ist nur durch die Zusammenarbeit mit dem Cottbuser Aufbruch und der Stadt möglich gewesen. Das hat über die Grenzen von Cottbus hinaus Schule gemacht." Tatsächlich ist die Zusammenarbeit des bürgerlichen Cottbuser Aufbruchs mit dem studentisch geprägten Bündnis Cottbus Nazifrei, das Blockaden ausdrücklich befürwortet, eine Besonderheit. Jedes Jahr bestätigt das Cottbuser Stadtparlament aufs Neue diesen Zusammenschluss unter dem Titel "Cottbus bekennt Farbe" und gibt ihm damit entsprechendes politisches Gewicht. Im Januar erneuerten die Abgeordneten dieses Bekenntnis - mit Ausnahme des einzigen Cottbuser NPD-Abgeordneten Ronny Zasowk und der AfD-Fraktionschefin Marianne Spring-Räumschüssel.

Unter dem Slogan "Cottbus bekennt Farbe" traten die Menschen den Rechtsradikalen im Jahr 2011 erstmals entgegen. Damals marschierten 230 NPD-Anhänger durch die Stadt und wurden dabei vor der Lutherkirche - dem Symbol des 15. Februar für Cottbus - von einem Pfeifkonzert empfangen. In der Zeit wuchs die Befürchtung, dass die Rechtsradikalen ihren Fokus von Dresden in die Lausitz verlegen. Die sächsische Landeshauptstadt gedenkt am 13. Februar der Bombardierung. "Das haben wir verhindert", sagt Martin Wenzel von Cottbus Nazifrei. Tatsächlich ist durch den breiten Widerspruch und die Blockaden auf den Cottbuser Straßen die Zahl der rechten Demon stranten stetig gesunken. 2015 und 2016 verzichteten sie sogar auf Umzüge durch die Stadt und trafen sich nur noch am Turnerdenkmal an der Dresdener Straße zur Kundgebung. Den Weg dorthin fanden sie freilich nur unter massivem Polizeischutz.

Am Mittwoch wird der nicht nötig sein. Das Bündnis "Cottbus bekennt Farbe" zieht am Nachmittag auf zwei Routen vom BTU-Campus im Norden und vom Turnerdenkmal im Süden durch Cottbus (siehe Grafik). Ziel ist das Staatstheater. Dort findet die Abschlusskundgebung statt. "Auf dem Weg reihen sich immer mehr Teilnehmer ein", sagt Lothar Judith. Das hat sich in den Vorjahren bereits bewährt. "An der Kreuzung von Bahnhofstraße und Karl-Liebknecht-Straße treffen beide Züge kurz vor 18 Uhr zusammen. Dort gibt es eine Performance der Tanzwerkstatt von Golde Grunske." Zum Abschluss auf dem Schillerplatz werden neben Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU), BTU-Präsident Professor Jörg Steinbach und die Cottbuser Superintendentin Ulrike Menzel sprechen.

In der Lutherkirche, wo die Bomben vom 15. Februar 1945 als erste einschlugen, wird bereits um 11.30 Uhr der Opfer mit einem Friedensgebet gedacht.

Auf dem Muckeplatz in Schmellwitz gibt es 15 Uhr bunten Tee statt braune Brühe. Dazu werden Gedichte gereicht.

Zum Thema:
11.35 Uhr ertönt der Fliegeralarm über Cottbus. 11.51 Uhr schlagen erste Bomben südlich des Bahnhofs ein. Die Häuser um den ehemaligen Lutherplatz erhalten Volltreffer. Von der Lutherkirche bleibt nur eine Ruine. 11.55 Uhr wird das Krankenhaus getroffen. 12.08 Uhr explodiert ein Munitionszug auf dem nördlichen Bahngelände. Zwischen 11.51 und 12.20 Uhr gehen rund 4000 Sprengbomben über dem Stadtgebiet nieder. Sie treffen den Bahnhof und seine Anlagen, die östlichen und südlichen Stadtteile und die Branitzer Siedlung. Die Spremberger Vorstadt wird am härtesten getroffen. In 29 Minuten werden 356 Häuser zerstört und 3600 Wohnungen beschädigt. Mehr als 13 000 Menschen werden obdachlos. Weit über 1000 Menschen verlieren ihr Leben.