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| 02:32 Uhr

Cottbuser Dachpappenfabrik ist gefährlichstes Erbe der Stadt

Bis 1965 wurde auf dem Gelände der Dachpappenfabrik in Sandow produziert, danach diente es nur noch als Lager.
Bis 1965 wurde auf dem Gelände der Dachpappenfabrik in Sandow produziert, danach diente es nur noch als Lager. FOTO: Archivfoto Stadtverwaltung
Cottbus. Die Dachpappenfabrik an der Peitzer Straße gilt als die gefährlichste Hinterlassenschaft alter Tage. Die Sanierung geht 2019 in die nächste Runde. Die Zeit drängt. Peggy Kompalla

Eine gewissenhafte Vorbereitung für die weitere Sanierung der ehemaligen Dachpappenfabrik in Sandow ist wichtig. Umweltdezernent Thomas Bergner (CDU) bemüht ein Bild. "Bevor der Arzt sein Messer ansetzt, ordnet er vorher unzählige Untersuchungen an: Röntgenbild, MRT, Blutwerte. Er muss genau wissen, womit er zu tun hat." Genau so sei es mit dem verseuchten Betriebsgelände direkt an der Spree. "Deshalb dauert die Sanierung auch so lange." Im Grunde habe sie noch nicht wirklich begonnen. "Wir stecken mitten in der Planung", erklärt er. Dieser Prozess werde noch bis ins nächste Jahr dauern. Der Umweltdezernent rechnet damit, dass im Jahr 2019 dann mit der Sanierung der Schadstoffquellen begonnen werden kann.

Das sei auch dringend nötig, denn mit der Flutung des Ostsees ändert sich der Grundwasserfließrichtung. Das ist bis zum Jahr 2020 zu erwarten. Ist bis dahin die Quelle nicht bereinigt, droht die Gefahr, dass sich die Schadstoffe mit dem Grundwasserstrom weiter ausbreiten.

Dabei ist das betroffene Feld schon jetzt stattlich. Es umfasst 15 Hektar. "Es reicht von der Peitzer Straße bis in das Gewerbegebiet am Merzdorfer Weg. Die Schadstoffe vermischen sich mit der Fahne aus dem neuen Tanklager", erklärt Thomas Bergner und schiebt hinterher: "Täglich queren rund vier Kilogramm Schadstoffe die Peitzer Straße." In dem Zusammenhang ist ein ansonsten ungeliebter Stoff hilfreich. Bis in Höhe Stadtring werden demnach rund 70 Prozent der Schadstoffe durch Sulfate abgebaut. Das wissen die Fachleute durch Messungen. Das gesamte Gelände und das weitere Umfeld ist von Messpunkten durchlöchert. Die Salze der Schwefelsäure spielen dann auch bei der geplanten Sanierung des Areals eine Rolle. Noch wird allerdings am Verfahren getüftelt.

Dem Umweltdezernenten zufolge soll das Wabenverfahren angewendet werden. Dabei werden wabenförmige Stahlelemente durch Vibration in den Boden eingebracht. Der kontaminierte Boden wird ausgebaggert und entsorgt, der Hohlraum danach mit sulfathaltigem Material verfüllt. So soll der Untergrund Wabe für Wabe ausgetauscht werden.

Dass das funktioniert habe die Sanierung des Tanklagers am Stadtring bewiesen, sagt Thomas Bergner. Doch das Verfahren birgt eine Tücke: die Vibration. "Beim Tanklager war das kein Problem. Da draußen wohnt keiner." Doch rund um das Gelände der früheren Dachpappenfabrik stehen Wohnhäuser, eine Seniorenresidenz und liegt ein Spielplatz.

Neben dem Bodenaustausch sollen darüber hinaus auf dem Gelände mehrere Sanierungsbrunnen installiert werden, die den Abbau der Schadstoffe im Grundwasser befördern. Die Kosten für die Sanierung schätzen die Fachleute auf mehr als zwei Millionen Euro. Die Ausgaben trägt der Bund zu 100 Prozent. Die Stadt steuert ihren Anteil bei, indem sie das Projektmanagement übernimmt. Das schlage bislang mit rund 186 000 Euro zubuche.

Dabei weiß der Umweltdezernent schon heute: "Es ist unrealistisch, dass alle Schadstoffe wegkommen." Für das Gelände an der Spree werde es keine Nachnutzung geben. Vielmehr sei ein Frühwarnsystem aus Pegeln nötig, um Veränderungen im Schadstoffeintrag zu erkennen.

Vom Erfolg der Quellensanierung hänge auch ab, ob die Stadt die Nutzung des Grundwassers untersagen muss - ähnlich wiedas seit vergangenem Jahr in Ströbitz der Fall ist. Dort ist der Potsdamer Chemiehandel an der Parzellenstraße der Schadstofflieferant. "Wir können heute nicht sagen, ob das für auch für den Bereich der Dachpappenfabrik nötig wird", sagt der Umweltdezernent und betont: "Wir beobachten das permanent."

Zum Thema:
In den 1880er-Jahren hat Hermann Gentzen die Dachpappenfabrik mit Destillationsanlage und Teerbunkern errichtet. Als Ausgangsprodukt wurde der Steinkohleteer aus dem städtischen Gaswerk an der Lausitzer Straße verwendet. Die Produktion lief trotz Kriegsschäden bis zum Jahr 1965 weiter. Bis 1991 wurde das Gelände nur noch als Lager des VEB Chemische Werke Cottbus genutzt.Auf dem Grundstück an der Peitzer Straße befinden sich laut Stadtverwaltung rund 170 Tonnen Schadstoffe.1991 entfernte die Stadt eine erste Teergrube. Drei Jahre später wurden die Gebäude abgerissen. 1995 begann die Stadt mit dem Probebetrieb, um Schadstoffe vom Grundwasser abzuschöpfen und Bodenluft abzusaugen. 2014 wurden die sechs verbliebenen Teergruben entleert.