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In den Ruhestand
Cottbuser Dezernent reimt sich in den Abschied

Berndt Weiße räumt sein Büro im Cottbuser Rathaus.
Berndt Weiße räumt sein Büro im Cottbuser Rathaus. FOTO: Ulrike Elsner / LR
Cottbus. Berndt Weiße geht nach fast 13 Jahren als Dezernent für Soziales, Kultur und Sport in Cottbus in den Ruhestand. Er verabschiedet sich mit einer besonderen Rede im Stadtparlament von seinen Mitarbeitern und den Stadtverordneten.

Seine Rede vom 25. Oktober 2017 im Wortlaut:


Time to say good bye.
Zu Deutsch: Es ist vorbei. Fast 13 Jahre Dezernentenzeit,
mein Arbeitsvertrag meint, es sei so weit.
Ende Oktober fällt der Hammer,
für mich kein Grund zu Traurigkeit und Jammer.
Hier steh’ ich nun und such nach Worten,
Abschied erlebt ich schon an andren Orten.
Sie hören richtig, vielleicht auch mit Entsetzen,
reimen tut der Weiße, will er sich nicht lieber setzen?
Nun, so lasst mir den Spaß der letzten Worte,
zum Schluss erst werft die Eier und die Torte.


Gegraut hat mir’s vor diesem Tag,
weil ich Abschied nehmen gar nicht mag.
Deshalb hab’ ich mir gedacht,
die Traurigkeit wird weggelacht.
So will ich denn der Reime Lockerheit benutzen,
um zu vermeiden Emotionen, Tränen und das Naseputzen.
Das letzte Mal am Pult ich stehe,
muss noch einiges sagen, bevor ich gehe.
Viel passiert ist in all den Jahren,
manchmal lagen wir uns sogar in den Haaren.


Auch mein Dank gehört in diese Runde,
erfahrt’s nicht aus der Zeitung, sondern aus meinem Munde.
So viel Zeit zum Reden hab’ ich nicht,
deshalb folgen die Punkte jetzt dicht auf dicht.
Auf meinem Schreibtisch war nicht nur Papier die Wahrheit,
manch’ Gespräch, manch’ Streit sorgten auch für Klarheit.


Unsere Arbeit brachte Schlagzeilen in manch’ Sommerloch.
Erkenntnis: Die Verwaltung, sie bewegt sich doch.
Schulbau, Kita und auch Trägerstreit,
Geldmangel für Kultur und Jugend weit und breit.
Rattenplage, Salmonellen und gesunde Kost,
PC-Bedarfe, Schülerstühle mit und ohne Rost,
Intereg-Förderung für Branitz und Tierpark,
Personaleinsparung, HSK und manch andrer Quark.
CMT-Geschäftsführer unter Korruptionsverdacht,
FCE in der Regionalliga, wer hätte das gedacht?


Jugendpolitik, die macht uns manche Sorgen,
Schulsozialarbeit, Jugendförderung, da denken wir an morgen.
Kindeswohlgefährdung, hilflose Eltern und solche Geschichten,
da hört der Spaß auf, darauf können wir alle gern verzichten.
Witaj - der Sorbenleuchtturm in Gefahr,
ist das in Potsdam auch allen klar?


Da wir grad dort sind, will ich nicht schweigen,
der Landesregierung gelang auch anderes zu vergeigen.
Basteln am Schulgesetz, der Minister Hobby,
Schulen und Eltern stöhnen: Wo bleibt die Lobby?


Und dann Jahr für Jahr das gleiche Gerenne,
Ende der Grundschulzeit, wollen denn alle auf die Penne?
Nein, nicht ganz. Da gibt’s in Kolkwitz noch Gebuhle,
die wollen tatsächlich eine komplette Gesamtschule.
Nicht nur Schüler, auch das Geld wird dafür fehlen,
da hilft es nicht die Millionen im Kassenkredit zu zählen.


Ja, Bildung ist immer noch eng mit Geld verbunden.
leider hab’ auch ich in vielen Jahren keine Lösung gefunden.
Sparen, sparen und jährlich ein HSK-Konzept,
kein Kämmerer hatte bisher eine Lösung entdeckt.
Und weiter geht die Hatz,
Kienbaum, auch das war für die Katz’.


Schulschließung und Gymnasialstreit,
das war wirklich keine schöne Zeit.
Heute sieht man die Defizite vergangener Jahre,
Schule voll, Bildungskonzepte Mangelware.
Bildungspolitik in Brandenburg sehe ich mit Weh und Ach,
da gibt’s auch weiterhin manch’ politischen Krach.


Ach, und Kreisgebietsreform,
da war doch was. Kann es sein, das ist nur Spaß?
Denn mit Ernst kann das wohl keiner wollen im Ländle.
Menschen brauchen Perspektive und keine Experimente.
Menschen gibt’s in Cottbus noch viele,
die Hunderttausend nahmen wir uns zum Ziele.
Geschafft ist das längst,
auf legale Weise,
mit Zuzügen aus Syrien und Spree-Neiße.


Für all diese Menschen muss man aber auch etwas tun,
viele brauchen Hilfe, das lässt uns nicht ruhen.
Ich bin stolz auf das, was wir machen,
im Sozialgeschehen gibt es viele Sachen.
Keiner muss bei uns auf der Straße leben,
die Gemeinschaft ist bereit, auch viel zu geben.
Haupt- und Ehrenamt beseitigen so manche Hürde,
bewahren oft im Verborgenen Manches Menschenwürde.


Doch viele Bürger haben Sorgen,
weil sie oft nicht wissen, was wird morgen.
Altersarmut, Demenz und Notstand in der Pflege,
wird diskutiert, kontrovers und sehr rege.
Lösen können wir das nur gemeinsam mit viel Kraft,
auf allen Ebenen unserer Gesellschaft.


Genug mit großer Politik und den Klagen,
wir in Cottbus schaffen das. Lasst Euch das sagen.
Damit ist das Stichwort gefallen,
das Emotionen auslöste bei uns allen.
Keine Angst, das Thema muss ich hier nicht aufmachen,
wir haben viel erreicht, mit ganz vielen Sachen.


Deshalb an Sie, die Stadtverordneten, mein Danke.
Mit Ihrer Hilfe haben wir beseitigt so manche Schranke.
Team Asyl, Netzwerke und Strukturen weben,
Integration wird funktionieren. Wir werden es erleben.


Was gab es noch im Rückblick meiner Jahre?
Wo ich einbüßte die komplette Pracht meiner Haare.
Viele Stichworte habe ich schon genannt.
Memoiren könnt’ ich eigentlich schreiben, mindestens einen Band.
Um es kurz zu machen: Da gibt’s noch mehr,
auch diese Themen bewegten uns sehr.


Fördermittelskandal beim FC Energie,
neun Millionen Rückzahlung, das täte ihnen weh.
Zum Glück konnte Politik den Schaden mindern,
leider hat’s den Abstieg nicht können verhindern.
Vorsorge an Schulen gegen Amoklauf,
Wahnsinn von Menschen bewirkt manchen unsinnigen Kauf.
Der Running Gag der Jahrzehnte,
ich weiß nicht, ob ich’s schon erwähnte?
Filmfestival ohne Kino in der Innenstadt,
gab’s nur in Cottbus. Wir hatten’s satt.
Museumsstreit auch ohne Ende.
Sparkassenkauf brachte auch nicht die Wende.


Synagoge im Kirchengebäude,
wird es nicht fehlen, das Glockengeläute?
In der Stadt liegen mehr als 80 Stolpersteine,
mit unser Geschichte soll keiner bleiben alleine.
Danke an die, die Erinnerung wach halten,
das ist für die Jungen und nicht nur für die Alten.


Unnötige Aufregung um die Flagge mit dem Regenbogen,
das bunte Volk ist schon oft durch die Stadt gezogen,
hissen wir die Flagge: Nein oder Ja?
War für mich keine Frage: Die Menschen sind doch da.


Immer wieder gab’s auch schöne Sachen,
Termine waren nicht immer ernst, oft konnt’ ich lachen.
Zum Beispiel bei den verrückten Weibern der Fastnacht,
die haben mich um meine besten Schlipse gebracht.
Der Weihnachtsmark alljährlich mit Stollenanschnitt,
das war ein Spaß, da musste ich mit.
Klebrige Finger, Staubzucker an Jacke und Hose,
manch einer nahm es mit, das Stück, in der Tupperdose.


Hundertjährigen zu gratulieren war mein Hobby.
Es war immer ein Fest. Die Alten haben keine Lobby.
Der Blick zurück auf hundert Jahre Leben,
hat auch mir oft viel gegeben.


Deutsch-Polnisch ist immer viel gelaufen,
mit Partnerprojekten konnten wir uns Vieles kaufen.
Trotzdem ich immer noch kein Polnisch kann,
ziehen zahlreiche Freunde mich in ihren Bann.


Gelebt hab’ ich manche Zeit in Stress und Eile,
manchmal abends im Ausschuss gab’s Keile.
Wochentags Bürotermine im Stundentakt,
Wochenende Sport und Kultur eingesackt.
Mehr oder weniger kluge Reden gehalten,
oft zughört den Sorgen von Jungen und Alten.
Mitarbeiter motiviert und orientiert,
nicht immer lief der Laden wie geschmiert.
Kurzum: Es war ein Job mit ständiger Bewegung,
wenig Zeit für Besinnung, dafür viel Aufregung.


Ihr werdet wissen wollen, wie ich das hab’ geschafft?
Wie geht das alles? Woher kommt die Kraft?
Nun, es war ganz einfach: Wenn zurück ich denke,
die Mitarbeiter schuften und ich lenke.


Aber im Ernst, ich rede vom kollektiven Schatz,
das sagt man nicht in einem Satz.
Mir werden fehlen die vielen Charaktere,
auch dieses Hohe Haus hatte für mich manche Lehre.
Ob Stadtverordnete oder Mitarbeiter,
gemeinsam brachte es uns immer weiter.
Das Geheimnis dieser langen Arbeitszeit,
hört zu: Ich greife in die Kiste der Altersweisheit:
Beamtenschweiß und Verwaltungskram,
kaum ein Bürger wird mit diesem Hause warm.
Wenn man überleben will im Hexenkessel,
muss er stabil sein, der Schreibtischsessel.


Oft bin ich gefragt worden, ganz salopp:
Wie schaffst Du das, nicht zu verlieren, den Spaß im Job?
Also dann will ich absondern, der Weisheit Werte,
in 44 Jahren Berufsleben, man auch mich belehrte.


Vier Botschaften halte ich für klug und richtig.
Zu eins: Bleib bescheiden und nimm’ Dich selbst nicht so wichtig.
Die Zwei heißt völlig ungefährlich,
sei berechenbar und ehrlich.
Beim Dritten denk’ ich auch an morgen,
nimm’ die Menschen ernst mit ihren Sorgen.
Mit Viertens vermeidet man vielleicht die teure Klage,
leg’ die Worte andrer nicht auf die Goldwaage.
Nun ist genug der schulmeisterlichen Worte,
sonst schmeißt doch noch einer die Torte.


Ihr seht, die Reime haben es gebracht,
keiner flennt, manche haben sogar gelacht.
Abschied ist normal und alltäglich,
ich gehe jetzt, sonst wird es kläglich.


Alle, die bleiben müssen oder wollen,
sollen weiter greifen in die Vollen.
Chef zu sein, auf welcher Ebene auch immer,
geht nur mit Herz, Verstand und völlig ohne Gewimmer.


Ich hoffe, keiner hat durch mich gelitten,
dann wär’ ich bereit, zu leisten viele Abbitten.


Time to say good bye.
Nein, es ist noch lange nicht vorbei.
Das Leben wird mich andernorts noch fordern,
nur Ihr hier, Ihr könnt mich nicht mehr ordern.


Zum Schluss füg’ ich ein, den geklauten Reim,
denn steckt er drin, der Entwicklung Keim:
Füge Dich der Zeit, erfülle Deinen Platz,
und räume ihn auch getrost, es fehlt nicht an Ersatz.

Applaus.


Das ist wie im Theater. Nach dem Applaus gibt es eine Zugabe. Die ist vor allem an die billigen Plätze da hinten gerichtet.


Wer gehen muss, wo gern er bliebe,
den trifft der Schmerz mit schwerem Hiebe.
Doch auch des’ Schmerz ist nicht geringe,
wer bleiben muss, wo gern er ginge.

Applaus.

(pk )